Jörg Berger, Psychotherapeut
Schweiz

Jörg Berger: «Die Gefahr ist gross, dass man Liebe mit Liebsein verwechselt»

Erschöpfung und Burnout sind häufige Diagnosen. Was steckt dahinter, und weshalb sind insbesondere auch Christinnen und Christen davon betroffen? Und: Was hilft wieder raus? Antworten gibt der Psychotherapeut Jörg Berger im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

Stress kann auch positiv sein: Er beflügelt und spornt den Menschen an, eine Aufgabe gut zu Ende zu bringen. «Mit positivem Stress kann ich auch mal sehr lange arbeiten und über meine Grenzen und Kräfte hinausgehen. Das funktioniert, weil da sehr viel Energie wieder zurückfliesst», sagt Jörg Berger. Er ist Psychotherapeut in Heidelberg und Autor des Buches «Die Anti-Erschöpfungsstrategie».

Das Gegenteil vom positiven Stress ist der negative Stress. «Er entsteht, wenn ich gegen meine Begabung und Neigung arbeiten und etwas aus mir herausquetschen muss, was gar nicht in mir angelegt ist.» Das halte man eine Weile durch, aber irgendwann gingen einem die Kräfte aus, was dann zu einer Erschöpfung führen könne, so Berger.

Drei Hauptgründe für Erschöpfung

Negativer Stress wird zu Erschöpfung, wenn sich Menschen nicht mehr erholen können. Also wenn ein Wochenende oder Ferien nicht mehr reichen, um runterzukommen. Gemäss Jörg Berger sagen erschöpfte Menschen: «Nun bräuchte ich mindestens noch eine Woche Urlaub, um aufzutanken.»

Guckkasten zu Stress.
Guckkasten zu Stress.

Ursachen für Erschöpfung nennt Berger drei: Zugenommen haben die Anforderungen am Arbeitsplatz. «Heute müssen viele sehr verdichtet arbeiten, und das strapaziert.» Ein anderer Faktor ist die Freizeitgestaltung: «Man kann so viel machen. Oft sind auch die Massstäbe gestiegen, wie man wohnt und was man alles erleben will.» Und schliesslich führen viele heute ein digitales Leben. «Das bietet tolle Chancen und Möglichkeiten, doch das digitale Leben muss auch noch bewältigt werden.»

Alle Faktoren zusammen machten die Gefahr deutlich höher, in eine Erschöpfung zu fallen, so Berger. «Das zeigt sich in der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen und Krankschreibungen.»

Wenn Beziehungen vor allem Kraft kosten

Erschöpfungs-Ursache Nummer 1 sind belastende Beziehungen. Statistisch gesehen haben rund zehn Prozent aller Menschen eine Persönlichkeitsstörung: «Das sind Menschen mit narzisstischen Störungen, selbstbezogene Menschen, die andere ausnützen und abwerten. Es gibt zwanghafte Persönlichkeiten, die sehr kontrollierend sein können und das Leben eng machen.»

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Im Umgang mit solchen Menschen sei es wichtig zu wissen, dass unsere normalen Reflexe und unsere kommunikative und soziale Kompetenz in eine völlig falsche Richtung gehen. «Bei 90 Prozent der Menschheit ist es gut, wenn man sich erst einmal an die eigene Nase fasst. Bei schwierigen bis schädlichen Menschen ist das genau die falsche Strategie. Hier muss man der eigenen Wahrnehmung trauen und Grenzen setzen.»

Risikofaktor Glaube

Oft kommen auch Christinnen und Christen in die Praxis von Jörg Berger und suchen Hilfe. «Der Glaube kann ein Risikofaktor sein, denn er erzieht zur Nächstenliebe, manchmal sogar zur Opferbereitschaft. Die Gefahr ist gross, dass man dann Liebe mit Liebsein verwechselt», sagt Berger. 

Bibel-Gemälde von Sr. Maria. «Man findet in der Bibel gute Beispiele, wie Konflikte offen ausgetragen werden können», sagt Jörg Berger.
Bibel-Gemälde von Sr. Maria. «Man findet in der Bibel gute Beispiele, wie Konflikte offen ausgetragen werden können», sagt Jörg Berger.

Er plädiert dafür, auch die andere Seite des Evangeliums zu leben, wo man bei Ungerechtigkeiten klare Grenzen setzen könne. «Man findet in der Bibel gute Beispiele, wie Konflikte offen und klar ausgetragen werden. Jesus, Paulus und Petrus werden auch mal zornig – die Bibel ist eine gute Schule auch für kraftvolle Konfliktfähigkeit.»

Spiritualität als Ressource

Jörg Berger ist gläubiger Christ, und eine seiner Empfehlungen lautet: «Geben Sie Ihrem Leben eine spirituelle Grundlage.» Im Podcast spricht er auch von Demut. «Demut heisst nicht, dass ich einen schlechten Selbstwert habe.» Im Gegenteil, wenn man demütige Menschen erleben dürfe, merke man schnell, dass sie ein sehr gutes Selbstwertgefühl haben, sich keineswegs alles bieten lassen und eine Bereicherung sind für andere. 

«Auffallend ist: Demütige Menschen nehmen sich nicht so wichtig, reiben sich nicht an Kleinigkeiten auf und können kleinere Verluste gut wegstecken, weil sie sagen, ich bin nicht der Nabel der Welt.» Das habe ein unglaubliches Potenzial, wie diese Menschen mit Stress und Belastung umgehen.

Autorin des eigenen Lebens

Eine andere Strategie von Berger lautet: «Werden Sie zur Autorin, zum Autor des eigenen Lebens.» Klingt das nicht etwas gar nach «Jeder ist seines Glücks Schmid»? Selber schuld, wer nicht glücklich ist?

Wo finden wir Ruhe und Erholung?
Wo finden wir Ruhe und Erholung?

Tatsächlich sei das in der Psychotherapie ein sensibler Punkt, sagt Berger. «Oft sind wir uns der Dinge, die uns beeinflussen, nicht bewusst. Doch sobald wir wissen, warum wir uns so oder so verhalten und welche Automatismen uns prägen, können wir die Weichen anders stellen.» Da liege eine grosse Ressource drin, auch wenn wir natürlich nicht alles in der Hand haben.

Selbstfürsorge ist die Grundlage

Konkretes Beispiel aus Bergers Psychotherapie: Ein Mädchen wächst in einem christlichen Elternhaus auf, verinnerlicht früh das Gebot der Fürsorge und wird als erwachsene Frau mit der Erwartung der betagten Eltern konfrontiert, dass diese zu Hause gepflegt werden wollen. 

Jörg Berger: «Selbstfürsorge ist nicht egoistisch.»
Jörg Berger: «Selbstfürsorge ist nicht egoistisch.»

Das funktioniert eine Weile, doch dann wird klar, dass die Belastung für die Tochter zu gross ist. Sie sucht Hilfe, wird sich ihrer Verhaltensmuster bewusst und sucht schliesslich das Gespräch mit den Eltern. Die reagieren zuerst pikiert, zeigen dann aber Verständnis für die Situation der Tochter.

«Selbstfürsorge ist nicht egoistisch», sagt Jörg Berger. «Sie ist die Grundlage unserer Beziehungs- und Leistungsfähigkeit.»

Das Buch:
Jörg Berger: «Die Anti-Erschöpfungsstrategie. 7 Wege zu innerer Kraft», Herder-Verlag 2023, 205 Seiten.

Dieser Artikel ist erstmals am 19. Januar 2024 erschienen.


Jörg Berger, Psychotherapeut | © Sandra Leis
27. Dezember 2024 | 09:00
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