Mariano Delgado
Analyse

Mariano Delgado: Papst Leo XIV. wird ein neuer «Hüter der Menschheitsfamilie»

Der neue Papst Leo XIV. wird wie Franziskus auf die «Freude der Evangelisierung» setzen. Nicht als «Halleluja-Christentum», sondern als messianisch-prophetisches Christentum. «Wir haben ein jesuanisches Papsttum vor uns, ‹mystisch-politisch›, nicht doktrinär, prophetisch, aber gleichzeitig von der pastoralen ‹Klugheit› geprägt», schreibt der Freiburger Kirchenhistoriker Mariano Delgado.

Mariano Delgado*

Nach der Wahl von Robert Francis Kardinal Prevost (Martínez) hat das Nachrichtenportal «Vatican News» ein Interview mit ihm als Kardinal verbreitet, das der Chefredakteur der vatikanischen Medien, Andrea Tornielli, führte.

Darin findet man Worte, die als Programm des neuen Pontifikats verstanden werden könnten: «Wir sind oft damit beschäftigt, die Lehre zu vermitteln, aber wir riskieren zu vergessen, dass unsere erste Aufgabe darin besteht, die Schönheit und die Freude, Jesus zu kennen, zu vermitteln».

Einladung von Jesus selbst

Das erinnert an die Wiedergewinnung der «Freude der Evangelisierung», von der Papst Franziskus sprach. Diese jesuanische Zentrierung lässt erwarten, dass der neue Papst sich auf das Wesentliche konzentrieren wird, nämlich auf die universale Einladung, die Jesus selbst ausgesprochen hat: «Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.» (Mt 11,28-30)

Diese Einladung immer wieder auszusprechen und die Christenmenschen zu ermutigen, mit dem «kapillaren» Zeugnis des eigenen Lebensbeispiels ihr zur bleibenden Resonanz in Welt und Kirche zu verhelfen, ist eine wesentliche Aufgabe des Nachfolgers Petri.

Eine jesuanische Zentrierung

Doch diese jesuanische Zentrierung bedeutet nicht «einfach nur Jesus» im evangelikalen oder «katholikalen» Sinne eines «Halleluja-Christentums». Sowohl die anderen Aussagen von Kardinal Prevost in diesem Interview als auch seine ersten Worte als Leo XIV. zeigen, dass er sehr wohl weiss, dass zu Jesus das Messianisch-Prophetische gehört.

Der barmherzige Jesus: Gemälde der Krakauer Schwester Faustine.
Der barmherzige Jesus: Gemälde der Krakauer Schwester Faustine.

Sein öffentliches Wirken begann mit dem Aufruf zur Umkehr oder Neuausrichtung auf das Reich Gottes hin. Bei seiner «Antrittsrede» in der Synagoge von Nazaret (vgl. Lk 4,16-21) verstand Jesus das Reich Gottes in der messianisch-prophetischen Tradition Israels – ebenso wie seine Mutter Maria (vgl. Lk 1,46-55), als sie die Grösse des Herrn gepriesen hat, der die Erniedrigten erhöht.

In der Bibel finden wir zwei Formen von Verständnis des Reiches Gottes und der Beziehung des Menschen dazu: eine mehr ontologisch-kultische und eine eher messianisch-prophetische. Die erste neigt zum Ritualismus und Spiritualismus, die andere zu einem Verständnis des Reiches Gottes als Reich der Wahrheit und der Freiheit, der Friedens und der Gerechtigkeit in dieser Welt, mit Einsatz für die universale Solidarität und Geschwisterlichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Mühseligen und Beladenen der Geschichte.

Ähnlichkeit mit Papst Franziskus

Das messianisch-prophetische Christentum in der Einheit von Mystik und Politik und die «samaritanische» Kirche, die Papst Franziskus so teuer waren, werden auch – mit eigenen Akzenten – das Pontifikat von Leo XIV.  prägen. Denn ein Christentum, das nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht in dieser Spur deutlich wandelt, hat die Zeichen der Zeit verkannt. Demgegenüber ist die Kirchenreform (Synodalität, Frauenfrage etc.) natürlich auch wichtig, aber als Folge des messianisch-prophetischen Christentums nicht als Zweck an sich. Denn Förderung der Partizipation und theologische Entfaltung des allgemeinen Priestertums aller Getauften gehören auch dazu. Auch diese Zeichen der Zeit sind dem neuen Papst bewusst.

Weltsynode im Vatikan: Papst Franziskus und Synodeteilnehmende bei Beratungen, 14. Oktober 2024.
Weltsynode im Vatikan: Papst Franziskus und Synodeteilnehmende bei Beratungen, 14. Oktober 2024.

Auf die Frage «Meister –, wo wohnst du?» (Joh 1,38) gibt die christliche Tradition – abgesehen von der sakramentalen Gegenwart in der Eucharistie – grundsätzlich zwei Antworten. Eine Antwort beruft sich auf Joh 14,23: «Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen».

Gott im «Seelengrund»

Demnach ist Gott in unserem Inneren, im «Seelengrund» zu suchen, denn hier hat er seine Wohnung aufgeschlagen und von hier aus lädt er zur Freundschaft ein, zum Liebesgespräch. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis fallen hierbei zusammen, wie der heilige Augustinus sagte. Diese «mystische» Tradition wird der erste Papst aus dem Augustinerorden immer wieder in Erinnerung rufen.

Kardinal Prevost ist Leo XIV.
Kardinal Prevost ist Leo XIV.

Eine andere Antwort will – im Anschluss an Mt 25,40 («Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan») – Christus draussen, in den Armen und Leidenden suchen. Es ist das messianische, prophetische Christentum, das vom Tun der Liebe ausgeht.

Vom Tun der Liebe ausgehen

Diese Tradition hat das Zweite Vatikanische Konzil am Übergang zur neuen Kirchenepoche betont, wenn es in «Lumen gentium» (8) heisst, dass die Kirche in den Armen und Leidenden das Bild dessen erkennt, «der sie gegründet hat und selbst ein Armer und Leidender war. Sie müht sich, deren Not zu erleichtern, und sucht Christus in ihnen zu dienen».

Ähnliches sagt das Konzil in «Gaudium et spes» (1): «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.»

Erfahrung als Missionar in Peru

 Diese messianisch-prophetische Tradition hat der neue Papst während seines Wirkens als «Missionar» in Peru an der Basis kennengelernt. Durch die pastorale Arbeit in einem armen Bistum und die Freundschaft mit Gustavo Gutiérrez, dem Vater einer gut verstandenen Theologie der Befreiung, hat er lebensgeschichtlich die Bedeutung von Matthäus 25 im heutigen Christentum verstanden – und zwar nicht nur im Sinne der sogenannten «Werke der Barmherzigkeit», sondern auch in der Verbindung von Mystik und Politik mit dem Einsatz für ein menschenwürdiges Leben in Fülle für alle (Joh 10,10).

Denn als Resonanzraum der universalen Einladung Jesu muss sich die Kirche auch für die messianischen Werte von Wahrheit und Freiheit, von Frieden und Gerechtigkeit, von der besonderen Solidarität mit den Mühseligen und Beladenen einsetzen.

Leo XIV., der in seinen ersten Worten den Friedensgruss des auferstandenen Christus an «alle» Menschen richtete, wird sich ebenso wie Franziskus als «Hüter der Menschheitsfamilie» verstehen, der seine prophetische Stimme zur rechten und zur unrechten Zeit einsetzt, aber mit der notwendigen Klugheit, die Jesus selbst empfiehlt: «Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!» Wir haben ein jesuanisches Papsttum vor uns, «mystisch-politisch», nicht doktrinär, prophetisch, aber gleichzeitig von der pastoralen «Klugheit» geprägt.

*Mariano Delgado ist Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg und Dekan der Klasse VII (Weltreligionen) in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).

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Mariano Delgado | © Raphael Rauch
9. Mai 2025 | 12:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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