Papst Franziskus spricht im Juli 2013 mit Flüchtlingen, die  mit dem Boot auf Lampedusa gestrandet sind.
Schweiz

«Fratelli e sorelle, buonasera» – die vielsagende Ansprache des Reformers Papst Franziskus

Noch gestern an Ostern spendete Papst Franziskus den Segen «Urbi et Orbi». Nun ist er gestorben. Der 88-Jährige war ein Reformer, aber einer «vom Ende der Welt», wie er selbst sagte. Er engagierte sich für die Rückbesinnung auf das Evangelium, die Hinwendung zu den Armen, Gefangenen, Migranten. Mit dem synodalen Prozess stiess er einen Aufbruch in der Kirche an. Ein Nachruf.

Francesco Papagni

Die ersten Worte eines Papstes gehen in die Geschichte ein. Jorge Maria Bergoglios erste Ansprache als Papst begann so: «Fratelli e sorelle, buonasera.» Diese schlichten, menschlichen Worte sprachen zu den Herzen der Menschen und enthielten schon den Kern seines Papsttums: Einfachheit, Menschlichkeit, Sprache des Herzens. Dann bat er die Gläubigen, für ihn zu beten. Auch ein Papst ist nur ein Mensch.

Keine normale Wahl

Die Wahl Bergoglios war keine normale Angelegenheit. Sein Vorgänger starb nicht, sondern trat zurück, ein für die katholische Kirche unerhörter Vorgang. Die Kirche war von Skandalen erschüttert, die verschiedenen Dikasterien und Kongregationen in Rom schienen eher gegeneinander als miteinander zu arbeiten.

Papst Franziskus beim Gottesdienst auf dem Petersplatz an Palmsonntag, am 13. April 2025 im Vatikan.
Papst Franziskus beim Gottesdienst auf dem Petersplatz an Palmsonntag, am 13. April 2025 im Vatikan.

Da kam ein Mann «fast vom Ende der Welt», wie der Papst über sich selbst sagte, und brachte frischen Wind. Ein Papst, der nicht im apostolischen Palast wohnen wollte, einer, der einen noch nie da gewesenen Namen wählte, einer, der als erstes nach Lampedusa zu den Migranten ging – die Welt war überrascht und angetan.

Im Schatten des «papa emeritus»

Grosse Aufgaben mussten angepackt werden, doch die Präsenz des zurückgetretenen Benedikt XVI. konnte von Franziskus nicht ignoriert werden. Die beiden waren unterschiedliche Charaktere, das dringt bei allen Höflichkeiten in der Franziskus-Biografie «Hoffe» durch.

Aber vor allem gab es eine Benedikt-Partei in der Kurie, die den Neuen mit innerem Vorbehalt willkommen hiess. Als das Mandat von Kardinal Ludwig Gerhard Müller, mächtiger Präfekt der Glaubenskongregation auslief, liess Franziskus den Deutschen ziehen, ohne ihm einen gesichtswahrenden Posten anzubieten. War Müller schon vorher ein Gegner von Bergoglio, nach dieser Brüskierung war er es erst recht.

Konsequente Entscheidungen

Nach und nach installierte er seine Leute, die er kannte und denen er vertraute. Unter den vielen Aufgaben war die Neuordnung der Finanzen eine der dringendsten. Die Nachrichten über die Veruntreuung des sogenannten Peterspfennigs befremdeten viele Gläubige, die durch den Missbrauchsskandal schon erschüttert waren.

Papst Franziskus winkt, 30. Juli 2024.
Papst Franziskus winkt, 30. Juli 2024.

Schon Benedikt XVI. hatte mit der Reform der Finanzen begonnen, Franziskus führte sie weiter. Da war er unerbittlich: Unter seiner Ägide wurde ein Strafprozess eröffnet, der zur Verurteilung von mehreren Beschuldigten durch ein Vatikangericht führte, unter ihnen Angelo Kardinal Becciu. Er bekam am 16. Dezember 2023 fünfeinhalb Jahre Haft. Das hatte es noch nie gegeben.

Eine andere Spiritualität

Seine Enzyklika «Laudato Sì» erregte grosse Aufmerksamkeit, auch in der säkularen Welt. «Laudato Sì», ein Zitat aus dem Sonnengesang des Heiligen Franziskus, ist der Titel eines Lehrschreibens, das die ökologische mit der sozialen Frage verknüpft. Sie traf den Nerv der Zeit, obwohl einige die Nase rümpften und zu wenig Spiritualität zu diagnostizieren glaubten.

Es ist eben eine andere Spiritualität. Mit seiner letzten Enzyklika «Dilexit nos» zeigte er aber, der er durchaus auch einer traditionellen Herz-Jesu-Frömmigkeit verbunden war.

Ein gesprächiger Papst

Franziskus war ein populärer Papst, einer, der sich gern unter das Kirchenvolk mischte – auch einer, der gern und viel sprach. Manche Äusserung war wohl nicht durchdacht, aber das gehörte zu ihm. Ethik und Politik waren für ihn ein einziges Feld.

Ankunft von Papst Franziskus zur ersten Sonderaudienz im Heiligen Jahr 2025 am 11. Januar 2025 in der Audienzhalle im Vatikan.
Ankunft von Papst Franziskus zur ersten Sonderaudienz im Heiligen Jahr 2025 am 11. Januar 2025 in der Audienzhalle im Vatikan.

Seine Bemerkung in einem Interview mit dem Tessiner Radio RSI am 12. März 2023 von der «weissen Fahne», die die Ukraine hissen solle, stiess viele vor den Kopf. Die weisse Fahne ist zwar auch ein Signal für Emissäre im Kriegsgebiet, aufgefasst wurde die Bemerkung aber als Aufforderung an die Ukraine, die Waffen zu strecken. Andererseits entspannte der Satz «Wer bin ich, um einen Homosexuellen zu verurteilen» das verkrampfte Verhältnis der Kirche zu dieser Frage und bereitete jene kleine Öffnung vor, die die Kurie aber teilweise zurücknehmen musste. Später mehr darüber.

Die Peripherie ist das neue Zentrum

Der Argentinier faszinierte, irritierte aber auch. Das ist auch einem Fehler in der Wahrnehmung anzulasten: Wir glaubten trotz allem, einen Europäer vor uns zu haben. Jorge Bergoglios Eltern stammten aus Europa, er war aber durch und durch Südamerikaner, geprägt von ganz anderen Erfahrungen. Und überzeugt davon, dass die Kirche von der Peripherie her lebt und an die Ränder gehen muss.

Papst Franziskus
Papst Franziskus

Seine Kardinalsernennungen machen das deutlich. Während europäische Erzbistümer, die ein Gewohnheitsrecht auf den Kardinalshut haben, regelmässig übergangen wurden, kreierte Franziskus Kleriker aus Borneo oder der Mongolei zum Kardinal. Damit hat Franziskus die Kirche verändert. Auch wenn wieder ein Europäer Papst werden sollte, der Eurozentrismus eines Benedikt XVI. ist Vergangenheit.  

Grenzen der Macht Roms

Bei einem Thema mussten Franziskus beziehungsweise die Kurie schon das neue Selbstbewusstsein Afrikas zur Kenntnis nehmen. Mit der Erklärung «Fiducia supplicans» vom Dezember 2013 wollte die Kirche die Segnung von homosexuellen Paaren ermöglichen. Der geschlossene Widerstand afrikanischer Bischöfe veranlasste den Papst beziehungsweise den Präfekten der Glaubenskongregation Fernandez, diese Öffnung zu relativieren.

Das von Kirchenkritikerinnen und -kritikern bemühte Bild der römisch-katholischen Kirche als Machtpyramide entspricht nicht den Realitäten, da hat der Vatikanist Marco Politi Recht. Gegen den Widerstand eines ganzen Kontinents kommt Rom nicht an. Und die Fliehkräfte innerhalb der katholischen Kirche nehmen zu. Während der Präsidentschaft Donald Trumps muss sich die Kirche auch noch dieser Zerreisprobe stellen.

Ein Papst, eine Mission

Papst Franziskus war ein Reformer, keine Frage. Es war aber nicht jene Reform, welche viele in Europa erwartet haben. Franziskus ist mit einer anderen Reformagenda nach Rom gekommen. Ihm ging es um eine Rückbesinnung auf das Evangelium, um die Hinwendung zu den Armen, den Gefangenen, den Migranten. Generell um eine Neuausrichtung der Kirche im Geist der Bergpredigt Jesu.

Papst Franziskus
Papst Franziskus

Diese Agenda hat er konsequent verfolgt, mit Lehrschreiben, mit personellen Veränderungen und mit Zeichenhandlungen. Mehrmals hat er in Gefängnissen an Gründonnerstag Gefangenen eigenhändig die Füsse gewaschen. Ein starkes Zeichen mit einer unmissverständlichen Botschaft.

Mit der Wahl der Ordensschwester Simona Brambilla zur Präfektin des Dikasteriums für die Institute des geweihten Lebens am 6. Januar 2025 hat Franziskus eine Frau auf die höchste Leitungsstufe befördert. Um dann hat er gleich nachgedoppelt mit Raffaella Petrini als Regierungschefin der Vatikanstadt. So etwas war vor ihm undenkbar.

Abkommen mit der chinesischen Diktatur

In China wächst der Katholizismus rasant. Allerdings gibt es zwei «Kirchen», die romtreue Untergrundkirche und die «katholische patriotische Vereinigung», die von Peking gesteuert wird.

2018 unterzeichnete der Vatikan eine Vereinbarung mit der chinesischen Führung, die dem langjährigen Disput um Bischofsweihen ein Ende setzen sollte. Der Wortlaut ist geheim, doch seitdem wurden einige Bischofssitze neu besetzt und sogar neue geschaffen. Möglicherweise hat Franziskus den Machthabern ein Mitspracherecht zugestanden. Entscheidendster Kritiker dieser Politik ist der tapfere Hongkonger Kardinal Zen. Er geisselte das Abkommen als «Selbstmordpakt» und «unglaublichen Verrat» des Vatikans an den Katholiken in China.  Was auch immer der Vertrag beinhaltet, Franziskus trägt die Verantwortung dafür.

Franziskus’ Erbe

In welcher Verfassung lässt der verstorbene Papst die Kirche zurück? Franziskus hat sie in einem demoralisierten, desorientierten Zustand vorgefunden. Missbrauchs- und Finanzskandal hatten das Vertrauen der Basis erschüttert und auch manchen Priester in eine existentielle Krise gestürzt.

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Mit der Weiterführung jener Arbeit, die schon Benedikt XVI. in diesen Feldern begonnen hatte, hat Franziskus nicht alle Probleme gelöst, aber doch vieles signifikant verbessert. Die Einberufung der Weltsynode in Rom war ein Signal zum Aufbruch für die ganze katholische Kirche. Aller Unkenrufe zum Trotz erschöpfte sich diese Versammlung nicht in einer Alibiübung. Sie hat einen echten Aufbruch ermöglicht, hat der Kirche wieder Zuversicht gegeben.

Welcher Kurs wird weiterverfolgt?

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es schon einmal einen synodalen Aufbruch mit prophetischen Momenten, beispielsweise in der legendären Würzburger Synode. Unter Papst Johannes Paul II. wurde jedoch ein anderer Kurs eingeschlagen.

Nun stellt sich die grosse Frage, ob der Nachfolger an die Bergoglio-Linie anknüpft oder an den Wojtyla-Ratzinger-Kurs. Diese Entscheidung hat Franziskus mit der Kreation von neuen Kardinälen mitbeeinflusst. Jetzt liegt sie aber beim Konklave beziehungsweise beim Heiligen Geist.


Papst Franziskus spricht im Juli 2013 mit Flüchtlingen, die mit dem Boot auf Lampedusa gestrandet sind. | © KNA
21. April 2025 | 13:00
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