Maria und Jesus
International

«Christus hat privat fast nur mit Frauen Umgang gehabt»: In memoriam Heinrich Böll

Vor 40 Jahren ist der deutsche Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gestorben. Der gebürtige Kölner, streng im rheinischen Katholizismus erzogen, gilt als einer der Hauptvertreter der «Trümmerliteratur», die in der Nachkriegszeit das Scheitern und die Orientierungslosigkeit alltäglicher Menschen beschreibt. Dabei hadert Böll (1917-1985) wie in «Ansichten eines Clowns» immer wieder mit dem Klerikalismus der katholischen Kirche.

Wolfgang Holz

In seinem letzten und vielleicht radikalsten Roman «Ansichten eines Clowns» (1963) hat sich der Protagonist und Ich-Erzähler Hans Schnier in Abwendung von den Traditionen seiner vom deutschen Wirtschaftswunder geprägten Familie ganz bewusst gegen eine Karriere als Politiker oder Unternehmer entschieden. Er wird Künstler, sprich: Clown.  

Maskiert demaskieren

Der Clown darf, wie ein Hofnarr, bittere Wahrheiten aussprechen. Da er selbst eine Maske trägt, versteht er sich aufs Demaskieren. Hinter dem Schleier der Clownerie kann der fiktive Erzähler die äusserste Wahrheit zu sagen.

"Martha und Maria Magdalena": Zeitgenössische Kopie nach einem verlorenen Original Caravaggios um 1595/96). Vermutlich stand ihm Fillide Melandroni oder Anna Bianchini Modell.
"Martha und Maria Magdalena": Zeitgenössische Kopie nach einem verlorenen Original Caravaggios um 1595/96). Vermutlich stand ihm Fillide Melandroni oder Anna Bianchini Modell.

Dabei erzählt der gesellschaftskritische Roman die Geschichte eines Mannes, der seine Liebe zu einer katholischen Frau verliert. Denn sehr früh beginnt dieser mit hohen moralischen, jedoch vom Glauben völlig unabhängigen Werten ausgestattete junge Mann eine Beziehung zu einem streng katholischen Mädchen namens Marie Derkum. Sechs Jahre führen beide eine ausgefüllte Beziehung. Er glaubt daran, dass das Christentum nichts anderes ist als eine unendliche Barmherzigkeit.

Katholizismus als Trennungsgrund

Als sie heiraten wollen, beginnt eine Diskussion über die Art der Trauung und die Erziehung ihrer Kinder. Und obwohl Hans Schnier in allen Punkten einwilligt, sich den Vorstellungen seiner zukünftigen Frau zu beugen, macht sie mit ihm Schluss. Auf einem Zettel an ihn steht: «Ich muss den Weg gehen, den ich gehen muss.» Von diesem Tag an geht es mit dem recht erfolgreichen Clown, offiziell «Komiker», bergab. Er ergibt sich dem Alkohol und erlebt einen rasanten Abstieg.

Literaturnobelpreisträger unter sich: der aus der Sowjetunion ausgewiesene Alexander Solschenitzyn (links) erhält Obdach von Heinrich Böll 1974 in Köln.
Literaturnobelpreisträger unter sich: der aus der Sowjetunion ausgewiesene Alexander Solschenitzyn (links) erhält Obdach von Heinrich Böll 1974 in Köln.

In einer Passage beschreibt er sehr schön aus seiner Sicht die Rolle der Frau im Evangelium sowie über die Zärtlichkeit des Glaubens.

«Veronika, Magdalena, Maria und Martha – lauter Frauenhände im Evangelium, die Christus Zärtlichkeiten erwiesen.»

«Kein Theologe ist je auf die Idee gekommen, über die Frauenhände im Evangelium zu sprechen: Veronika, Magdalena, Maria und Martha – lauter Frauenhände im Evangelium, die Christus Zärtlichkeiten erwiesen. Statt dessen predigen sie über Gesetze, Ordnungsprinzipien, Kunst, Staat. Christus hat sozusagen privat fast nur mit Frauen Umgang gehabt. Natürlich brauchte er Männer, weil die (…) ein Verhältnis zur Macht haben, Sinn für Organisationen und den ganzen Unsinn.

«Petrus und Johannes waren fast schon keine Männer mehr»

Es brauchte Männer, so wie man zu einem Umzug einfach Möbelpacker braucht, für die grobe Arbeit, und Petrus und Johannes waren ja so liebenswürdig, dass sie fast schon keine Männer mehr waren, während Paulus so männlich war, wie es sich für einen Römer geziemte. Wir bekamen zu Hause bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus der Bibel vorgelesen, weil es in unserer Verwandtschaft von Pastoren wimmelt, aber keiner hat je über die Frauen im Evangelium oder so etwas Unfassbares wie den ungerechten Mammon gesprochen.»

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Maria und Jesus | © Museum der Kulturen Basel
1. Mai 2025 | 12:00
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