Bischof Charles Morerod
Schweiz

Bischof Charles Morerod: «Die Kirche ist anders als die Gesellschaft, und viele verlassen sie deswegen»

Er wurde zum zweiten Mal zum Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz gewählt: Bischof Charles Morerod vom Bistum Lausanne-Genf-Freiburg. Im Interview versichert der 63-Jährige, dass sich die Kultur in der katholischen Kirche ändern müsse.

Wolfgang Holz

Herzlichen Glückwunsch, Herr Bischof, zu Ihrer Wahl zum Präsidenten der SBK. Wie fühlen Sie sich mit Ihrer neuen Aufgabe? Freuen Sie sich darauf?

Bischof Charles Morerod*: Es ist eine zusätzliche Arbeit. Aber da ich schon jetzt nicht mehr mithalten kann, wird sich das nicht allzu sehr ändern. Und es ist eine Dienstleistung.

«Die allgemeine Situation der Kirche war etwas weniger turbulent.»

Sie waren ja schon einmal, von 2016 bis 2018, SBK-Präsident. Wie hat sich die Ausgangssituation für Ihre Tätigkeit im Vergleich zu damals für Sie heute geändert?

Morerod: Als ich Präsident war, bestand die grösste Aufgabe darin, den Besuch des Papstes in Genf zu stemmen. Das ging mich als Präsident nichts an, sondern als Bischof der Diözese, aber es war trotzdem ein sehr grosses Ereignis. Die allgemeine Situation der Kirche war etwas weniger turbulent.

Bischof Charles Morerod
Bischof Charles Morerod

Die Aufarbeitung und Prävention der kirchlichen Missbrauchsfälle ist nach wie vor eines der Hauptprobleme der katholischen Kirche. Was konnte seit der Präsentation der Studie 2023 bisher an Positivem erreicht werden?

Morerod: Der Forschungsprozess hat nach der Vorstudie erst richtig begonnen. Es ist klar, dass wir unsere Kultur ändern müssen.

«Wir brauchen Transparenz, nach Jahrhunderten der Vertuschung.»

Es ist auch zu massiven Kirchenaustritten in der katholischen Kirche gekommen – insbesondere wegen des Missbrauchsskandals. Wie wollen Sie das Vertrauen der Gläubigen zurückgewinnen?

Morerod: Was mich betrifft, so ist es mir seit langem ein Anliegen, unabhängige Instanzen wie die CECAR, die in der Westschweiz auf Wunsch von Opfern gegründet wurde, und die Zusammenarbeit mit der Polizei sowie die Ausbildung zur Prävention zu fördern. Wir brauchen Transparenz, nach Jahrhunderten der Vertuschung. Auch muss sich das Bild des Priesters, der manchmal als übergeordneter Mensch angesehen wird, ändern – was Missbrauch begünstigt.

Immer mehr Menschen in der Schweiz sind konfessionslos. Ist der Glauben an Gott auf dem Rückmarsch?

Morerod: Es gibt paradoxe Phänomene: Viele Menschen treten aus der Kirche aus, und gleichzeitig steigt in meiner Diözese die Zahl der Erwachsenen, die die Kirche mit Freude entdecken, sehr stark an. Das Paradoxon ist nur teilweise: Die Kirche ist anders als die Gesellschaft, und viele verlassen sie deswegen. Aber auch aus diesem Grund kommen Menschen, die in unserer Gesellschaft keine Hoffnung finden, zur Kirche. Das Risiko für die Kirche wäre, sich als alternative Gesellschaft zu isolieren.

Kathedrale von Freiburg.
Kathedrale von Freiburg.

«Der Mensch gewordene Gott sagt uns, dass wir unsere Feinde lieben und für sie beten sollen: Das ist auch heute eine grundlegende Botschaft…»

Was haben Sie sich als Ziele für Ihre Präsidentschaft vorgenommen?

Morerod: Ich muss kein Programm haben, die Aufgabe ist vor allem eine Frage der internen Organisation. Und unsere gegenseitigen Beziehungen sind offen und herzlich.

Wie geht es Ihnen persönlich? Haben Sie sich nach Ihrem Unfall wieder komplett erholt?

Morerod: Ich glaube, es geht mir gut, danke.

Noch ein Wort zu Weihnachten: Was ist Ihre Botschaft an die Menschen?

Morerod: Gott wird Mensch: Wir sehen darin oft ein Zeichen des Friedens, wissen aber nicht unbedingt, warum. Der Mensch gewordene Gott sagt uns, dass wir unsere Feinde lieben und für sie beten sollen: Das ist auch heute eine grundlegende Botschaft…

*Das Interview wurde schriftlich geführt.


Bischof Charles Morerod | © Wolfgang Holz
8. Dezember 2024 | 17:00
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