Erster vietnamesischer Missionar: «Junge von Homosexuellenbewegung verführt»
Joseph Pham Minh Van (74) war der erste katholische Missionar für die vietnamesischen Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz. Er baute Gemeinschaften auf und war Seelsorger. «Ich wollte den Vietnamesen helfen, sich in das gesellschaftliche und religiöse Leben zu integrieren», sagt der frisch pensionierte Priester.
Regula Pfeifer
Wie waren Ihre mehr als 40 Jahre als Missionar in der Schweiz für Sie?
Joseph Pham Minh Van: Ich bin sehr glücklich und stolz, denn es ist meine Aufgabe, der Kirche und anderen Mitmenschen dienen zu dürfen. Ich bin der Schweizer Kirche dankbar für die Gunst, die sie kleinen ethnischen Gruppen und einer Minoritäten-Mission wie der vietnamesischen entgegenbringt. Das bietet ihnen die Möglichkeit, kleine Gemeinschaften zu bilden, in denen sie in ihrer eigenen Sprache leben und beten können.
«In jeder Mission feiern die Menschen ein- bis zweimal im Monat die heilige Messe.»
Wo waren Sie als Priester tätig?
Minh Van: Ich war in der katholischen Gemeinschaft Vietnams anwesend. In jeder örtlichen Mission gibt es etwa 60 bis 250 Menschen, die ein- bis zweimal im Monat die heilige Messe feiern. Und ich besuchte Orte, an denen sich Vietnamesen versammelten, wie St. Gallen, Fällanden ZH, Winterthur, Olten, Obergösgen SO, Egerkingen SO, Emmenbrücke LU, Kriens LU, Wikon LU, Bern, Bümpliz BE, Basel, Pfäffikon SZ und Lugano-Pregassona TI und Schaan LI.
Was konnten Sie bewirken?
Minh Van: Als Priester besteht die erste Aufgabe darin, die heiligen Sakramente und das Wort Gottes zu verteilen, um den Mitchristen zu helfen, das religiöse Leben zu verstehen. Zudem wollte ich ihnen Hoffnung geben und helfen, Schwierigkeiten im Leben zu bewältigen.
«Die jungen Menschen brauchen jemanden, der sie vertrauensvoll anleiten kann.»
Was für Schwierigkeiten meinen Sie?
Minh Van: Das heutige Leben ist zu herausfordernd und teilweise erdrückend, insbesondere für junge Menschen, was sie deprimiert. Sie werden über ihre Freunde stark vom Säkularismus oder von der Homosexuellenbewegung verführt. Sie brauchen jemanden, der sie vertrauensvoll anleiten und begleiten kann.
Wie kamen Sie in die Schweiz?
Minh Van: Ich wurde in die Schweiz geschickt, um Theologie und Philosophie zu studieren. Damals studierten hier etwa 800 bis 1000 vietnamesische Studenten. Sie wollten nach Studienabschluss nach Vietnam zurückkehren, um dort zu arbeiten und zu leben. Kaum jemand wollte hierbleiben.
Wie kam es zur breiteren Einwanderung?
Minh Van: Im Jahr 1975 eroberte der Kommunismus den Süden Vietnams. Die Menschen flüchteten über das südostasiatische Meer, auf der Suche nach einem Leben in Freiheit. Viele kamen dabei ums Leben, getötet durch Piraten, verhungert oder vergiftet. Viele Menschen sind seither auch vermisst.
«Für die vietnamesischen ‹Boat People› war alles neu.»
Von jenen vietnamesischen «Boat People», denen die Flucht gelang, wurden in der Schweiz bis 1978 nur wenige aufgenommen, später viel mehr. Sie lebten hier verstreut in verschiedenen Kantonen, kannten die Sprache nicht, alles war ihnen neu. Sie brauchten dringend Hilfe.
Wurden Sie da aktiv?
Minh Van: Als die vietnamesischen Flüchtlinge in die Schweiz strömten, wurde ich von der Caritas eingeladen, in der Sozialarbeit mitzuarbeiten oder als Dolmetscher zu helfen. Ich sah, dass die Vietnamesen zu kämpfen hatten, weil sie die Sprache nicht konnten. Sie hatten Schwierigkeiten bei der Integration in die Gesellschaft.
Wie kamen Sie zu Ihrem Einsatz in der Kirche?
Minh Van: Am 28. April 1979 wurde ich von Bischof Pierre Mamie von Lausanne, Genf und Freiburg zum Priester geweiht. Unmittelbar danach ernannte mich die Schweizerische Bischofskonferenz zum Seelsorger für die in der Schweiz lebenden vietnamesischen Flüchtlinge. Nach einem Jahr Praktikum bei der Caritas sagte ich zu, als Missionar für meine Landsleute hier zu arbeiten.
Was machten Sie konkret?
Minh Van: Ich wollte den Vietnamesen helfen, einander kennenzulernen und sich in das gesellschaftliche und religiöse Leben zu integrieren. Deshalb habe ich überall in der Schweiz grosse und kleine Gemeinschaften gegründet. So entstand eine Brücke der Verständigung – auch zwischen Katholiken und anderen Religionen. Andererseits habe ich einen monatlichen Newsletter eingerichtet, damit jeder alle Neuigkeiten erfahren kann, die in der Gesellschaft und der Kirche der Schweiz und international passieren.
In den grossen Missionsgemeinden organisieren wir an fünf katholischen Feiertagen grosse Versammlungen: an Weihnachten, Ostern, Pfingsten, zu den 117 vietnamesischen Märtyrern am 24. November oder zum Mondneujahr (etwa zur Fastnachtszeit). Bei jedem Fest kommen rund 500 bis1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen.
Wie hat sich die vietnamesische Mission entwickelt?
Minh Van: Vor 1975 gab es noch keine vietnamesische Gemeinschaft. Doch seit 1979 gibt es in allen Regionen der Schweiz Religionsgemeinschaften vietnamesischer Katholiken. Sie wachsen immer mehr. Je nach Ort nehmen 30 bis 300 Menschen an den Gottesdiensten teil.
«In vielen Pfarreien sind vietnamesische Kinder als Ministrantinnen und Ministranten aktiv.»
Wie aktiv ist die vietnamesische Mission heute?
Minh Van: Heute haben sich Vietnamesinnen und Vietnamesen in der Schweizer Kirche und den Pfarreien recht gut integriert. Sie dienen beispielsweise als Mesmer oder Mesmerin, singen im Kirchenchor mit oder engagieren sich im Pfarreirat. In vielen Pfarreien sind vietnamesische Kinder als Ministrantinnen und Ministranten aktiv.
Das ist auch der Grund, warum die katholisch-vietnamesische Mission die Sakramente der Erstkommunion und Firmung nicht feiert. So können Missionsmitglieder diese beiden Sakramente in der Pfarrei empfangen, in der sie leben.
Sind die Secondos noch in der Kirche aktiv?
Minh Van: Die zweite Generation ist sehr aktiv. Sie wollen weiterhin an den Treffen in ihrer vietnamesischen Sprache teilnehmen. Sie begleiten ihre Eltern zu den Treffen, die auch für sie selbst wichtig sind.
Sie sind pensioniert worden – was machen Sie nun?
Minh Van: Nach als 45 Berufsjahren möchte ich mich ausruhen, lesen, beten oder meinen Landsleuten helfen, wenn sie es brauchen. Oder Freunde besuchen, wozu ich früher aufgrund der Arbeit selten Gelegenheit hatte.
«Ich konnte nie zurückkehren. Denn ich schrieb darüber, wie die kommunistische Regierung das Volk unterdrückt.»
Kehren Sie nach Vietnam zurück oder bleiben Sie in der Schweiz?
Minh Van: Ich konnte in den letzten 52 Jahren nie zurückkehren. Denn ich schrieb viele Artikel, in denen ich aufzeigte, wie die kommunistische Regierung das Volk unterdrückt, betrügt und Leid zufügt. Das geht bis hin zur Einschränkung und Verfolgung von Religionen, nicht nur des Christentums. Deshalb werde ich nie ein Visum für eine Reise nach Vietnam bekommen. Ausserdem sind auch meine Eltern verstorben. Deshalb ist mein Rückkehrwunsch nicht mehr gross.
Was erhoffen Sie sich für die vietnamesischen Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz?
Minh Van: Ich hoffe und bete dafür, dass das vietnamesische Volk hier weiterhin religiös lebt. Von den rund 7000 Katholikinnen und Katholiken leben nämlich rund 5500 ihren Glauben sehr aktiv. Ich hoffe, auch dass sich die Vietnamesinnen und Vietnamesen gut in die Schweizer Gesellschaft integrieren und dennoch ihre Kultur bewahren. Dass sie ihre Talente für das Land und die Schweizer Kirche aufbauen und einbringen.
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