«Aufbrechen, nicht erstarren!»: Zur neuen Religionsstatistik des Bundes
Die neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik über die Religionen 2023 in der Schweiz bestätigen den religiösen Abwärtstrend. Der Anteil der Personen ohne Zugehörigkeit zu einer Religion hat in den vergangenen 50 Jahren kontinuierlich zugenommen. Experten machen trotzdem Mut und rufen zum Handeln auf.
Wolfgang Holz
Die Hauptbotschaft der Religionszahlen des Bundesamts für Statistik lautet: Die Gruppe von Personen ohne Religionszugehörigkeit, die bereits seit letztem Jahr die grösste war, konnte 2023 nochmals wachsen und erreichte erstmals einen Anteil von 36 Prozent. 2022 waren es noch 34 Prozent.
Gleichzeitig hatten die Katholikinnen und Katholiken im selben Zeitraum einen Rückgang von 32 Prozent auf 31 Prozent zu verzeichnen, die Evangelisch-Reformierten von 21 Prozent auf 19 Prozent.
Noch immer sind 50 Prozent kirchlich organisiert
Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen sieht auf Anfrage von kath.ch in dieser säkularen Entwicklung in der Gesellschaft trotzdem noch kein Katastrophenszenario. Im Gegenteil. Er versucht Mut machen. Initiative zu entfachen. Positive Entwicklungen zu sehen. «Aufbrechen, nicht erstarren!» lautet sein Motto.
Zum einen würde ja immer noch rund 50 Prozent der Schweizer Bevölkerung einer der beiden grossen Kirchen angehören. «Je nach statistischem Verfahren schwanken die Ergebnisse leicht. Aber die symbolischen 50 Prozent sollten die Kirche ohnehin nicht primär beschäftigen», ist Arnd Bünker überzeugt.
«Glauben hat aber mit Vertrauen zu tun»
Zum anderen ist für Bünker die Suche nach Antworten auf den Relevanz- und Vertrauensverlust der Kirchen wichtiger als reine Zahlen. «Gerade in der katholischen Kirche hat das Vertrauen in die Institution gelitten. Auf das Bekanntwerden der Fälle sexuellen oder spirituellen Machtmissbrauchs folgte ein Vertrauensverlust. Glauben hat aber mit Vertrauen zu tun – und Glauben als Teil einer Gemeinschaft, der man nicht vertraut, hat keine Zukunft.»
«Die Botschaft des Evangeliums, wie sie von den Kirchen vermittelt wird, findet im Alltag der meisten Menschen und wohl auch der meisten Kirchenmitglieder kaum noch eine konkrete Bedeutung.»
Langfristig gesehen sei der Relevanzverlust der christlichen Botschaft die dramatischere Entwicklung – seit Jahrzehnten, so der SPI-Institutsleiter. «Die Botschaft des Evangeliums, wie sie von den Kirchen vermittelt wird, findet im Alltag der meisten Menschen und wohl auch der meisten Kirchenmitglieder kaum noch eine konkrete Bedeutung. Selbst als Dekoration für jahreszeitliche Feste oder für besondere biografische Anlässe wie Geburt, Taufe oder Hochzeit nimmt die Bedeutung christlicher und kirchlicher Traditionen ab.»
Dass dies so sei, sei zu akzeptieren, meint Arnd Bünker. Fatal sei es aber, wenn die Kirchen den Eindruck erwecken würden, nicht einmal mehr ernsthaft, um eine «Verheutigung» und Aktualisierung der Botschaft des Evangeliums zu ringen.
«Synodalität als Aufbruch»
«Oft scheint es, als ob alle Energie darauf gelenkt wird, den Bestand zu wahren, sich in Lehrsätzen oder kirchlichen Strukturen festzubeissen, ohne zu neuen Ufern aufzubrechen,» kritisiert Bünker. «Angst regiert die Kirche. Rückzug und Starre sind die Folge. Das biblische Zeugnis tönt anders: heilige Unruhe, den Gang in die Fremde wagen, Aufbruch – in der Hoffnung auf eine verheissene Zukunft und die Fülle des Lebens.»
Doch Arnd Bünker erkennt auch positive Entwicklungen der katholischen Kirche. «Immerhin: Die katholische Kirche versucht heute weltweit, synodaler zu werden. Das dient dem Aufbruch in eine bislang nicht gekannte Zukunft. Strategisch darf daher die Bedeutung von Synodalität nicht gross genug verstanden werden.»
Der Weg geht weiter
Synodalität gelte als «Stil der Kirche im 3. Jahrtausend», wie es Papst Franziskus formuliert habe. «Rückschläge und Enttäuschungen auf dem gemeinsamen Weg gehören dazu – wie in der biblischen Überlieferung ja auch. Aber der Weg geht weiter. Auch der Weg der Kirchen in der Schweiz.»
Wer sich die Zahlen der Bundesstatistik näher anschaut, dem fällt bei der Entwicklung der Religionslandschaft in der Schweiz seit 1970 auf, dass die Mehrheit der Evangelisch-Reformierten bereits ab 1980 zugunsten der wachsenden Mehrheit der Katholiken zu bröckeln beginnt.
Konfessionslose ab 2000-er Jahren prozentual zweistellig
Andererseits fängt ab den 2000er-Jahren die Zahl der Menschen ohne Religionszugehörigkeit in der Schweiz mit 11,4 Prozent an, zweistellig zu werden. Im Jahr 2023 zählt die Statistik des Bundesamts noch 1,4 Millionen Evangelisch-Reformierte (19,5 Prozent), 2,3 Millionen Katholiken (31 Prozent) und 2,6 Millionen Konfessionslose (36 Prozent).
Dem Islam gehören insgesamt 445’000 Personen an (6 Prozent). Menschen jüdischen Glaubens zählt man 17’979 Personen (0,2 Prozent); anderen Glaubensgemeinschaften gehören 98’521 Personen an (1,3) Prozent – angesichts einer Gesamtbevölkerung von 7,4 Millionen Schweizerinnen und Schweizern im Jahr 2023.
Krass in grossen Städten: Basel mehrheitlich konfessionslos
Besonders krass in Sachen kontinuierlicher Zunahme der Konfessionslosen wirken die Zahlen der Bundesamtsstatistik in den grossen Städten. In Zürich sind es 171’000 Personen ohne Religionszugehörigkeit, in Genf 76’072 und in Basel sind es mit 84’850 Personen gar über die Hälfte der Bevölkerung. In Lausanne sind es 55’384 Personen, in Bern 47’148. In Winterthur sind es 36’721 Personen, wobei gleichzeitig 10’777 Personen islamischen Glaubens gezählt wurden.
In der traditionellen Katholiken-Hochburg Luzern sind fast gleich viele Menschen ohne Konfession wie katholischen Glaubens: 26’856 zu 28’558 Personen. Und im ebenso sehr katholischen St. Gallen haben die Konfessionslosen die Katholiken sogar schon überholt – mit 22’520 zu 20’956 Personen.
Im katholischen Tessin noch bessere Verhältnisse
Im katholischen Tessin scheint dagegen die Welt der Religion zumindest zahlenmässig noch einigermassen in Ordnung: In Lugano etwa sind die Katholiken mit 27’873 Personen klar in der Mehrheit, ebenso im Kanton, wo 172’809 Katholiken nur 93’498 Konfessionslose gegenüberstehen.
«Weniger offenkundig, aber für uns fast noch wichtiger, ist der langfristige Trend, der sich in diesen Zahlen widerspiegelt», sagt Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ) gegenüber kath.ch.
Säkularisierung und Individualisierung der Gesellschaft
Sagt es und bringt die Zahlen des Bundesamts für Statistik vor allem in Zusammenhang mit den Kirchenaustritten. «Die Säkularisierung und Individualisierung haben Auswirkungen sowohl auf die Austritte als auch die Eintritte.»
Die Zahl der Austritte werde sich nach der Austrittswelle 2023 voraussichtlich auf höherem Niveau einpendeln. Auch die katholische Kirche befinde sich nun, so Brosi, deutlich im Prozess des Kleinerwerdens. Die Herausforderung sei, mit weniger Finanzen und vor allem viel weniger Personal die Aufgaben zu konzentrieren und zu fokussieren, aber auch die kirchliche Infrastruktur zu reduzieren.
«Wir müssen helfen, Menschen einen Zugang zur göttlichen Kraft zu finden, heilend für sie da zu sein.»
«Zugleich müssen wir unsere Aufgabe in der Welt gut wahrnehmen: Menschen zu den Fragen hinführen, die im Leben letztlich wichtig sind, ihnen helfen, einen Zugang zur göttlichen Kraft zu finden, heilend für sie da zu sein.»
*Die Zahlen des Bundesamts für Statistik «Religionen 2023» lassen sich in mehreren Einzelstatistiken herunterladen.
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