Philippa Rath, Benediktinerin
International

Philippa Rath: «Hoffnung ist für mich die stärkste Kraft überhaupt»

Die prominente Benediktinerin setzt sich unermüdlich ein für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. In einem neuen Buch und im Podcast «Laut + Leis» spricht Schwester Philippa Rath über ihr Leben und ihren Glauben.

Sandra Leis

Als Erstklässlerin wurde Philippa Rath gefragt, welchen Berufswunsch sie habe. Sie antwortete «Bundeskanzlerin» und bekam dafür von der Lehrerin eine schallende Ohrfeige verpasst. «Es war Anfang der Sechzigerjahre in Deutschland undenkbar, dass eine Frau das Amt des Bundeskanzlers ausüben könnte», erinnert sich Schwester Philippa an ihre Kindheit.

Sie sei eben die Jüngste von sechs Kindern gewesen, daheim sei bei Tisch immer politisiert worden und so sei sie wohl auf die Idee gekommen, Bundeskanzlerin zu werden. «Ich war immer eine, die gerne Grenzen überschritten hat – Grenzen des Denkens und Grenzen des Handelns.»

Hundertprozentige Frauenquote im Kloster

Ihr halbes Leben hat die bald 70-Jährige in der Abtei St. Hildegard verbracht. 1990 ist sie ins Benediktinerinnen-Kloster eingetreten. Gut möglich, dass sie deshalb eine, wie sie selber sagt, «spätberufene Frauenaktivistin» ist. «Wir sind ein unabhängiges Kloster. Wir haben eine hundertprozentige Frauenquote bis auf das Amt des Priesters, das wir natürlich für die Heilige Messe, das Buss-Sakrament und die Krankensalbung brauchen.» 

Abtei St. Hildegard in Rüdesheim: Hier lebt Philippa Rath seit bald 35 Jahren.
Abtei St. Hildegard in Rüdesheim: Hier lebt Philippa Rath seit bald 35 Jahren.

Der Priester habe sie nie gestört, müsse sie gestehen. «Ich bin nie auf die Idee gekommen, selbst am Altar stehen zu wollen. Alles andere, was im Kloster passiert, entscheiden wir selbst.» Auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit sei sie vor rund zehn Jahren durch ihr seelsorgerliches Engagement gekommen. «Frauen, die ehrenamtlich in Pfarreien arbeiten, haben mir immer wieder berichtet, wie oft sie an gläserne Decken stossen und vieles tun dürfen und tun müssen, und am Ende entscheidet immer der Pfarrer.» 

Des weiteren hat sie regelmässig Kontakt mit hauptamtlichen Theologinnen, die dasselbe Problem haben: «Sie sind voll ausgebildete Theologinnen mit Charismen und Talenten und dürfen vieles von dem, was sie gelernt haben, nicht entsprechend einbringen – je nachdem, welchen Pfarrer sie gerade als Vorgesetzten haben.» 

Das erste Interview nach der Herz-Operation

Die Spätberufene steckte weder den Kopf in den Sand, noch kehrte sie der römisch-katholischen Kirche den Rücken: Sie will die Kirche von innen heraus verändern und hat zwei Bücher herausgeben, von denen das erste zu einem «Spiegel»-Bestseller wurde. 2021 veröffentlichte sie das Buch «Weil Gott es so will». Darin berichten 150 Frauen von ihrer Berufung zur Priesterin und Diakonin. Ein Jahr später folgte «Frauen ins Amt! Männer der Kirche solidarisieren sich». Und nun ist im vergangenen Sommer das Buch «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen» erschienen.

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Kaum war das Buch da, erkrankte Philippa Rath ernsthaft und musste alle Termine absagen. Das erste Interview, das sie nach ihrer Herz-Operation gegeben hat, ist dasjenige für den Podcast «Laut + Leis».

Das Vaterunser und Solidarität

Auf die Frage, was ihr in den Monaten der Krankheit am meisten Hoffnung gegeben hat, sagt sie: «Meine Liebe zum Vaterunser und darin die Bitte, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Ich habe mir gesagt: Wenn es dein Wille ist, dann hat alles einen Sinn und dann gibst du mir auch die Kraft, das durchzustehen.» 

Philippa Rath: «Hoffnung gibt mir die Bitte im Vaterunser, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.»
Philippa Rath: «Hoffnung gibt mir die Bitte im Vaterunser, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.»

So sei es dann geschehen, sagt sie und streicht auch die Solidarität unzähliger Frauen hervor, die sie durch die Bücher kennengelernt hat. «Ich habe soviel Post bekommen und soviel Stärkendes erfahren, dass ich mir sagte: Eigentlich kannst du dich auch verabschieden, du hast einen Stein ins Wasser geworfen, der so viele Kreise zieht – das läuft auch ohne dich weiter.»

Hoffnung weitergeben

Soweit ist es zum Glück nicht gekommen: Philippa Rath ist wieder da, wenn auch noch reduziert, und sagt: «Wenn ich nicht mehr weiter weiss, dann ist die Hoffnung die stärkste Kraft.» Das sei viel mehr als ein blosser Zweckoptimismus nach dem Motto «Es wird schon alles irgendwie wieder gut». «Die Hoffnung ist eine ganz tiefe Kraft und Sehnsucht, die mich trägt.»

Philippa Rath: «Die Menschen suchen nach Hoffnungszeichen.»
Philippa Rath: «Die Menschen suchen nach Hoffnungszeichen.»

Es sei ihr ein grosses Anliegen gewesen, diese Hoffnung im neuen Buch weiterzugeben. «Denn ich merke bei so vielen Begegnungen und Veranstaltungen, wie sehr die Menschen nach Hoffnungszeichen suchen.» Dieses Anliegen teilt auch Burkhard Hose. Er ist Hochschulpfarrer in Würzburg und erzählt im Wechsel mit Philippa Rath von seinem Leben und Glauben. Mit ihrem Engagement in Kirche und Gesellschaft zeigen die beiden glaubhaft, wie man mit der Kraft der Hoffnung Widerstände überwinden und Grenzen verschieben kann.

Demenzkranke Schwester gepflegt

Philippa Rath erzählt, wie sie ihre leibliche Schwester, die ebenfalls als Benediktinerin in der Abtei St. Hildegard lebte, 15 Jahre lang betreute und am Ende pflegte. Die Schwester war noch keine fünfzig, als sie an Demenz erkrankte.

«Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen» von Sr. Philippa und Burkhard Hose.
«Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen» von Sr. Philippa und Burkhard Hose.

«Ich war oft am Ende und habe mit dem Herrgott gehadert», erinnert sich Philippa Rath. Doch er habe ihr immer wieder Hoffnungszeichen gegeben. «Das hat mir wieder neue Kraft gegeben, und auf einmal waren 15 Jahre rum. Ohne diese Hoffnungskraft hätte ich diese schwierigen Jahre nicht durchgestanden. Ganz sicher nicht.» 

Frauenweihen in 15 bis 20 Jahren

Sie ist eine Kämpferin vor dem Herrn und auch nach der Weltsynode überzeugt, dass in 15 bis 20 Jahren die ersten Frauen geweiht werden. «Ich bin positiv überrascht, dass die Frage im Abschlussdokument wieder als offen bezeichnet wird, nachdem Papst Johannes Paul II. sie ja bereits vor dreissig Jahren als abgeschlossen bezeichnet hatte.» 

Wie weiter nach der Weltsynode?
Wie weiter nach der Weltsynode?

Das Entscheidende werde jetzt sein, «dass sich die nationalen Bischofskonferenzen auf die Hinterbeine stellen, dieses Thema proaktiv angehen und in Rom Vorstösse machen, damit die Weihe von Frauen endlich Wirklichkeit wird».

Das Buch: Philippa Rath und Burkhard Hose: «Meine Hoffnung übersteigt alle Grenzen. Ein Gespräch über Leben und Glauben», Herder-Verlag, 205 Seiten.


Philippa Rath, Benediktinerin | © Sandra Leis
29. November 2024 | 09:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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