Ein Holzboot mit Flüchtlingen in Seenot auf dem Mittelmeer.
Schweiz

«Es geht darum, auf Flüchtlinge zuzugehen und sie als Mitmenschen zu sehen»

Flucht und Vertreibung reissen Menschen aus ihrem Leben. Wer in der Schweiz Schutz sucht, bringt Hoffnung mit: auf ein sicheres Zuhause, auf eine Zukunft in Würde, auf eine Gesellschaft, in die man sich einbringen kann. Am morgigen Flüchtlingssonntag wird Flüchtlingen gedacht. Nicola Neider, Leiterin der Fachstelle für Migration und Integration der Katholischen Kirche Stadt Luzern, schildert im Interview, wie es um Flüchtlinge hierzulande bestellt ist.

Wolfgang Holz

Frau Neider, am Sonntag wird der Flüchtlingssonntag der christlichen Kirchen und Flüchtlingschabbat der jüdischen Gemeinschaft begangen. Was kann ein solcher Gedenktag aus Ihrer Sicht wirklich bringen, um das Schicksal von Flüchtlingen wieder stärker im kollektiven Gedächtnis zu verankern?

Nicola Neider: Der Flüchtlingssonntag fällt jeweils zusammen mit dem Weltflüchtlingstag vom 20. Juni. In diesem Jahr wurde das Motto «Zusammen leben – zusammen wachsen» gewählt. Geflüchtete Menschen sind in erster Linie ganz einfach Menschen, die hier bei uns eine neue Heimat gefunden haben und dazu gehören möchten.

Nicola Neider
Nicola Neider

Der Flüchtlingssonntag bietet die Möglichkeit, geflüchtete Personen einzuladen, die von ihrem Leben zu erzählen, und Begegnungen vor Ort zu ermöglichen. Gleichzeitig ist es auch ein Gedenken an die vielen Menschen, die auf der Flucht nach Europa ums Leben kamen. Die Aktion «Beim Namen nennen – 66’519 Opfer der Festung Europa» erinnert in zehn Schweizer Städten an diesen Skandal: So viele Menschen starben auf der Flucht nach Europa seit 1993, weil es für sie keine sicheren Fluchtwege gibt und Europa sich einmauert.

Wie viele Flüchtlinge halten sich denn derzeit in der Schweiz auf und wie geht es Ihnen?

Neider: Als anerkannte Flüchtlinge leben aktuell 91’600 Menschen in der Schweiz. Hinzu kommen rund 70’000 Geflüchtete aus der Ukraine und rund 16’000 Personen, die noch im Asylverfahren sind. Ihr Anteil an der ganzen Bevölkerung beträgt damit weniger als zwei Prozent. Wie es den geflüchteten Menschen geht, hängt sehr stark davon ab, wie gesichert ihr Aufenthaltsstatus ist.

«Sobald die Menschen die Sicherheit haben, in der Schweiz bleiben zu können, integrieren sie sich in der Regel sehr schnell.»

Was heisst das konkret?

Neider: Das heisst: Sobald die Menschen die Sicherheit haben, in der Schweiz bleiben zu können, integrieren sie sich in der Regel sehr schnell. Die Integrationsagenda Schweiz hilft dabei, dass sie schnell die Sprache lernen, in den Arbeitsprozess integriert werden und auch sozial Teilhabe an der Gesellschaft haben. Ist hingegen ihr Aufenthaltsstatus ungewiss, geht es ihnen dementsprechend schlechter. Es gibt weniger Mittel für die Integration, es ist schwieriger, einen Arbeitsplatz zu finden, und auch die soziale Teilhabe ist aufgrund geringer Ressourcen erschwert.

Kann man sagen, dass es den Flüchtlingen hierzulande im Prinzip sehr gut geht, weil sie in relativer Sicherheit im Vergleich zu anderen Ländern leben? In Deutschland werden Flüchtlinge in letzter Zeit wegen zahlreicher Messerattacken sehr kritisch beäugt.

Neider: Zunächst möchte ich betonen: In Deutschland fielen geflüchtete Personen zuletzt dadurch auf, dass sie bei zwei Amokläufen deutscher Personen Zivilcourage zeigten und Schlimmeres verhinderten. Ich warne davor, die von Politik und Medien instrumentalisierten Vorfälle zu generalisieren. In der Schweiz wie in Deutschland gilt: Flüchtlinge leben dann sicher, wenn ihr Aufenthalt gesichert ist.

Legendäres Selfie mit einem Flüchtling: Angela Merkel im Jahr 2015. Für sie waren alle Flüchtlinge willkommen.
Legendäres Selfie mit einem Flüchtling: Angela Merkel im Jahr 2015. Für sie waren alle Flüchtlinge willkommen.

Die aktuelle Migrationspolitik führt aber dazu, dass immer mehr geflüchtete Menschen keine Bewilligung erhalten, sondern ausgeschafft werden sollen. Dies führt wiederum dazu, dass viele Geflüchtete in ständiger Angst leben, in einen Dublin-Staat wie Bulgarien oder Kroatien ausgeschafft zu werden, wo sie bereits Gewalt erlebten und wo das Asylsystem leider nicht so ausgebaut ist wie in Deutschland und in der Schweiz.

«Neben der Frage nach dem gesicherten Aufenthaltsstatus leiden geflüchtete Menschen darunter, wenn Ihre Ausbildungen aus der Heimat in der Schweiz nicht anerkannt werden.» 

Unter welchen Sorgen und Problemen leiden Flüchtlinge in der Schweiz in Ihrer Wahrnehmung am meisten?

Neider: Neben der Frage nach dem gesicherten Aufenthaltsstatus leiden geflüchtete Menschen darunter, wenn Ihre Ausbildungen aus der Heimat in der Schweiz nicht anerkannt werden. Sie müssen dann in sogenannten Billig-Lohn-Branchen arbeiten – das macht sie, wie armutsbetroffene Einheimische auch – zu Working Poor. Es fehlt dann an zeitlichen und finanziellen Ressourcen zur sozialen Teilhabe.

Horizon-Integrationsprogramm für Flüchtlinge an der Universität Genf.
Horizon-Integrationsprogramm für Flüchtlinge an der Universität Genf.

Ein Tag wie der Flüchtlingssonntag kann hier dazu beitragen, geflüchtete Menschen in der eigenen Pfarrei, im eigenen Quartier wahrzunehmen und zu schauen, wie man ihnen bei der Integration helfen kann. Arbeitsplätze und Wohnungen werden oft über Beziehungen vermittelt. Geflüchtete Menschen sind umso mehr auf solche Beziehungen angewiesen. Hier gibt es überall in der ganzen Schweiz unzählige kirchliche und zivilgesellschaftliche Gruppen, die genau dabei helfen.

«Ich bin so privilegiert, denn ich muss mir kein Flugticket in ein fernes Land kaufen, um eine andere Kultur zu erleben. Die andere Kultur begegnet mir hier ganz konkret in Luzern in der Begegnung mit Menschen, die flüchten mussten.»

Für viele in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern sind Flüchtlinge zumeist nur eine massenhafte Grösse von Menschen, die als Fremde ins Land strömen. Finden Sie es wichtig, dass wir, die wir hier beheimatet sind, auch öfters mal das Gespräch mit Flüchtlingen suchen sollten, um ihr Schicksal besser zu verstehen?

Neider: Es geht nicht nur darum, das Schicksal von geflüchteten Menschen besser zu verstehen – auch wenn dies natürlich wichtig ist. Es geht darum, auf diese Menschen zu zugehen und sie ganz einfach als Mitmenschen zu sehen, die viel zu geben haben, die unser eigenes Leben bereichern und interessant machen. Flüchtlinge sind ja nicht einfach Flüchtlinge, es sind Menschen, die viele Ressourcen und Talente haben, von denen wir alle profitieren können. In meiner täglichen Arbeit mit Geflüchteten erlebe ich dies immer wieder und sage mir: Ich bin so privilegiert, denn ich muss mir kein Flugticket in ein fernes Land kaufen, um eine andere Kultur zu erleben. Die andere Kultur begegnet mir hier ganz konkret in Luzern in der Begegnung mit Menschen, die flüchten mussten.

Projekt «Ha Phororo» des Gossauers Christoph Schönenberger
Projekt «Ha Phororo» des Gossauers Christoph Schönenberger

Politiker suggerieren immer wieder, man müsste den Menschen mehr wirtschaftliche Hilfe vor Ort leisten, damit die Flüchtlingsströme nach Europa nicht noch stärker anwachsen. Ist dieser Zug nicht schon längst abgefahren?

Neider: Sicherlich ist jede Form der Entwicklungszusammenarbeit im globalen Süden sehr wichtig. Anstatt wie aktuell daran zu sparen, sollten wir weiterhin daran festhalten, 0,7 Prozent des Brutto-Sozial-Produktes für die Entwicklungsarbeit auszugeben. Aber: Diese Investitionen werden nicht verhindern, dass weiterhin Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen: Denn in so vielen Ländern herrscht Krieg oder Bürgerkrieg, in vielen Ländern führt der Klimawandel dazu, dass es entweder zu langanhaltenden Dürren oder Überschwemmungen kommt, so dass die Menschen keine Lebensgrundlage mehr haben.

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Während wir vom Neo-Liberalismus profitieren, zerstören international tätige Unternehmen in den Ländern des Südens die Lebensgrundlagen. Deshalb: Wir sollten beides tun und ausbauen: Geflüchtete mit Grosszügigkeit aufnehmen und die Entwicklungszusammenarbeit im globalen Süden ausbauen.

Letzte Frage, die etwas unkonventionell klingen mag: Sind wir nicht alle irgendwo Flüchtlinge, sprich: Menschen, die vor etwas fliehen? Und sollten wir Flüchtlingen deshalb mehr Empathie zukommen lassen?

Neider: Mitgefühl mit Geflüchteten ist auf jeden Fall zu wünschen – auch weil es uns selber bereichert und guttut. In den biblischen Geschichten ist ebenfalls viel von Flucht die Rede und davon, wie Menschen in einem anderen Land aufgenommen wurden. Für uns als Christinnen und Christen gibt es sowieso keine «Fremden» – wir sind alle Menschen oder wir sind alle fremd. In der eigenen Ahnenreihe finden sich oft Geschichten von Flucht und Migration – ich selber habe zum Beispiel jüdische Vorfahren, die in den 30er Jahren aus Deutschland in alle Welt flüchten mussten oder in der Shoa umgebracht wurden.

Schutzzelt und Schlafsack in einer Kirche
Schutzzelt und Schlafsack in einer Kirche

In der sogenannten «Migrationscharta» haben wir als Gruppe von katholischen und reformierten Theologinnen und Theologen bereits vor zehn Jahren gefordert, dass wir Geflüchtete unter dem Motto «Willkommen in der solidarischen Gesellschaft» grosszügig aufnehmen sollten. Und dann heisst empathisch sein, nicht nur etwas zu fühlen, sondern diesem Gefühl durch ganz konkrete solidarische Aktionen und Projekte Ausdruck zu geben. Als Beispiel sei das Kirchenasyl genannt, welches wir für Geflüchtete ermöglichen können, wenn wir den Eindruck haben, dass die staatlichen Behörden hier einen Fehler machen.


Ein Holzboot mit Flüchtlingen in Seenot auf dem Mittelmeer. | © KNA
21. Juni 2025 | 17:00
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