Maria ist mehr als die Magd des Herrn – ein vorweihnachtliches Hochfest mitten in der Fastenzeit

Maria, die künftige Mutter Gottes, hat aus freien Stücken Ja gesagt zur Verkündigung des Engels. Die berührende Szene hat die christliche Kunst zu Meisterwerken inspiriert. Und sie zeigt: Der Mensch ist aus biblischer Perspektive nicht Sklave Gottes, er ist sein Partner.

Francesco Papagni

Das Hochfest «Verkündigung des Herrn», auch «Mariä Verkündigung» genannt, wird sinnigerweise neun Monate vor Weihnachten gefeiert – mitten in der Fastenzeit. Der Text aus dem Lukasevangelium, der dieses Ereignis erzählt, gehört zu den berührendsten der ganzen Bibel: Der Erzengel Gabriel kündigt Maria an, dass sie einen Sohn empfangen wird, der «Sohn des Höchsten» (Lk 1,31) genannt werden wird. Maria ist zunächst erschrocken, der Besuch eines Engels ist schliesslich kein Alltagsereignis. Der Erzengel Gabriel merkt das und spricht die berühmten Worte: «Fürchte dich nicht, Maria (…)» Der Kontakt mit dem Übernatürlichen kann gefährlich sein – einige Geschichten im Alten Testament erzählen davon.

Maria, die erste Theologin

Maria beruhigt sich schnell. Sie ist offensichtlich nicht so erschrocken, dass sie die Fassung verliert oder gelähmt wäre, denn sie stellt dem Himmelsboten eine Frage: «Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?» Unzählige Predigten sind über diese Frage hinweggegangen und haben den Schluss des Gesprächs in den Mittelpunkt gestellt: «Ich bin die Magd des Herrn» (Lk 1,38). Das Gespräch ist jedoch nicht weniger wichtig als sein Resultat. Dass Maria eine Frage stellt, ist erstaunlich und zeichnet sie als überlegter, freier Mensch aus, denn nur freie Menschen stellen Fragen. Dass sie als Frau der damaligen Zeit so spricht, ist doppelt erstaunlich.  Wie Adrian Loretan bemerkt hat, wird Maria damit zur ersten Theologin, denn Theologie treiben heisst Fragen stellen. Und der Engel? Er will überzeugen, beginnt zu argumentieren und weist auf Elisabeth hin, die im hohen Alter schwanger wurde. «Denn für Gott ist nichts unmöglich.» (Lk 1, 37)

Überzeugen, nicht überwältigen

Um die Besonderheit dieses Gesprächs zu verstehen, lohnt sich der Vergleich mit den Göttern der Antike. Begehrt beispielweise Zeus eine Sterbliche, kommt es ihm nicht in den Sinn zu fragen. Er nähert sich ihr als Schwan oder als Stier und kommt mit ihr zusammen. Ihr Wille ist dabei irrelevant, es ist ein Akt der Täuschung bzw. der Überwältigung, auch wenn der Mythos diesen Umstand verschleiert. Ganz anders hier: Gott fragt Maria durch den Engel. Dieser überbringt nicht nur die Botschaft, er lässt sich in ein Gespräch ein. Die ganze Szene ist von grosser Anmut, und es verwundert nicht, dass sie zu einem der beliebtesten Motive in der christlichen Kunst geworden ist.

Fra Angelico und Leonardo da Vinci

In der Frührenaissance hat etwa Fra Angelico die Verkündigung  im Kloster San Marco in Florenz gemalt. Sein Fresko ist von ausgesuchter Zartheit: Der Engel beugt sich nach vorne, während die sitzende Maria sich ebenfalls leicht nach vorne beugt. Die Position der beiden Figuren unterstreicht ihre Ebenbürtigkeit, auch ihre dialogische Haltung. Im Bild, das der blutjunge Leonardo da Vinci rund ein Jahrhundert später malt, kniet der Engel sogar vor Maria, als wollte er ihr die Furcht vor seinem Erscheinen nehmen. Zudem wird sie als Hauptperson gekennzeichnet. Maria hat hier ein Lesepult vor sich. In anderen Gemälden hat sie eine Bibel in der Hand, um zu unterstreichen, dass  die Weissagungen des Alten Testaments jetzt in Erfüllung gehen. Fra Angelicos Fresko in San Marco und Leonardos Bild in den Uffizien stellen einen frühen Höhepunkt der abendländischen Malerei dar und bezeugen die enorme Wirkungsgeschichte der lukanischen Szene.

Eine freie Entscheidung

Kardinal Carlo Maria Martini hat in einer seiner Predigten einmal gefragt, was geschehen wäre, hätte Maria Nein gesagt. Martini stellte die Frage, nicht um zu spekulieren, vielmehr um zu verdeutlichen, dass Maria aus freien Stücken Ja gesagt hat. Gott ist das Risiko einer Ablehnung eingegangen, weil er eine Zustimmung in Freiheit suchte. Freiheit ist ein, wenn nicht das Leitmotiv der biblischen Religion. Schon am Sinai gehen die Israeliten aus freien Stücken einen Bund mit Gott ein – und er mit ihnen. Dass aus dieser Entscheidung Verpflichtungen für beide Seiten erwachsen, unterstreicht nur die Tatsache, dass Freiheit und Verantwortung zwei Seiten derselben Medaille sind. Der Mensch ist in biblischer Perspektive nicht Sklave Gottes, er ist sein Partner. Für seine Menschwerdung suchte Gott das freie Ja einer Frau und erhielt dieses von Maria.

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Ausschnitt aus dem Fresko «Maria Verkündigung» des Malers Fra Angelico im Kloster San Marco in Florenz. | © Public domain, via Wikimedia Commons/Fra Angelico
25. März 2025 | 09:00
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