David Wakefield: «Kultur der Digitalität lässt sich für den Religionsunterricht nutzbar machen»
Der heutige Alltag ist von Digitalisierung geprägt. Das lässt sich auch für den Religionsunterricht nutzen – durchaus kritisch reflektiert, sagt David Wakefield im Vorfeld der religionspädagogischen Tagung zum Thema an der Uni Luzern kommenden Montag. So könnten neue Raumerlebnisse, Begegnungen, Vernetzungen integriert und das Arbeiten vereinfacht werden.
Regula Pfeifer
Wie arbeitet der konfessionelle Religionsunterricht mit digitalen Mitteln?
David Wakefield*: Grundsätzlich geht es nicht darum, den bisherigen analogen Religionsunterricht zu digitalisieren. Das Digitale an sich ist nicht per se besser oder schlechter. Vielmehr geht es um die Frage, welche Möglichkeiten durch Digitalisierung neu entstehen. In einer Kultur der Digitalität ändern sich der Unterricht und die Art der Vorbereitung und der Nachbereitung.
Wo sollte eine Lehrerin digitale Mittel während der Religionsstunde einsetzen, wo eher nicht?
Wakefield: Die Digitalisierung ermöglicht zum Beispiel neue Wege des Erkundens. Man kann neu digital an Orte gelangen, die bisher nicht zugänglich waren – zum Beispiel mittels Virtual Reality oder 360-Grad-Videos. Auch die Gestaltungsmöglichkeiten erweitern sich, mit denen sich Kindern und Jugendlichen im konfessionellen Religionsunterricht religiös ausdrücken können. Sie können Medien verwenden, um Videos, Podcasts oder E-Books zu gestalten. Die Vernetzungsmöglichkeiten, welche die Jugendlichen aus ihrem alltäglichen Umgang mit sozialen Medien kennen, können auch im Religionsunterricht hinzugezogen werden, um etwa beteiligte Kinder und Jugendlichen untereinander zu vernetzen. Oder mit Kindern an anderen Orten der Welt.
«Digitale Medien soll man zu einem bestimmten Zweck einsetzen, nicht einfach so.»
Digitale Medien soll man zu einem bestimmten Zweck einsetzen, nicht einfach so. Genauso wichtig bleiben analoge Unterrichtsformen. Wichtig ist, dass die gewählte Form zur Situation und zum Ziel passt. Ist das Ziel zum Beispiel eine körperbezogene Achtsamkeitsübung als Grundlage für das Gebet, würde ich in der Regel auf digitale Medien verzichten.
«Man könnte sich für eine halbe Stunde digital austauschen.»
Sie plädieren beispielsweise dafür, Grenzen digital zu überwinden?
Wakefield: Ja, man kann Begegnungen auch digital organisieren. Etwa indem man Gäste einlädt, bei denen eine physische Begegnung vor Ort nicht möglich wäre, beispielsweise aus Kostengründen. Da könnte man sich für eine halbe Stunde digital austauschen. Auch Klassen könnten gemeinschaftlich zusammenarbeiten, dank digitaler Medien. Kinder und Jugendliche könnten Kirchen- und Sakralräume digital besuchen, dank 360-Grad-Videos oder 360-Grad-Bilder. So haben sie ein anderes Raumerlebnis, als wenn sie dasselbe in Form von Arbeitsblättern vor sich vorfinden würden.
«Schwierig wäre, wenn gewisse Kinder und Jugendliche ausgeschlossen würden.»
Können sich diese diesen erweiterten Möglichkeiten auch negativ auswirken?
Wakefield: Möglichkeiten zu erweitern, finde ich unproblematisch. Analoge Unterrichtsformen unüberlegt durch digitale zu ersetzen, fände ich hingegen falsch. Schwierig wäre zudem, wenn der Einsatz von Technik dazu führen würde, dass gewisse Kinder und Jugendliche ausgeschlossen sind, weil sie keine entsprechenden Geräte oder Datenabonnemente besitzen. Urheberrecht und Datenschutz bilden ausserdem neue Herausforderungen, mit denen Lehrpersonen bei jeder technischen Entwicklung umgehen können müssen. Aber das gehört zu unserer Kultur der Digitalität dazu und sollte nicht verhindern, dass wir digitale Medien einsetzen.
«Mit Influencern wachsen neue religiöse Autoritäten heran.»
Zur digitalen Welt gehören auch Influencer, auf die Jugendliche ziemlich abfahren. Inwieweit sind Influencer aktiv?
Wakefield: Das ist eine häufig gestellte Frage. Wir haben an der Tagung mehrere Ateliers dazu. Mit Influencern wachsen neben etablierten religiösen Institutionen neue religiöse Autoritäten heran. Sich dazu verhalten ist Aufgabe der kirchlichen Institutionen. Ich würde dazu einladen, ihnen offen zu begegnen, von ihnen zu lernen und zu überlegen, wie man selbst auf den sozialen Medien auf ansprechende Weise präsent sein kann.
Sollen Kinder und Jugendliche im Religionsunterricht etwas auf Instagram oder Youtube hochladen?
Wakefield: Grundsätzlich spricht nichts dagegen auch Dinge zu veröffentlichen, sofern das gesetzliche Mindestalter, der Datenschutz und Persönlichkeitsrechte berücksichtigt werden. Es fragt sich nur zu welchem Zweck.
«Jugendliche könnten ihre Religiosität auch medial zum Ausdruck bringen.»
Die Kinder und Jugendlichen könnten dafür sensibilisieren werden, ihre Religiosität als Teil ihres Lebens auch medial zum Ausdruck zu bringen. Sie würden also befähigt, auf den Kanälen, die sie in ihrer Freizeit nutzen, auch ihre religiösen Sichtweisen auszudrücken. Ich würde jedoch empfehlen, datenschutzkonforme Wege der religiösen Artikulation zu wählen.
«Ich kann keine Religionsgemeinschaft empfehlen, an der es sich lohnt, sich zu orientieren.»
Sind andere Religionen und Konfessionen bezüglich digitaler Glaubensvermittlung der katholischen Kirche voraus?
Wakefield: Es gibt Glaubensgemeinschaften, die so in der Minderheit sind, dass sie darauf angewiesen sind, digitale Kanäle zu nutzen. Es ist eine entscheidende Form, in einem grossflächigen Gebiet viele Personen zu erreichen. Ich kann jedoch keine Religionsgemeinschaft empfehlen, an der es sich pauschal lohnt, sich zu orientieren.
An welche Gemeinschaften denken Sie?
Wakefield: Landeskirchen haben dank Steuereinnahmen mehr personelle Ressourcen für die Glaubensverkündigung als andere Religionsgemeinschaften. Gemeinschaften des Islam, des Hinduismus, des Buddhismus müssen hingegen ihre Glaubensüberzeugungen und ihr Gemeinschaftsleben anders zum Ausdruck zu bringen, etwa über digitale Kanäle.
«Für Lehrpersonen entstehen neue kreative Möglichkeiten, den Unterricht vorzubereiten.»
Wohin geht der Trend bei der Digitalisierung und Religionsunterricht?
Wakefield: Für die Lehrpersonen entstehen viele neue kreative Möglichkeiten, den Unterricht vorzubereiten. Und zwar auf visuell ansprechende Weise, mit wenig Aufwand. Mit der Applikation «Canva» lassen sich zum Beispiel Arbeitsblätter und Flyer rasch gestalten. Statt Bilder, Videos und Inhalte zu suchen, lassen sich diese zudem mittels künstlicher Intelligenz herstellen. Auch ein Quiz lässt sich so heute im Handumdrehen generieren.
Ausserdem entstehen neue Formen der Zusammenarbeit. Mittels «Relilab» oder «Wir lernen online» können sich Religionspersonen vernetzen, synchron miteinander arbeiten, voneinander lernen und Materialien teilen. Dies wird sich weiter entwickeln.
«Dank digitaler Mittel können Eltern einbezogen werden.»
Auch die Nachbereitung des Unterrichts ändert sich. Da können inzwischen dank digitaler Mittel etwa die Eltern einbezogen werden. Oder es wird möglich, Ergebnisse des Unterrichts weiter zu nutzen oder Rückmeldungen zum Unterricht mittels Umfrage zu erhalten. 360-Grad-Kameras könnten zudem einen Beitrag zur Professionalisierung des Unterrichtsgeschehens leisten, wenn Nachbesprechungen zum Unterricht anhand 360-Grad-Videos nochmals auf andere Weise erlebbar werden.
Ihr Fazit zu Digitalisierung und Religionspädagogik?
Wakefield: Es geht insgesamt darum, die bereits vorhandene Kultur der Digitalität, die bereits Teil der Lebenswelten von Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler ist, auch für das Unterrichtsgeschehen im Kontext von Religion und Glaube fruchtbar und nutzbar zu machen – durchaus kritisch reflektiert. Und sich die Frage zu stellen: Was wird neu möglich?
*Der Theologe David Wakefield ist seit Mai 2024 Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts TBI in Luzern. Er verantwortet die Tagung «Religion reloaded – religiöse Bildung in einer vernetzten Welt», zusammen mit Jasmine Suhner, Dorothee Foitzik, und Daniel Ritter. Die Tagung findet am Montag, 2. Juni, an der Universität Luzern und online statt.
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