Nikodemus Schnabel: «Wenn ich diese Leute entlasse, mache ich sie zu Bettlern»
Der Benediktiner Nikodemus Schnabel (45) leitet die Dormitio-Abtei in Jerusalem. Ein Jahr nach dem Hamas-Angriff auf Israel erzählt er, wie er und seine Mitbrüder mit den Raketenangriffen umgehen, was ihm Angst macht und was ihn besonders beschäftigt.
Barbara Ludwig
Mussten Sie auch in den Bunker, als letzte Woche Iran Israel mit Raketen angriff?
Abt Nikodemus Schnabel*: Ich war selbst nicht vor Ort. Aber ich weiss von meinen Mitbrüdern, dass sie während des Angriffs in unseren beiden Klöstern – in Tabgha und auf dem Zion – in die Schutzräume gegangen sind, auch unsere Studierenden. Das ist für uns nichts Ungewöhnliches. Wir machen auch entsprechende Übungen, um hier routiniert zu handeln. In Jerusalem seltener, aber gerade in Tabgha, unserem Kloster am Nordwestufer des Sees Gennesaret, mussten wir in den letzten Wochen immer wieder in die Schutzräume.
«Das war eine Feuerwalze, die sich unserem Kloster genähert hat.»
Dann war das letzte Woche für Sie und Ihre Mitbrüder nicht viel anders als sonst.
Schnabel: Wir sind darauf vorbereitet, frei von jeglicher Panik. Wir haben die entsprechende Warn-App. Wenn sie angeht, gehen wir in aller Ruhe in unsere Schutzräume in Jerusalem oder in Tabgha, warten die berühmten zehn Minuten ab. Ist es vorbei, geht man wieder an sein Tagewerk. Möglich wäre, dass einmal Trümmerteile abgeschossener Raketenteile herunterfallen oder eine Rakete fehlgeleitet wird. Aber dies ist äusserst unwahrscheinlich. Auch hat Israel eine sehr gute Luftabwehr. Ausserdem gilt: Wir als Klöster sind nicht das Ziel. Weder für die Hamas noch für die Hizbullah noch für den Iran gehören die Zerstörung unserer beiden Klöster zu ihren Vernichtungsfantasien.
Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass eines Ihrer Klöster von Raketen getroffen wird?
Schnabel: Absolut. In Jerusalem befindet sich unsere Abtei unmittelbar vor den Toren der Altstadt. Einige hundert Meter entfernt vom Felsendom und der Al-Aksa-Moschee, zwei der wichtigsten Heiligtümer des Islam. Selbst der radikalste Islamist möchte diese Heiligtümer nicht beschädigen. Und in Tabgha sind wir direkt am Seeufer. Es gibt keine israelischen Militärbasen in unserer Nähe, die ja die Hauptziele der Raketenangriffe sind. Es ist auch nicht die Angst vor Raketen, die uns beschäftigt. Wir haben ganz andere Ängste, wenn es um Bedrohungsszenarien geht. Die sind aber in den Medien kein grosses Thema.
Zum Beispiel?
Schnabel: In Tabgha haben uns die Brände, die diesen Sommer ausgebrochen sind, viel mehr beschäftigt. Das war eine Feuerwalze, die sich unserem Kloster genähert hat. Sie hat es bis zur Wiese vor unserem Parkplatz geschafft und sie in Brand gesetzt. Hätte der Wind nicht in letzter Minute gedreht, ich weiss nicht, was von unserem Kloster noch übrig geblieben wäre.
Was war die Ursache der Feuer?
Schnabel: Das ist ungeklärt. 2015 haben jüdische Extremisten gezielt einen Brandanschlag auf unser Kloster verübt. Dieses Jahr haben aber die Felder rundherum gebrannt. Ich unterstelle niemandem kriminelle Energie. Vielleicht hat ein Autofahrer eine Kippe aus dem Fenster geworfen. Wenn es wie diesen Sommer mehrere Monate lang nicht regnet, ist die Gefahr gross, dass durch Unachtsamkeit ein ganzes Feld in Feuer aufgeht. Das ist für unsere Gemeinschaft eine sehr reale Bedrohung.
Vor der Sie mehr Angst haben als vor den Raketen?
Schnabel: Genau. Die grösste Angst in Bezug auf die Raketen ist, dass eine auf ein Feld in unserer Nachbarschaft einschlägt und dieses in Brand setzt. Diese Bedrohung ist sehr real, das gebe ich zu. Darum bin ich froh, dass es wieder anfängt, ein bisschen zu regnen. Dann gibt es noch eine weitere Bedrohung – und zwar in Jerusalem, die uns viel stärker beschäftigt als die Raketenangriffe.
«In Jerusalem gibt es Menschen, die uns hassen.»
Nämlich?
Schnabel: In Jerusalem gibt es Menschen, die uns hassen. Und zwar, weil wir Christen sind, weil wir Mönche sind. Es ist in diesem Fall eine kleine Gruppe jüdischer Extremisten. Wir erleben Spuckattacken, wenn wir vor die Tür gehen, verbale Attacken, aber auch bewusste Anrempeleien. Wir erleben immer wieder unschöne Dinge – und dies fast jeden Tag. Es gibt Videos von Leuten, die in unserer Kirche sind, und sagen, dass sie das alles zerstören wollen. Das ist viel bedrohlicher für uns als die Raketen. Denn es gibt Menschen, die uns gezielt hassen und die diesen Hass konkret formulieren.
Die Spuckattacken sind nichts Neues.
Schnabel: Das stimmt, aber sie haben massiv zugenommen. In den letzten Wochen, als ich nicht da war, musste einer unserer Wächter zwei Personen rausschmeissen, die in der Kirche gespuckt haben. Wir können unsere Kirche nur noch öffnen, wenn ein Wächter da ist und alles im Blick hat.
Seit wann hat dieses Phänomen zugenommen?
Schnabel: Seit dem Amtsantritt der derzeitigen israelischen Regierung und seit Itamar Ben-Gvir auch Minister für nationale Sicherheit ist, also seit Dezember 2022. Zum Glück gibt es aber auch sehr viele wunderbare einheimische Jüdinnen und Juden, die freundschaftlich an unserer Seite stehen. Das gibt Hoffnung und macht Lust auf Zukunft.
«Heute Morgen ist unser Theologisches Studienjahr nach Rom evakuiert worden.»
Wie geht es Ihnen persönlich – ein Jahr nach dem Hamas-Angriff?
Schnabel: Sehr vieles wird da wieder wach. Heute Morgen (7. Oktober 2024, d.Red.) ist unser Theologisches Studienjahr nach Rom evakuiert worden und wird dort bis auf Weiteres im Exil bleiben. Die Bundesrepublik Deutschland hat das entschieden, weil es hier nicht mehr sicher sei, und die meisten unserer Studierenden sind Deutsche.
Nach dem 7. Oktober letzten Jahres, also nach dem Hamas-Angriff auf Israel, hatten wir ja auch ein Studienjahr und mussten uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Einige wenige haben uns verlassen, aber der Grossteil der Studierenden ist geblieben. Gerade heute ist mir das sehr präsent. Wir haben ein grosses Kreuz aus Olivenholz, das über unserem Altar hängt: Dort haben wir zehn Tage später 24 Stunden im Gebet verbracht. Dieser 17. Oktober hat sich fest in mein Herz eingeschrieben.
Warum?
Schnabel: Ich bin seit einem Jahr von einem Leidensozean umgeben. Täglich werde ich mit neuem Leid konfrontiert. Das Ausharren in der Kirche unter dem Kreuz von Mitternacht bis Mitternacht und alle 150 Psalmen zu beten – und eben keine Statements abzugeben, kein Hashtags #FreePalestine oder #IStandWithIsrael und dazu reichlich Flaggen – ich ertrage das nicht mehr. Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen. Wir wollen Hoffnungsinseln in einem Ozean von Leid sein; die Menschen auf allen Seiten leiden. Wichtig ist nun, diese Menschen im Gebet vor Gott hinzuhalten. Die Evakuierung trifft mich deshalb so hart, weil die Teilnehmenden des jetzigen Studienjahres genau in dieser Haltung sind und uns nun schweren Herzens verlassen haben.
«Wir haben keinen unserer Angestellten entlassen.»
Wie geht es für Sie und Ihre Mitbrüder nun weiter?
Schnabel: Wir sind Mönche und werden weiter treu unsere Gebetszeiten halten. Wir werden unsere beiden Kirchen offenhalten und weiter für die Pilger, für die Gäste, für unsere Gemeinde und vor allem für die Einheimischen da sein, gerade auch als Seelsorger, auch wenn nur wenige kommen. Ganz wichtig auch: Wir haben keinen unserer Angestellten entlassen, die die Infrastruktur für die Pilger am Laufen halten. Wir werden weiter jeden Tag unsere Cafeteria und unsere Läden öffnen. Wir sind ein Ort, an dem jeder herzlich willkommen ist, sei er Jude, Christ, Muslim oder Atheist.
Sie sagen, es kämen nur noch wenige Pilger.
Schnabel: Verglichen mit Friedenszeiten: An guten Tagen kamen täglich bis zu 5000 Pilgerinnen und Pilger nach Tabgha und 3000 nach Jerusalem – an normalen Tagen vielleicht 5000 insgesamt. Seit einem Jahr besuchen uns dann und wann einzelne Pilgergruppen. Es gibt aber ganz viele Tage, wo einfach niemand kommt.
Und trotzdem behalten Sie die 24 Angestellten?
Schnabel: Die behalten wir ganz tapfer, was uns als Kloster finanziell gerade vor riesige Herausforderungen stellt. Das ist auch der Grund, warum ich immer wieder nach Europa reise. Ich bin hauptberuflich gerade Fundraiser. Mein Hauptfokus liegt im Moment auf meinen Angestellten. Wenn ich diese Leute entlasse, mache ich sie zu Bettlern. Sie und ihre Familien mit ihren insgesamt 29 Kindern in schulpflichtigem Alter. Dann gäbe es noch mehr Kinder, die kein Schulgeld mehr bezahlen könnten.
«Wir bleiben.»
Wie bereiten Sie sich auf die nächsten kriegerischen Aktivitäten vor?
Schnabel: Wir bleiben. Jeder einzelne meiner Mitbrüder hat für sich entschieden, dass er bleiben will – obschon uns Deutschland immer wieder zur Ausreise auffordert. Ich finde es unfassbar stark, dass jeder einzelne meiner Mitbrüder in voller Freiheit für sich entschieden hat: Ich bleibe hier. Das ist auch der Kern unserer Berufung. Jeder von uns hat vor Gott bei seiner Ordensprofess Stabilität gelobt, er hat Ja zum Mönchsein im Heiligen Land gesagt.
Glauben Sie noch an einen Frieden im Nahen Osten?
Schnabel: Ja, das tue ich. Wir sind hier in dem Land, in dem die drei abrahamitischen Religionen ein gemeinsames, ganz starkes Glaubensbekenntnis ablegen. Juden und Christen glauben, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist, und Muslime glauben, dass jeder Mensch Stellvertreter Gottes ist. Ich kenne genug jüdische, muslimische und christliche Theologen, die sagen: Das ist der Kern, den wir ganz stark machen müssen in all dieser Kriegspropaganda, die wir derzeit erleben. Die unverfügbare kostbare Würde eines jeden einzelnen Menschen – und die ist ja auch im säkularen Gewand in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert.
Nikodemus Schnabel* ist deutscher Benediktiner und seit 2023 Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem.
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