Papst Franziskus
Analyse

«Hoffe»: In diesem Buch wird Papst Franziskus als Mensch spürbar

Selten hat ein Pontifex so tiefe Einblicke in sein Leben gewährt wie Papst Franziskus. Seine neue Autobiographie «Hoffe» ist die Geschichte eines Menschen, der als Emigrantensohn die Berufung zum Priester erfährt, die schrecklichen Jahre der argentinischen Militärdiktatur durchsteht und eine ausserordentliche kirchliche Karriere erlebt. Ein Mensch, der von der Hoffnung geleitet wird. Und jetzt Bilanz zieht.

Francesco Papagni

Jorge Mario Bergoglio ist Spross einer piemontesischen Familie, die in der Zwischenkriegszeit nach Argentinien auswandert. Um ein Haar hätte sie die «Principessa Mafalda» bestiegen, einen Dampfer, der Schiffbruch erlitt. In der Neuen Welt erging es der Familie besser als vielen, da sie dort schon Verwandte hatte, die zu Wohlstand gekommen waren.

Multikulti in Buenos Aires

Dieser Wohlstand verflüchtigt sich allerdings in der Weltwirtschaftskrise. Die Familie muss in Buenos Aires neu anfangen. Das Quartier, in dem sie wohnte, beschreibt Franziskus als Mikrokosmos der vielen Ethnien.

Hausfassade mit einem grossem Bild von Papst Franziskus an einer Strassenkreuzung in Buenos Aires (Argentinien), 23. September 2023.
Hausfassade mit einem grossem Bild von Papst Franziskus an einer Strassenkreuzung in Buenos Aires (Argentinien), 23. September 2023.

Italienische Auswanderer bilden die Mehrheit, aber Muslime und Juden sind gut vertreten. Es sind die herzlichen Beziehungen im Kleinen über Grenzen hinweg, die den jungen Jorge prägen. Und natürlich die katholische Kirche mit Pfarrern, die wirkliche Seelsorger sind und Nonnen, die wesentliche Aufgaben im karitativen Bereich übernehmen.

Starke Frauen

Die Welt des jungen Bergoglio ist von starken Frauen bevölkert. Sie halten die Familie zusammen, beim Tod der Ehemänner bringen sie die Kinder und sich selbst alleine durch. Und sie sind Vorbilder im Glauben wie seine Grossmutter Rosa, die «la luchadora» genannt wird, die Kämpferin.

Papst Franziskus wäscht an Gründonnerstag Häftlingen die Füsse, 2019.
Papst Franziskus wäscht an Gründonnerstag Häftlingen die Füsse, 2019.

Später an der naturwissenschaftlichen Schule ist es Esther Ballestrino de Careaga, Marxistin und Schuldirektorin. Von ihr sagt er: «Sie hat mich denken gelehrt, und damit meine ich, politisch zu denken.» Bergoglio selbst war nie Kommunist, aber das Milieu, in dem er lebte, regte ihn zur Auseinandersetzung mit dem Marxismus an.

Dass das Los der Armen sein Lebensthema wurde, ist wohl auch dieser frühen Phase geschuldet. Der Primat gebührt aber dem Christentum: «Wer an Gott glaubt, wer an Jesus Christus und das Evangelium glaubt, weiss, dass das Herzstück der Frohen Botschaft die Verkündigung für die Armen ist. Es genügt, es zu lesen. Jesus ist in dieser Hinsicht vollkommen klar.»

Frühe Jahre

Theater, Film, Literatur – der junge Mann lebt in einer fruchtbaren Umgebung. Mit Esther Ballestrino de Careaga geht es ins Theater, früher noch entdeckt er das grosse italienische Kino mit seinem Vater: «la stradavon Fellini, «Roma città aperta» von Rossellini, «i bambini ci guardano» von De Sica. «…eine grossartige Schule der Menschlichkeit…»

Papst Franziskus begrüßt eine Ordensfrau bei einem Treffen mit Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten, Seminaristen und pastoralen Mitarbeitern in der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis in Dili (Osttimor) am 10. September 2024.
Papst Franziskus begrüßt eine Ordensfrau bei einem Treffen mit Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten, Seminaristen und pastoralen Mitarbeitern in der Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis in Dili (Osttimor) am 10. September 2024.

Er liest italienische und spanisch schreibende Dichterinnen und Dichter. Später wird er einen der Grössten kennenlernen: Jorge Luis Borges. Ein Aufwachsen also in einer liebevollen Familie mit vielen Anregungen. Doch es gibt eine andere Seite. Ein sehr begabter Schulfreund erschiesst einen Mitschüler. Bergoglio besucht ihn im psychiatrischen Gefängnis, eine einschneidende Erfahrung.

Schwere Lungenentzündung im Priesterseminar

Die Aufmerksamkeit für die Gefangenen, die der Papst immer wieder an den Tag legt, ist auch Frucht dieses Erlebnisses. Im Priesterseminar bekommt er eine schwere Lungenentzündung, die nicht richtig behandelt wird. Jorge Bergoglio schwebt zwischen Leben und Tod, und eine Ordensfrau, die als Krankenschwester arbeitet, rettet ihm das Leben. Aber ein Teil des linken Lungenflügels muss operativ entfernt werden.

Papst Franziskus mit blauem Fleck am Kinn - beim Konsistorium am 7. Dezember 2024 im Vatikan.
Papst Franziskus mit blauem Fleck am Kinn - beim Konsistorium am 7. Dezember 2024 im Vatikan.

Der junge Mann erfährt Gemeinschaft und sucht sie. Deswegen tritt er in den Jesuitenorden ein, deswegen wird er als Papst im Gästehaus wohnen, deswegen beruft er die Weltsynode ein. Denn niemand findet das Heil alleine, «…nicht mal ein Papst.»

Militärdiktatur

1976 putschten die Militärs in Argentinien, eine massive Repression begann, die als guerra sucia, schmutziger Krieg betitelt wurde. Zehntausende Menschen verschwanden beziehungsweise wurden ermordet. Bergoglio war Provinzial der Jesuiten, die stark in Basisgemeinden engagiert waren. Das Regime verfolgte auch Geistliche, wenn sie «subversiver Umtriebe» bezichtigt werden.

Javier Milei, Präsident von Argentinien, spricht nach dem Gottesdienst im Petersdom mit Papst Franziskus, Februar 2024
Javier Milei, Präsident von Argentinien, spricht nach dem Gottesdienst im Petersdom mit Papst Franziskus, Februar 2024

Für den späteren Kardinal von Buenos Aires beginnt die schlimmste Zeit seines Lebens. Das Kapitel im Buch legt detailliert Zeugnis von dieser Epoche ab. Zwei seiner Mitbrüder, Pater Orlando Yorio und Pater Franz Jalics, verschwinden. Der Provinzial schafft es in einer mutigen Aktion, sie wieder frei zu bekommen. Andere in seinem Bekanntenkreis werden aber zu Tode gefoltert. Die Zeit der Diktatur lastet schwer auf Franziskus: «Es waren schreckliche Jahre, die auch für mich enorme Spannungen bereithielten.»

Kardinal Bergoglio wird Papst Franziskus

Anekdotenreich wird das Konklave geschildert, das den Argentinier zum Papst wählt. Franziskus erstaunt alle durch seine demonstrative Bescheidenheit. Er soll in den Papstpalast einziehen: «Sobald ich an Ort und Stelle war und mit Pater Georg sprach, dem damaligen Präfekten des päpstlichen Hauses, wusste ich, dass ich dort nicht bleiben würde.» Mit Pater Georg ist Erzbischof Georg Gänswein gemeint, Privatsekretär von Benedikt XVI., den Franziskus in die Wüste schickt, bevor er ihn als Nuntius in die baltischen Staaten sendet.

Der aufgebahrte Leichnam Benedikts XVI. im Petersdom.
Der aufgebahrte Leichnam Benedikts XVI. im Petersdom.

Von seinem Vorgänger Benedikt XVI. sagt er, sie hätten eine «authentische und tiefe Beziehung» gehabt. Allerdings habe ihm die «Instrumentalisierung im Augenblick seines Todes (…) wirklich weh getan.» Die Personen, die hier gemeint sind, hat Franziskus konsequent von ihren Ämtern enthoben.

Der Papst kann eben auch durchgreifen, ein Aspekt, der im Buch nicht hervorgehoben wird. Franziskus würde zurücktreten, sagt er, wenn er seine Aufgaben nicht mehr erfüllen könnte, und dann als «emeritierter Bischof» in Rom bleiben. Eine Spitze gegen seinen Vorgänger, der als emeritierter Papst ihm die Ausübung des Amtes erschwert hat.

«Christus ist keine Marmorstatue»

«Hoffe» ist mehr als eine Autobiographie, Franziskus rechtfertigt umstrittene Entscheidungen, die er  kürzlich getroffen hat. Zur Segnung von homosexuellen Paaren sagt er: «…Homosexualität ist kein Verbrechen, sondern eine Tatsache des Menschseins. (…) Gottvater liebt sie (die Homosexuellen Anm.d. Red.) mit der gleichen bedingungslosen Liebe. Er liebt sie so, wie sie sind.»

Ein homosexuelles Paar wird im Gottesdienst gesegnet.
Ein homosexuelles Paar wird im Gottesdienst gesegnet.

Solche Aussagen werden nicht allen in der Kirche gefallen, obwohl Franziskus gleich danach die Gendertheorie ablehnt. Ebenso klare Worte findet er zur lateinischen Messe, die einher geht mit «kostspieligen Gewändern, mit Stickereien, Spitzen und Stolen. Das ist keine Freude an der Tradition, sondern blanke Zuschaustellung von Klerikalismus…  (…) Tradition bedeutet, vorwärts zu gehen.»

Fazit

Wer die Autobiographie von Papst Franziskus liest, versteht viele seiner Entscheidungen besser. Sein erster Besuch nach seiner Wahl zum Papst auf die Insel Lampedusa zu Migranten erklärt sich auch aus seiner eigenen Familiengeschichte. Seine Option für die Armen aus seinen Erfahrungen und aus der «Teologia del pueblo», einer gemässigten Variante der Befreiungstheologie, die er bei seinen Lehrern kennengelernt hat.

Papst Franziskus trifft Wolodymyr Selenskyj, Staatspräsident der Ukraine, am 13. Mai 2023 im Vatikan.
Papst Franziskus trifft Wolodymyr Selenskyj, Staatspräsident der Ukraine, am 13. Mai 2023 im Vatikan.

Seine Abscheu vor dem Krieg kommt auch aus Erzählungen eines Onkels, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Papst Franziskus lehnt die alte, auch von der Kirche vertretene Lehre vom gerechten Krieg ab. Jeder Krieg ist verabscheuungswürdig, deswegen weigert er sich, etwa im Ukraine-Krieg klar Position zu beziehen.

Klare Worte findet er zur Kirche: Kleriker hätten sie «maskulinisiert», vermännlicht, es gelte, sie zu «de-maskulinisieren» – nicht, indem die Kirche Frauen weihe, sondern indem sie in Leitungspositionen gewählt werden, und bei den Klerikern ein Umdenken stattfinde. «Hoffe» ist ein warmherziges, detailreiches, ja bewegendes Zeugnis. Papst Franziskus wird darin als Mensch spürbar.

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Das Buch «Hoffe. Die Autobiografie» von Papst Franziskus ist im Kösel-Verlag, München 2025, erschienen und kostet zirka 35 Franken.


Papst Franziskus | © Vatican News
16. Januar 2025 | 17:00
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