Vom Schuss aufs Marienbild: aktueller Streit um ein religiöses Symbol
Die Politikerin Sanija Ameti hat mit ihren auf Instagram geposteten Schüssen auf ein Marienbild einen modernen Bilderstreit hervorgerufen. Darin geht es, wie früher, um religiöse Symbolik oder eben nicht. Eine Einordnung und ein Aufruf zur Toleranz.
Christian Cebulj*
Früher war es so, dass kleinere Abweichungen von gesellschaftlichen Konventionen ausreichten, um einen handfesten Skandal zu provozieren. Heute ist das nur noch für wenige Themen der Fall.
Bis in das 20. Jahrhundert hinein waren religionskritische Bilder der Kunst, wie etwa die Skulptur eines gekreuzigten Froschs des Südtiroler Künstlers Martin Kippenberger (1990) ein Garant für eine aufgebrachte Öffentlichkeit. Inzwischen sind religiös beziehungsweise christlich motivierte Streitigkeiten deutlich seltener geworden, obwohl es immer wieder religionskritische oder blasphemische Abbildungen und Aktionen gibt.
Welle der Empörung
Offenbar zählt dazu jetzt wieder die Causa Sanija Ameti, über die in den letzten Tagen viel geschrieben und debattiert wurde. Die grünliberale Zürcher Politikerin löste mit ihren Schüssen auf eine Abbildung der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind in einem Auktionskatalog eine Welle der Empörung aus. Inzwischen hat sie politische Konsequenzen daraus gezogen und trat von ihren Ämtern zurück. Als persönliche Konsequenz hat sie sich beim Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain entschuldigt, der ihr inzwischen öffentlich vergeben hat.
So befremdlich und skurril ihre medienwirksam auf Instagram gepostete Provokation auch daherkommt, die Causa Ameti hat nebenbei auch für eine Debatte gesorgt, die nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa immer wieder aufkommt und die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutsam ist: Es geht um den Umgang mit religiösen Symbolen im öffentlichen Raum.
Mit Symbolik aufgeladen oder nicht?
Ein Kerngedanke aller Symboltheorien ist, dass das Abwesende im Symbol anwesend gemacht wird, dass es also eine Präsenz des Symbolisierten im Symbol gibt. Ob ein materialer Gegenstand jedoch mit Symbolik aufgeladen wird oder nicht, liegt in der subjektiven Interpretationsfreiheit des oder der Einzelnen.
Gemälde galten in der mittelalterlichen Tradition des Christentums, in welche der Maler des 1375 geschaffenen Bilds, Tomaso del Mazza aus Florenz, zu Beginn der Renaissance noch gehörte, als göttlich inspirierte Werke, die etwas von der nicht in Bildern beschreibbaren Transzendenz Gottes aussagen wollten. Über diese theologische beziehungsweise religionswissenschaftliche Frage wurde in den vergangenen Tagen kaum gestritten.
Für Ameti wohl kein religiöses Symbol
Vielmehr hatte die Diskussion von vorneherein eine religionspolitische Dimension: Für die (inzwischen ehemalige) Politikerin, die sich als agnostisch bezeichnet, war die Katalogseite mit der mittelalterlichen Abbildung von Maria mit dem Jesuskind offenbar kein religiöses Symbol, sonst hätte sie nicht mit ihrer Waffe darauf gezielt.
Dadurch, dass sie den Schuss aber medienwirksam veröffentlichte, hat sie die Gefühle derer verletzt, die in einem Gemälde mit einem zentralen Motiv der christlichen Kunstgeschichte nicht einfach nur eine Katalogseite, sondern sehr wohl einen Verweis auf die religiöse Bedeutsamkeit der Gottesmutter Maria sehen.
Angriff auf die christliche Gemeinschaft als Ganzes?
Damit kommt ein Aspekt der Symboltheorie ins Spiel, auf den der Berner Religionswissenschaftler Jens Schlieter verwiesen hat: Es gibt nämlich einen engen Zusammenhang zwischen einem religiösen Symbol und der Intentionalität seiner Deutungsgemeinschaft.
Demnach können die Schüsse auf die Abbildung eines Gemäldes mit einem Motiv aus der christlichen Tradition als Angriff auf die christliche Glaubensgemeinschaft im Ganzen verstanden werden. Dass diese Interpretation zutrifft, erklärt sowohl die empörten Reaktionen, die Ametis Aktion als blasphemisch zurückweisen, wie auch die Entschuldigungen und Vergebungsgesten, die zu einer Art spätmodernem Bilderstreit des 21. Jahrhunderts gehören.
Kompetenz des Perspektivenwechsels
Als Religionspädagoge kommen mir die Kinder und Jugendlichen in den Sinn, die sicher in den vergangenen Tagen im konfessionellen Religionsunterricht in der Verantwortung der Kirchen oder im kantonal verantworteten Fach Ethik-Religionen-Gemeinschaft (ERG) über dieses besonders drastische Fallbeispiel diskutiert haben. Dabei konnten sie zum einen die für unsere religionsplurale Gegenwart sehr wichtige Kompetenz des Perspektivenwechsels zwischen einer religiös begründeten und einer nicht-religiösen Deutung der Wirklichkeit einüben.
Eine Politikerin, die in ihrer Freizeit Schiess-Sport betreibt und, weil sie gerade keine andere Zielscheibe hatte, eine Katalogseite mit einem christlichen Gemälde ins Visier ihrer Waffe nimmt, legt offen, dass ihr die religiöse Bedeutung des Motivs nicht bewusst war. Natürlich ist auch denkbar, dass sie diesen Inhalt bewusst einkalkuliert hat, um eine gezielte Provokation zu platzieren, was ihr mit ihrer medienwirksamen Aktion durchaus gelungen wäre.
Lehre für Umgang mit Blasphemie
Aus den heftigen Reaktionen auf Ametis Instagram-Story lernen Kinder und Jugendliche zum anderen etwas über den Umgang mit Blasphemie. Durch die vielen öffentlichen Reaktionen wurde deutlich, dass die religiösen Gefühle vieler Menschen in der Schweiz durch Ametis Tat verletzt wurden.
Kinder und Jugendliche denken und handeln häufig pragmatisch. Ein 16-Jähriger sagte daher letzte Woche: Auch wenn ich mich als nicht-religiös definiere, ist das kein Grund für eine solch sinnlose Tat, über die man nur den Kopf schütteln kann.
Mit Toleranz zum friedlichen Zusammenleben
Wir Erwachsene lernen aus dieser Debatte: Statt Ignoranz können nur Toleranz und Respekt das friedliche Zusammenleben in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft sichern.
Papst Franziskus hat das am Freitag zum Abschluss seiner Asien-Reise in Singapur treffend zum Ausdruck gebracht, indem er sagte: Menschen verschiedener Glaubensauffassungen sollten einen konstruktiven Dialog führen, statt auf der Gültigkeit ihrer jeweiligen Überzeugungen zu beharren. Der Satz des Papstes gilt auch für Menschen, die nicht religiös denken und handeln. Er ist weitblickend formuliert und gilt gerade auch für die Debatte über den Fall Ameti.
*Christian Cebulj ist Professor am Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik und Prorektor der Theologischen Hochschule Chur. Den Gastbeitrag hat Cebulj auf Anfrage von kath.ch verfasst.
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