Tania Oldenhage
Radiopredigt

Tania Oldenhage: Theologin im Widerstand

Die reformierte Theologin lässt sich von einer katholisch-feministischen Theologin in den USA inspirieren in Sachen Engagement als Kirchenfrau – trotz allen Widerständen und Rückschlägen. Eine Radiopredigt.

Tania Oldenhage*

Ich habe eine Freundin, sie lebt in New York, jeden Tag denk ich an sie, frag mich, wie es ihr geht, was sie macht. Ich drehe hier noch durch, schrieb sie mir letzte Woche. Vielleicht komm ich bald zu dir in die Schweiz und beantrage Asyl. Ich stellte es mir vor: Meine Freundin, wie sie mit Sack und Pack an meiner Tür steht, die Achseln zuckt mit schiefem Lächeln, da bin ich. Müsste ich ihr schreiben, dass eine US-Amerikanerin kein Asyl bekommen würde?

Katholische Theologin verblüfft

Aber egal, sie wird ihr Land nicht verlassen, das weiss ich. Sie hat Stehvermögen, das muss sie haben, sie ist eine kritische Zeitgenossin, eine New Yorkerin, eine Feministin und ausserdem ist sie römisch-katholisch, eine katholische Theologin, eine Kirchenfrau und schon manches Mal hat sie mich verblüfft. Sie wird ihr Land nicht verlassen und auch nicht ihre Kirche. Sie ist 77 Jahre alt, sie hat schon so viel erlebt, sie kämpft schon so lange, und sie bleibt dran.

Die Freiheitsstatue vor New York
Die Freiheitsstatue vor New York

Obwohl ich schon manches Mal dachte, jetzt hat sie genug. In den 1980er Jahren war sie Präsidentin eines Vereins, der dafür kämpfte, dass Frauen in der katholischen Kirche ordiniert werden. Jahrelang setzte sie sich ein für diese Sache, wurde nicht müde zu argumentieren: Wenn unsere Kirche irgendeine Hoffnung haben will, weiter zu bestehen, dann, meine Herren, müssen Frauen zum Priesteramt zugelassen werden.

Engagement fürs Frauenpriestertum aufgegeben

Dann gab sie auf, von heut’ auf morgen. Warum, fragte ich. Mir ist klar geworden, sagte sie, dass sich in dieser Angelegenheit nichts, aber auch gar nichts, auch nur ein kleines bisschen verändern wird. Damals rechnete ich jeden Tag damit, dass sie aus der Kirche austreten würde.

Doch sie trat nicht aus, sie trat zurück als Präsidentin und dann wendete sie sich anderen Themen in ihrer Kirche zu. In den 2010er-Jahren engagierte sie sich zum Beispiel für Nachhaltigkeit, genauer gesagt ging es ihr um die weltweite Wasserknappheit und was die Kirche dagegen tun müsste. Sie ging in Kirchgemeinden und Pfarreien, leitete Workshops, gab Interviews, hielt Vorträge, schrieb einen Blog, rezensierte Bücher zum Thema, und wenn ein neues Buch herauskam von einer Theologin aus Kanada oder aus Südkorea, dann schrieb sie mir ein Mail: Hast du das gelesen, du musst das lesen! Sie war unermüdlich.

Überzeugte Christin mischt sich ein

Heute schreibt sie Artikel zur Klimakrise aus christlicher Sicht, so wie sie es sieht, fast jede Woche ist sie auf der Strasse, verteilt Flugblätter, trifft sich mit anderen Leuten aus ihrer Pfarrei. Sie bleibt dran. Sie ist weder naiv noch optimistisch, aber sie ist überzeugt davon, dass sie sich als Christin einmischen muss in die Katastrophen unserer Zeit.

Männer aus Mittelamerika sitzen und stehen auf dem Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA in Tijuana.
Männer aus Mittelamerika sitzen und stehen auf dem Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA in Tijuana.

Und während in meinem Bekanntenkreis eine wunderbare Kollegin nach der anderen ihren Kirchenaustritt bekannt gab, blieb sie, meine Freundin, in der Kirche. Jeden Sonntag geht sie zur Messe, lässt Predigten geduldig über sich ergehen, singt die Liturgie mit, hilft Obdachlosen auf der Strasse, unterstützt Migrantinnen, hilft mit, dass sich Menschen jeden Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung in ihrer Pfarrei willkommen fühlen. Sie lebt in einer winzigen Wohnung in Brooklyn und wenn sie auf die Strasse geht, summt sie Kirchenlieder. 

Dankbar für Bildung durch Nonnen

Wenn man sie fragt, was sie in der römisch-katholischen Kirche hält, dann sagt sie: Es sind die Nonnen. Meine Freundin kommt aus einer irischen Arbeiterinnenfamilie, und in den 50er Jahren ging sie bei hochgebildeten Nonnen zur Schule. Sie wird ihnen ein Leben lang dankbar sein.

Die Nonnen waren klug und streng, und auch sie kann streng sein. Einmal hielt sie mir einen Vortrag. Ich hatte irgendetwas von mir gegeben über Gott und dass wir Gott ja schliesslich nicht im Diesseits finden, sondern in einer metaphysischen Sphäre, jenseits von allem, da sagte sie mir: Aber Kind, das ist doch Mittelalter! Sie trieb mir die alten Gottesbilder aus, sie half mir, mich zu verabschieden vom alten Mann an der Spitze, vom HERRN, der alles kann und alles weiss und mächtig ist wie ein US-Präsident. Das war in den 90er-Jahren. 30 Jahre später sitzt mir der alte HERR manchmal immer noch im Nacken. Sei geduldig, sagt sie. Manche Dinge brauchen Zeit. Manchmal braucht es ein ganzes langes Leben, um sich zu befreien von den alten Bildern.

Letzten Sommer war sie in Zürich für zwei Tage. Ich lief mit ihr durch die Stadt, zeigte ihr die reformierten Kirchen, wir standen im Grossmünster, und im Fraumünster schauten wir uns die Chagall-Fenster an. Dann standen wir an der Limmat an dem Ort, an dem die Reformatoren im 16. Jahrhundert die Täufer in den Fluss geworfen hatten. Meine Freundin setzte sich aufs Mäuerchen, ich machte ein Foto von ihr, sie lächelte ihr schiefes Lächeln. Dann gingen wir weiter die Limmat entlang in den Kreis 5. Ich wollte ihr die Kirche zeigen, in der ich Pfarrerin bin.

Vor 125 Jahren – feministische Bibellese in New York

Die Kirche war leer, nur der Organist war am Üben. Wir setzten uns. Sie schloss die Augen. «It’s beautiful», flüsterte sie. Später kam der Organist von der Empore runter und wir plauderten. Meine Freundin wollte wissen, wie alt unsere Kirche ist. 125 Jahre ist sie alt, sagte ich. Genauso alt wie die feministische Theologie, meinte sie, und dann sprach sie mit uns über die Frauenbewegung in den USA des 19. Jahrhunderts, über die vielen mutigen Amerikanerinnen, die damals für das Frauenwahlrecht gekämpft hatten. Vor 125 Jahren, sagte sie, genau zu der Zeit als eure schöne Kirche gebaut wurde, wurden in New York die ersten feministischen Kommentare zur Bibel veröffentlicht.

Und jetzt, sagte ich, geht bei euch alles den Bach herab. Und bei uns, bei uns interessiert sich kaum noch jemand dafür, was in der Bibel steht. Manchmal, sagte ich, habe ich Angst, dass wir uns zu viel Zeit gelassen haben. Dass es zu spät sein könnte, dass die Kirche den Zeitpunkt schlichtweg verpasst haben könnte, um sich zu erneuern. Dass es zu lang dauert, bis der theologische Sexismus endlich aus den Kirchen verschwindet.

Meine Pfarrei in New York, sagte sie, versucht jeden Tag ein Zeichen zu setzen für eine offene, diverse, geschlechtergerechte Kirche und Gesellschaft. Wir können es uns gar nicht leisten aufzugeben.

Kirchenfrau trotz allem

Auf dem Heimweg sprachen wir darüber, was es heisst, in unserer Zeit katholisch zu sein, reformiert zu sein, was es überhaupt heisst, etwas am Hut zu haben mit dieser Sache namens Christentum, und dass überraschenderweise manche Kirchen jetzt in diesem Moment zu Orten des Widerstands werden gegen patriarchale Gewalt innerhalb und ausserhalb der Kirche. 

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Meine Freundin ist längst wieder zurück in New York. «Wie geht es dir», schrieb ich ihr, «wie schlimm ist es?» Sie schrieb mir, dass sie gerade einen Vortrag gehalten hatte über den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Militarismus. Jeden Tag denke ich an sie, an meine katholische Freundin, die mir gezeigt hat, was es heisst, eine Theologin zu sein, eine Kirchenfrau, eine Frau, die ihre Kirche trotz allem nicht verlässt und die nicht aufhört, sich einzumischen in die politischen Krisen unserer Zeit.

*Tania Oldenhage ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Zürich.

Bibelstelle: Lk 2,10

Die SRF-Radiopredigten sind eine Koproduktion des Katholischen Medienzentrums, der Reformierten Medien und SRF2 Kultur.

Zu den SRF-Radiopredigten geht es hier.

Das Archiv der Radiopredigten und weitere Informationen um die Radiopredigten finden Sie hier.


Tania Oldenhage | © Sibylle Hardegger
9. Februar 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!