Marian Eleganti über Missbrauch in der «Familie Mariens»: «Bin deshalb ausgetreten»
Der emeritierte Weihbischof von Chur, Marian Eleganti, nimmt Stellung zu Missbrauchsvorwürfen gegen die Gemeinschaft «Familie Mariens». Er hat zwölf Jahre darin gelebt und sagt jetzt: «Ich habe das Problem immer nur bei den Gründervätern gesehen.»
Regula Pfeifer
Sie waren einmal Teil der «Familie Mariens». Ein anderer Ehemaliger wirft der Gemeinschaft geistlichen Missbrauch vor, konkret mentale Manipulation, theologische Mystifikation, emotionale Erpressung, Marginalisierung von abweichenden Stimmen, bedingungslose Verehrung des Gründers, Vernichtung von Persönlichkeiten und Gewissen…Haben Sie solche Manipulationen mitbekommen oder gar selbst erlebt?
Marian Eleganti: Wie bei vielen menschlichen Angelegenheiten passieren auch bei guter Absicht – ich denke diesbezüglich grundsätzlich gut von den Menschen – schwerwiegende Fehler. Wie ihre Aufzählung zeigt, wiegen sie auch in diesem Fall sehr schwer. Ich bin deshalb nach zwölf Jahren der Mitgliedschaft 1990 aus der Gemeinschaft ausgetreten. Der Schritt war nicht leicht, eine Gewissensentscheidung.
Der eine Begründer der Gemeinschaft – Josef Seidnitzer – wurde Anfang 1990er-Jahre wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt, der andere – Gebhard Sigl – 2024 von einem Kirchengericht verurteilt. Was sagen Sie dazu?
Eleganti: Zum ersteren: Diese Fakten sind seit langem bekannt und wurden schon im Kontext meiner Ernennung zum Weihbischof von Chur im «Tagesanzeiger» thematisiert. Ich habe sie damals auch aus dieser Zeitung erfahren. Die Verurteilung von Gebhard Sigl 2024 durch ein Kirchengericht entspricht der Schwere des für das Gericht erwiesenen Fehlverhaltens.
«Es leben ideal gesinnte und ehrenhafte junge Menschen in dieser Gemeinschaft.»
Dem Vatikan wirft der Missbrauchsbetroffene «Laxheit» im Umgang mit der Gemeinschaft vor. Es werde zu wenig stark durchgegriffen. Zum Schaden der Opfer. Sehen Sie das auch so?
Eleganti: Das kann ich aus meiner Distanz nicht wirklich beurteilen. Das jüngste Urteil gegen den Priester Gebhard Sigl ist meines Erachtens nicht milde ausgefallen. Es leben viele ideal gesinnte und ehrenhafte junge Menschen in dieser Gemeinschaft. Sie sind von den Verurteilungen der Gründer in ihrer persönlichen Integrität nicht betroffen. Wahrscheinlich bleiben manche unter ihnen von der Unschuld der Gründer überzeugt. Da fehlt es meines Erachtens an Einsicht, was immer die Gründe dafür sind.
«Der Vatikan versucht, die Gemeinschaft um ihrer Mitglieder willen zu retten.»
Ich denke, dass der Vatikan versucht, die Gemeinschaft um ihrer Mitglieder willen zu retten und auf ein gesundes beziehungsweise tragfähiges Fundament für die Zukunft zu stellen. Die Alternative wäre, sie aufzulösen, was für die Betroffenen nicht in jedem Fall das Beste ist. Das muss jeder selbst entscheiden, unter welchen Bedingungen er bleibt oder nicht besser sich anders orientiert. Einigen wenigen konnte ich dabei helfen.
Sie haben die Gemeinschaft 1990 verlassen. Was war der Grund damals?
Eleganti: Ich hatte den Glauben an das sogenannte Charisma der Gründer (Pater Josef Seidnitzer und Gebhard Sigl, heute P. Paul M. Sigl) und an ihre persönliche Integrität verloren. Wir hatten aufgrund von Privatoffenbarungen, die weitgehend auf die Gründer selbst zurückgingen, in unserem Selbstverständnis eine virtuelle Welt aufgebaut, die sich für mich – gemäss meiner Gewissensprüfung – als falsch und nicht von Gott selbst inspiriert herausgestellt hatte. Die Meinungen darüber gingen schon damals auseinander. Ich konnte nur für mich selbst die Konsequenz ziehen.
«Ich habe das Problem immer nur bei den Gründervätern gesehen.»
Wie stehen Sie heute zur Gemeinschaft?
Eleganti: Ich stehe den Mitgliedern der Familie Mariens wohlwollend gegenüber. Die ältesten unter ihnen waren ja einmal meine Freunde. Ich habe das Problem immer nur bei den Gründervätern und bei ihrer Art der Leitung und persönlichen Mystik gesehen. Diesbezüglich hatte ich von Anfang an immer wieder Zweifel.
Von der Gemeinschaft zu den Missionsbenediktinern
Der 1955 in Uznach SG geborene Marian Eleganti ist Missionsbenediktiner der Abtei St. Otmarsberg in Uznach. Bevor er in den Orden eintrat, war er von 1978 bis 1990 Mitglied der von Josef Seidnitzer (†) gegründeten Laiengemeinschaft. Diese wurde später unter dem Namen «Familie Mariens» kirchlich anerkannt, aber 2022 vom Vatikan unter Aufsicht gestellt, nach Zeugenaussagen über psychologischen und spirituellen Missbrauch. Eleganti hat Theologie studiert und in Salzburg in Fundamentaltheologie doktoriert. (rp)
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