Sara Kissling
Story der Woche

Sara Kissling: «Ich habe spirituellen Machtmissbrauch erlebt»

Sie konvertierte von der reformierten zur römisch-katholischen Kirche, trat in ein Kloster ein und wieder aus. Weshalb Sara Kissling eine überzeugte Katholikin ist und Theologie studiert, erzählt sie im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

Für ihren Austritt aus dem Kloster Mariazell Wurmsbach in Rapperswil-Jona gibt es verschiedene Gründe: «Heute, drei Jahre später, kann ich benennen, was ich dort erlebt habe: Ich habe spirituellen Machtmissbrauch erlebt.» Damals habe sie diesen Begriff noch gar nicht gekannt, sagt Sara Kissling. 

Doch in der Auseinandersetzung mit ihrer geistlichen Begleitung und im Austausch mit Frauen, die vor ihr im Kloster waren, sei ihr klar geworden: «In der Gemeinschaft gibt es grosse Probleme, und alle paar Jahre kommen dieselben Dynamiken zum Tragen. Mit mir als Person hat das wenig zu tun.»

Demütigend und diffus

Auf die Frage, ob sie ein Beispiel nennen könne für eine demütigende Erfahrung, sagt sie: «Dieses Nie-ganz-Dazugehören, auch Informationen nicht zu erhalten und immer wieder gesagt zu bekommen und zu spüren: ‹Das steht dir als Jüngste nicht zu.›» Sie habe kaum mitgestalten dürfen, und es sei zu verletzenden Äusserungen gekommen.

Das Kloster Mariazell Wurmsbach ist eine Zisterzienserinnen-Abtei in Rapperswil-Jona.
Das Kloster Mariazell Wurmsbach ist eine Zisterzienserinnen-Abtei in Rapperswil-Jona.

«Es war sehr diffus», fasst Kissling die Gefühlslage zusammen. Sie sagt, ihre Entscheidung, das Kloster nach fünf Jahren zu verlassen, sei richtig gewesen. Auch wenn sie neben den schlechten auch gute Erfahrungen gemacht habe. Doch was ist mit ihrer Berufung, Gott ins Zentrum ihres Lebens zu stellen? «Meine Berufung ist mit dem Klosteraustritt nicht einfach erloschen. Ich musste nach neuen Wegen suchen.»

Die grosse Zäsur

Sara Kissling ist gelernte Pflegefachfrau und Musikpädagogin. Doch eine Rückkehr in einen ihrer angestammten Berufe war keine Option. «Ich spürte, wenn ich jetzt wieder voll aufgehe in meiner Berufstätigkeit, dann habe ich keinen Raum und keine Musse, die Erlebnisse aufzuarbeiten.»

«Ich musste als Mensch wieder Fuss fassen, denn ich war wirklich am Boden.»

Der Abschied vom Kloster sei eine grosse Zäsur gewesen: «Ich musste als Mensch wieder Fuss fassen und Selbstvertrauen aufbauen, denn ich war wirklich am Boden.»

Geholfen haben ihr geistliche Exerzitien und die Arbeit als Nanny bei verschiedenen Familien: «Das war eine sehr schöne Erfahrung. Die Spontanität der Kinder hat mir gut getan nach den vielen negativen zwischenmenschlichen Erfahrungen.»

Die Sinnlichkeit des Katholizismus

Vom Katholizismus ist Sara Kissling nach wie vor fasziniert und überzeugt. Aufgewachsen ist sie evangelisch-reformiert, doch Mitte dreissig fühlte sie sich in der reformierten Kirche nicht mehr heimisch. «Sie war mir zu nüchtern, zu trocken.» 

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Kissling hat nach Alternativen gesucht, auch Freikirchen geprüft und ist schliesslich in der römisch-katholischen Kirche gelandet. «Ich liebe die Sinnlichkeit, die Zeichenhandlungen, die Sakramente, die liturgischen Farben, Weihrauch. Da werde ich als ganzer Mensch angesprochen.»

Berufswunsch Seelsorgerin

Im Zentrum ihres Lebens steht der Glaube, und so kam Sara Kissling auf die Idee, Katholische Theologie zu studieren. Seit zwei Jahren ist sie nun an der Theologischen Hochschule Chur. Über ihr Studium sagt sie: «Ich schätze die Vielfalt an Fächern enorm – die Philosophie, die Exegese, die Fremdsprachen und die Kirchengeschichte sowie die praktischen Dinge wie Pastoralseelsorge und Liturgie.»

«Ich glaube, dass ich das Priesteramt für Frauen nicht mehr erleben werde.»

Nach dem Studium möchte sie als Seelsorgerin arbeiten: «Ich glaube, dass ich das Priesteramt für Frauen nicht mehr erleben werde. Deshalb versuche ich, den Fokus auf das zu richten, was möglich ist. Im Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die mir vorbehalten bleiben.»

Der Ur-Kirche näher kommen

Gleichzeitig ist Kissling überzeugt, dass die Kirche Reformen braucht. Angesprochen auf die Missbrauchsstudie sagt sie: «Die hierarchischen und zentralistischen Strukturen sind ein Nährboden für Machtmissbrauch und Vertuschung.»

Sara Kissling: «Anstatt Hierarchien wünsche ich mir ein Miteinander auf Augenhöhe.»
Sara Kissling: «Anstatt Hierarchien wünsche ich mir ein Miteinander auf Augenhöhe.»

Es brauche kirchenrechtliche Anpassungen und mehr Kompetenzen in den Regionen. Nur: Diese Forderungen sind älter als die heute 46-Jährige. Trotzdem glaubt sie daran, dass sich die Kirche reformieren wird. 

Im Podcast «Laut + Leis» sagt sie: «Die Kirche gibt es seit über 2000 Jahren. Diese Tatsache gibt mir die Hoffnung, dass sie weiter besteht.» Kirche werde es immer geben, weil es sie brauche. «Anstatt Hierarchien wünsche ich mir ein Miteinander auf Augenhöhe. Damit kämen wir der Ur-Kirche ein Stück näher.»


Sara Kissling | © Sandra Leis
13. September 2024 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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