Abbé Nicolas Cishugi, kongolesischer Priester, der in einer Pfarrei des Bistums Basel arbeitet
Schweiz

«Es gibt keinen Afrikaner ohne Glauben»: Kongolesischer Priester predigt in Einsiedeln

Die Demokratische Republik Kongo ist 57-mal so gross wie die Schweiz und reich an Bodenschätzen. Dennoch lebt die Mehrheit der 110 Millionen Menschen in grosser Armut. Die politische Lage ist instabil, rebellierende Gruppen liefern sich blutige Gefechte. Der Priester Nicolas Cishugi gibt im Interview mit kath.ch Einblicke in die Seele und das Dasein seiner Landsleute.

Wolfgang Holz

Herr Cishugi, Sie predigen am Sonntag bei der Wallfahrt von «Kirche in Not» in Einsiedeln. Was wird Ihr Thema sein – in wenigen Sätzen?

Nicolas Cishugi: An diesem Sonntag werde ich eine Botschaft der Hoffnung verkünden, die auf den liturgischen Texten des Tages basiert. Das zentrale Thema wird den Worten Christi an seine Jünger – und an uns heute – entnommen sein: «Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht». Ich werde meine kongolesischen Landsleute – ebenso wie alle Wohltäterinnen und Wohltäter von «Kirche in Not» – dazu aufrufen, den Dialog als den besten Weg zur Konfliktlösung zu wählen und die persönliche Begegnung als bevorzugten Weg, um Hass und Angst vor dem Nächsten zu überwinden.

Nicolas Cishugi
Nicolas Cishugi

Echter Friede ist nur durch die Wahrheit des Heiligen Geistes möglich ist. Nur so können der Kongo und die Welt zu jenem neuen Jerusalem werden, das der heilige Johannes in seiner Vision sah.

«Das Dröhnen von Waffen und Bomben macht viele taub, und der Krieg richtet unermessliche Schäden an.»

Sie berichten im Anschluss auch über das Leben der Menschen im Kongo. Wie geht es den Kongolesinnen und Kongolesen denn angesichts all der Gewalt und der grossen Armut?

Cishugi: Den Kongolesinnen und Kongolesen geht es sehr schlecht. Das Dröhnen von Waffen und Bomben macht viele taub, und der Krieg richtet unermessliche Schäden an. Aber die schwerwiegendsten davon sind der Tod und psychische Erkrankungen.

«Die Reise des Papstes war für das kongolesische Volk ein grosser Trost.»

Vor zwei Jahren besuchte Papst Franziskus den Kongo und wurde von den Menschen dort begeistert empfangen. Wie wichtig war dieser Besuch im Nachhinein gesehen? Hat er etwas bewirkt?

Cishugi: Ja, der Besuch des Heiligen Vaters konnte das Land nicht unberührt lassen. Seine Reise war für das kongolesische Volk ein grosser Trost. Die Menschen fühlten sich nicht mehr allein oder ihrem Schicksal überlassen. Dieser Besuch war für uns Kongolesen ein Ausdruck der weltweiten Solidarität der Kirche.

Papst Franziskus wurde im Kongo bejubelt.
Papst Franziskus wurde im Kongo bejubelt.

Seine Friedensbotschaft und insbesondere sein Aufruf an die «Mächtigen dieser Welt» bleiben tief in unserem Gedächtnis verankert. «Nehmt eure Hände weg von der Demokratischen Republik Kongo», sagte er an die Welt gerichtet. Diese Botschaft wird heute konkret gelebt – unter anderem durch die Initiative des «Sozialpakts für Frieden und Zusammenleben in der Demokratischen Republik Kongo und in der Region der Grossen Seen», getragen von der Kongolesischen Bischofskonferenz (CENCO) in Zusammenarbeit mit der Reformierten Kirche im Kongo (ECC). Ziel ist es, den Kongo und Zentralafrika endgültig vom chronischen Übel des Krieges zu befreien.

«Die Religion durchdringt alle Bereiche des alltäglichen Lebens im Kongo. Der Glaube, die Hoffnung und die Nächstenliebe halten sie am Leben.»

Wie wichtig sind Glaube und Religion für die Menschen im Kongo?

Cishugi: Die Antwort auf diese Frage ergibt sich teilweise bereits aus dem Vorhergesagten. Ich möchte hinzufügen, dass der Glaube und das Afrikanisch-Sein untrennbar miteinander verbunden sind. Anders gesagt: Es gibt keinen Afrikaner ohne Glauben. Die Religion durchdringt alle Bereiche des alltäglichen Lebens. Man muss es klar sagen: Ohne den Glauben wären viele Kongolesen angesichts der schwierigen Lebensbedingungen entweder bereits tot oder dem Wahnsinn verfallen. Der Glaube, die Hoffnung und die Nächstenliebe halten sie am Leben.

Papst-Messe in Kinshasa
Papst-Messe in Kinshasa

Der Kongo ist im Grunde ein Land mit vielen Bodenschätzen und reichem agrarischem Anbau. Warum profitiert die Mehrheit der Menschen im Kongo nicht mehr von diesem Reichtum?

Cishugi: Ich werde Sie vielleicht überraschen: Der Kongo-Kinshasa ist meiner Meinung nach nicht das reiche Land, als das es oft beschrieben wird. Erst wenn die Kongolesen selbst in der Lage sind, ihre Bodenschätze und landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu veredeln und in Konsum fertige Endprodukte umzuwandeln, kann man von einem wirklich reichen Land sprechen.

Sie arbeiten in der Region Basel in einer Pfarrei: was machen Sie da genau?

Cishugi: Meine Hauptaufgabe in der Pfarrei St. Nikolaus in Reinach besteht – wie bei jedem Seelsorger – darin, meinen Schwestern und Brüdern die Frohe Botschaft zu verkünden, die Sakramente zu feiern und insbesondere diejenigen zu ermutigen, die verzweifelt sind, neue Kraft zu schöpfen und in dieser unsicheren Welt weiterzugehen.

Nicolas Cishugi, kongolesischer Priester
Nicolas Cishugi, kongolesischer Priester

Warum interessieren – aus Ihrer Sicht – die Armut und das Schicksal der Menschen im Kongo und im Afrika die Europäer so wenig im Vergleich zu anderen Themen? Oder haben Sie auch andere Erfahrungen gemacht?

Cishugi: Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung. Die Lage der Afrikaner lässt die Menschen in Europa keineswegs kalt – im Gegenteil. Doch es liegt an den Afrikanern selbst – besonders an den Kongolesen – aktiv gegen die Armut vorzugehen. Afrikaner müssen sich begegnen, einander kennenlernen, Vorurteile abbauen und die Angst voreinander überwinden.

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Ich möchte ausserdem betonen, dass viele Europäer sich an der Seite von Afrikanern für Lösungen der zahlreichen Probleme auf dem Kontinent einsetzen – etwa in karitativen Organisationen wie Caritas, Kirche in Not und anderen innerhalb der katholischen Kirche. Ich sage es hier laut und deutlich: Die Afrikaner werden angemessene Lösungen für ihre Probleme durch Dialog und Versöhnung finden – genährt durch das Wort Gottes und die Sakramente.

Kloster Einsiedeln
Kloster Einsiedeln

*An der diesjährigen «Kirche in Not (ACN)»-Wallfahrt nach Einsiedeln wird Nicolas Cishugi aus der Demokratischen Republik Kongo zu Gast sein. Der katholische Priester wird am kommenden Sonntag, 25. Mai, in der Klosterkirche Einsiedeln während der Pilgermesse um 12.30 Uhr predigen. Im Anschluss an den Gottesdienst hält Cishugi im Hotel Drei Könige einen Vortrag, wo die Pilgernden ein Mittagessen erwartet. (Anmeldung erforderlich).


Abbé Nicolas Cishugi, kongolesischer Priester, der in einer Pfarrei des Bistums Basel arbeitet | © Kirche in Not
23. Mai 2025 | 17:00
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