Die offene Kirche in St. Gallen. Das Gebäude wird nun abgerissen für den neuen HSG-Kampus.
Schweiz

Annina Policante: «Glaube nicht, dass Zukunft der Kirchen darin liegt, sich zu konkurrenzieren»

Die Offene Kirche St. Gallen wird nach 27 Jahren eingestellt – aus finanziellen Gründen. Annina Policante äussert sich kritisch gegenüber der Katholischen Kirchgemeinde St. Gallen, die sich aus der Finanzierung herausgenommen hat, um konfessionelle Projekte zu unterstützen.

Jacqueline Straub

Nach 27 Jahren stellt die Offene Kirche St. Gallen ihren Betrieb ein. Warum?

Annina Policante*: Aus Finanzgründen muss der Verein Wirkraumkirche die Offene Kirche per Ende 2025 schliessen. Das Gebäude mit dem markanten Gesicht an der Fassade wird abgerissen. Der Abbruch des Gebäudes war schon länger bekannt, und unser Trägerverein hat nach neuen Räumlichkeiten gesucht.

Was für Ideen standen im Raum?

Annina Policante
Annina Policante

Policante: Etwa ein Umbau der Kirche St. Mangen, welcher aber aus finanziellen Gründen nicht realistisch war. Denn mit dem Austritt der Katholischen Kirchgemeinde St. Gallen aus dem Trägerverein war klar, dass die evangelischen Kirchgemeinden der Stadt und zwei Trägerkirchgemeinden aus der Umgebung die zusätzlichen Kosten allein nicht stemmen können.

Würde die Offene Kirche weiter bestehen können, wenn die Katholische Kirchgemeinde St. Gallen sich nicht aus dem Trägerverein zurückgezogen hätte?

Policante: Ich gehe davon aus, dass man sich dann intensiver um einen neuen Ort bemüht hätte, da die Ökumene ein ganz wichtiger Teil des Vereins Wirkraumkirche war.

«Zuzusehen, wie ‘leicht’ das Erreichte aufgegeben wird, tut weh.»

Können Sie den Entscheid der katholischen Kirche, die Offene Kirche nicht mehr finanziell zu unterstützen, verstehen?

Policante: Nein, ich verstehe nicht, wie man ein über lange Jahre gewachsenes und funktionierendes ökumenisches Projekt verlassen kann, um konfessionelle Projekte zu finanzieren. Ich glaube nicht, dass die Zukunft der christlichen Kirchen darin liegt, sich zu konkurrenzieren. Viel eher müsste man schauen, was gemeinsam getan werden kann. Ich meine damit nicht die kirchliche Basis, dort geschieht sehr viel wunderbare und selbstverständliche Ökumene. 

Wie haben Sie persönlich diesen Entschluss aufgenommen? Sie selbst sind fast 27 Jahre in der Offenen Kirche tätig.

Policante: Ich bin traurig. Es war keine leichte Sache, eine Offene Kirche in St. Gallen aufzubauen. Zuzusehen, wie «leicht» das Erreichte aufgegeben wird, tut weh.

Tanz im Café International in der Offenen Kirche in St. Gallen
Tanz im Café International in der Offenen Kirche in St. Gallen

Was hat die Offene Kirche für die Stadt St. Gallen gemacht?

Policante: Sie hat Raum – im Sinn von Mauern, aber auch im Sinn von Möglichkeiten – geboten für Experimente, für die unterschiedlichsten Veranstaltungen von privaten Geburtstags- Hochzeits-, Trauerfeiern bis zu Theater, Konzerte, Tanzen, Ausstellungen sowie die wöchentliche Lebensmittelabgabe «Tischlein deck dich». Sie hat nicht nach Nationalität, Hautfarbe, Konfessions- und Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Alter gefragt. Und die Menschen, die hierher kamen, waren sich bewusst, dass es die Kirchen waren, die dies durch ihre finanzielle Unterstützung möglich machten.     

Welche Projekte waren besonders beliebt?

Policante: Ich kann diese Frage so nicht beantworten. Die Offene Kirche hatte keine eigentliche Gemeinde. Die Menschen kamen an die Veranstaltungen, zu denen sie einen Bezug oder an denen sie ein besonderes Interesse hatten.

*Annina Policante ist Koordinatorin der Offenen Kirche St. Gallen, die auf Ende des Jahres eingestellt wird.

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Die offene Kirche in St. Gallen. Das Gebäude wird nun abgerissen für den neuen HSG-Kampus. | © Theo Pindl
18. Juni 2025 | 17:00
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