Adrian Bolzern, römisch-katholischer Zirkus-Seelsorger der Schweiz
Schweiz

Der Zirkus-Seelsorger, der nicht taufen darf

Adrian Bolzern hat der Liebe wegen auf das Priesteramt verzichtet. Trotz Unterstützung von Felix Gmür ist der Seelsorger im Clinch mit seinem Bischof. Wie er damit umgeht und was ihm die Zirkuswelt bedeutet, erzählt er im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

Jährlich spult Adrian Bolzern 40’000 Kilometer ab. Also einmal um die Welt, um zu seinen Gemeindemitgliedern zu kommen. Seine Pfarrei umfasst zwar nur rund 5000 Frauen, Männer und Kinder. Doch diese sind über die ganze Schweiz verstreut, denn sie arbeiten als Zirkusleute, Schaustellerinnen und Markthändler.

Auf der Heckscheibe seines Autos steht «Bolzern», den «Pfarrer» hat er entfernt. Denn er ist kein Pfarrer mehr, sondern Seelsorger, der im offiziellen Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz tätig ist.

Die Frau des Lebens

«Damit gerechnet habe ich eigentlich nicht», sagt Bolzern schmunzelnd. Sonst hätte er sich nicht zum Priester weihen lassen. «Doch mir war klar, wenn mir die Frau des Lebens über den Weg laufen sollte, muss ich nochmals über die Bücher.»

Adrian Bolzern und seine Frau haben sich entschieden, ihre Liebe öffentlich zu machen. Alles andere wäre für sie ein No-Go gewesen.
Adrian Bolzern und seine Frau haben sich entschieden, ihre Liebe öffentlich zu machen. Alles andere wäre für sie ein No-Go gewesen.

Und so ist es dann passiert: Neben seinem Amt als Zirkuspfarrer war er Priester in einer Gemeinde in Aarau. Dort lernte er die Kirchenmusikerin Katja Deutschmann kennen. Die beiden verliebten sich ineinander, und für das Paar war klar: «Wenn wir den Weg zusammen gehen wollen, dann nur öffentlich. Eine heimliche Liebschaft wäre für uns ein No-Go gewesen.»

Unterstützung von Bischof Felix

So suchte Bolzern das Gespräch mit Bischof Felix Gmür. «Ich war schon lange nicht mehr so nervös wie vor diesem Treffen», sagt er und erinnert sich an einen heissen Sommertag vor zwei Jahren. Der Bischof habe ihn gefragt, ob es ihm gut gehe. Er bejahte. Felix Gmür soll sinngemäss geantwortet haben: «Da bin ich froh, ich dachte schon, du willst heiraten.»

Bischof Felix Gmür hat sich dafür eingesetzt, dass Adrian Bolzern weiterhin für die Kirche arbeiten kann.
Bischof Felix Gmür hat sich dafür eingesetzt, dass Adrian Bolzern weiterhin für die Kirche arbeiten kann.

Es war ausgesprochen, und Adrian Bolzern ist bis heute froh und dankbar, dass sein Bischof ihn unterstützt und mit ihm nach einem Weg gesucht hat. «Er hat mir versichert, dass er mich als Zirkus-Seelsorger behalten will.»

Nur: Das konnte Bischof Felix nicht alleine entscheiden, es brauchte das Einverständnis von Papst Franziskus. Ein rund hundertseitiges Dossier wurde nach Rom geschickt. An Silvester 2022 kam schliesslich das Ja.

Gehörlosen-Seelsorge und Altersheime

Die Erleichterung spürt man ihm bis heute an. «Es hätte mich sehr enttäuscht, wenn ich das Amt des Zirkus-Seelsorgers hätte abgeben müssen.» Die christkatholische Kirche wäre eine Alternative gewesen; sie sei auch aktiv auf ihn zugekommen, und er hätte als verheirateter Mann Priester bleiben können. 

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Nur: «Ich bin von ganzem Herzen römisch-katholisch, ich bin mit dieser Kirche aufgewachsen, habe viel von ihr profitiert und viel für sie geleistet.» Überlegt habe er sich, ob er allenfalls als freier Theologe und Ritualbegleiter einen Neuanfang wagen wolle.

Es ist anders gekommen: Neben seinem Standbein als Zirkus-Seelsorger arbeitet er heute im Auftrag des Bistums Basel als Gehörlosen-Seelsorger und hält Gottesdienste in Oltener Altersheimen.

Bei Hochzeiten traut der Vater

Das klingt ganz nach Happy End: Der 45-jährige Adrian Bolzern ist verheiratet, Vater einer kleinen Tochter und arbeitet Vollzeit für die römisch-katholische Kirche. Eines allerdings wurmt ihn: Weil er nicht mehr als Priester tätig sein kann, darf er keine Sakramente spenden.

Sakramente darf Adrian Bolzern keine mehr spenden.
Sakramente darf Adrian Bolzern keine mehr spenden.

Man müsse sich zu helfen wissen, sagt Bolzern. «Bei Hochzeiten nehme ich jeweils meinen Vater mit. Er ist Diakon und darf auch als Pensionär das Ehesakrament spenden.»

Die Sache mit der Taufe

Kein Verständnis hat Bolzern, dass er nicht taufen darf. «Ich war ehrlich, stehe zu meiner Liebe und muss nun diese Konsequenz tragen. Das empfinde ich als Strafe.» Denn Gemeindeleiterinnen und -leiter dürfen im Bistum Basel in der eigenen Gemeinde taufen. 

Adrian Bolzern: «Ich hoffe, dass ich eines Tages wieder taufen darf.»
Adrian Bolzern: «Ich hoffe, dass ich eines Tages wieder taufen darf.»

«Meine Gemeinde sind die Zirkusleute, Schaustellerinnen und Markthändler. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass ich eines Tages auch wieder taufen darf.» Da sei er noch «ein bisschen im Clinch» mit Bischof Felix Gmür.

Zirkus als kleines Universum

Ehrlichkeit ist ihm wichtig. Sie macht ihn authentisch und offen für Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen. «Der Zirkus ist ein kleines Universum. Hier treffen Leute aus vielen Nationen und mit verschiedenen Religionen aufeinander.»

Er ist seit zehn Jahren Zirkus-Seelsorger: «Wenn sie mich brauchen, bin ich da.»
Er ist seit zehn Jahren Zirkus-Seelsorger: «Wenn sie mich brauchen, bin ich da.»

Das Zusammenleben funktioniere in aller Regel gut. Wer in einem Zirkus arbeite, sei ein politisch und religiös toleranter Mensch. Und wenn es unter den Mitarbeitenden mal zu Konflikten komme, sei er gerne bereit zu helfen. Er ist jetzt seit zehn Jahren Zirkus-Seelsorger: «Das Vertrauen ist aufgebaut, und sie wissen: Wenn sie mich brauchen, bin ich da.»


Adrian Bolzern, römisch-katholischer Zirkus-Seelsorger der Schweiz | © Sandra Leis
30. August 2024 | 09:00
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