Geheimnisse der Kirche: Das gibt der diskrete Vatikanarchivar alles preis
Im vatikanischen Geheimarchiv ist die zweitausendjährige Geschichte der Kirche aufbewahrt. Dass es heute so viele und schnelle Heiligsprechungen gibt, wurmt den Chefarchivar, Monsignore Sergio Pagano. Papst Franziskus hat an einer Heiligsprechung eines Vorgängerpapstes kein Interesse.
Francesco Papagni
Das vatikanische Geheimarchiv, das von Papst Franziskus in das apostolische Archiv umbenannt wurde, ist ein Ort, der die Fantasie vieler anregt. Alles, was geheim ist, ist ja besonders interessant. Dabei hiess geheim bis zum 19. Jahrhundert nichts anderes als privat. Es ist also schlicht das Privatarchiv des Papstes.
Ein besonderer Ort
Der Chefarchivar, Monsignore Sergio Pagano, ist ein diskreter Mann. Interviewanfragen werden abschlägig beantwortet. Jetzt hat es aber der italienische Vatikanist Massimo Franco geschafft, das Vertrauen des Monsignore zu gewinnen. Resultat ist ein Buch mit dem Titel «Secretum», das bisher nur auf Italienisch vorliegt. Im langen Gespräch geht es um die verwickelte Historie des Archivs, das mehrere Stürme der Geschichte überstand. Zudem über die Dokumente, die es verwahrt. Dazwischen macht Monsignore Pagano bemerkenswerte Aussagen. Aber der Reihe nach.
Das Gedächtnis der Kirche
Wenn die Kirche mit ihrer zweitausendjährigen Geschichte ein «Elefantengedächtnis» (Edmund Arens) hat, dann ist das apostolische Archiv der Ort dieses Gedächtnisses. Es sind hier die Dokumente der Päpste gesammelt und die Privatarchive vieler Adelsfamilien, die mit der Kurie verbunden waren und sind. In Rom werden diese Familien die «Schwarze Aristokratie» genannt. Ihre Söhne bekleideten über Jahrhunderte wichtige Positionen in der Kirche, deswegen sind diese Archive von besonderem Interesse.
Ordnung in die Dokumente zu bringen, das ist die Aufgabe der Archivare. In diesem Fall ging es zunächst darum, das enorme Material überhaupt zu sichten und Inventarlisten zu erstellen. Ohne ein verlässliches Inventar ist ein Archiv wertlos. Monsignore Pagano ist sichtlich stolz auf die jahrzehntelange Arbeit, die er und seine Leute geleistet haben. Das apostolische Archiv ist geordnet, sodass Forscherinnen und Forscher aus aller Welt die Dokumente einsehen können. Im Augenblick ist es etwa die Forschergruppe um den bekannten Kirchenhistoriker Hubert Wolf, die Papst Pius XII. und seine Rolle im Zweiten Weltkrieg studiert. Später mehr dazu.
Allzu schnelle Heiligsprechungen?
Wie gesagt, Monsignore Sergio Pagano ist ein diskreter Mann. Viele seiner Aussagen sind diplomatisch und differenzierend. Als Chef der kirchlichen Dokumente wird er immer wieder als Experte in Heiligsprechnungsverfahren um seine Meinung angefragt. Und hier kommt er aus der Deckung und macht erstaunliche Aussagen.
Zurzeit Papst Johannes Pauls II. – er war schon im Amt – kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Heiligsprechungen. Der polnische Papst wollte auf seinen Reisen jeweils neue Heilige der bereisten Länder verkündigen. Massimo Franco fragt, ob das nicht einen Druck zum Abschluss von Verfahren bedeutete. Sergio Pagano, der nicht formell Einsitz in der einschlägigen Kongregation hat, aber natürlich bestens unterrichtet ist, verneint: Es gab nie Druck von Seiten des Papstes. Doch: Niemand in der Kurie wollte den Papst enttäuschen. Auch ohne formelle Anweisung wurden die Verfahren beschleunigt.
Ein gewissenhafter Chefarchivar
Monsignore Pagano ist ein Konservativer. Dass wir nun «Brüder und Schwestern» statt «Brüder» bei der Anrede in den Paulusbriefen lesen, ist ihm schon zu modernistisch. Aber er ist ein gewissenhafter Mann mit hohem beruflichem Ethos: Die Dokumente müssen gründlich und vollständig geprüft werden. Und das braucht seine Zeit. Bei schnellen Heiligsprechungsverfahren ist das nicht möglich, und das wurmt den Monsignore. Früher liess die Kirche mindestens Jahrzehnte zwischen Tod und Proklamation der Heiligkeit verstreichen – aus gutem Grund: erst mit der Zeit kommen die unvorteilhaften Fakten an den Tag.
Der Fall Karol Wojtyla wird nicht genannt, zu gross ist der Ruhm dieses Papstes. Aber die Parole «Santo subito», die schon bei seinem Begräbnis erschien, zeigt das Problem an. Dem Druck aus dem Kirchenvolk gilt es zu widerstehen. Hingegen erwähnt er, dass viele geistliche Gemeinschaften und Bewegungen ihre Gründerin beziehungsweise ihren Gründer heiliggesprochen wissen wollen. Manche von ihnen sind einflussreich und erreichen ihr Ziel erstaunlich schnell. Pagano ist zu sehr Diplomat, um Namen zu nennen. In den letzten Jahrzehnten gibt es aber einige prominente Beispiele dafür.
Pius XII. – ein Heiliger?
Im Augenblick gibt es kein heisseres Eisen, was Heiligsprechung angeht, als Pius XII., dessen Pontifikat sich mit der Weltkriegszeit überschneidet. Das Verfahren läuft, scheint aber auf kleinste Flamme reduziert zu sein. Papst Franziskus hat offensichtlich kein Interesse an seiner Heiligsprechung.
Aber die historische Diskussion ist im Gange, zumal die Dokumente der Kriegszeit nun im apostolischen Archiv einsehbar sind. Die schon erwähnte Forschergruppe um Hubert Wolf arbeitet daran. Hat Papst Pius XII. alles Menschenmögliche getan, um Juden und Jüdinnen zu retten? Hätte er mehr tun können? Das sind Fragen, die viele beschäftigen. Pagano weist darauf hin, dass das Schweigen lange vor dem Eintreffen der Nachrichten über den Holocaust begann.
Anfangs August 1939, der Krieg ist schon im Anzug, hält Pius XII. eine denkwürdige Rede: Mit dem Frieden ist alles gewonnen, mit dem Krieg alles verloren, sagte er. Als dann am 1. September 1939 Nazideutschland Polen überfällt, wird der Papst bestürmt, den Aggressor zu verurteilen. Schliesslich seien die katholischen Polen seine Schutzbefohlenen. Pius XII. schweigt aber. Und noch eine Begebenheit erwähnt Monsignore Pagano – eine, von der nur ein päpstlicher Archivar wissen kann.
Ein paar Wochen nach Kriegsende kommt eine Gruppe Holocaustüberlebender zur Audienz. Der Papst findet lediglich allgemeine Worte für sie. Auf das, was sie durchgemacht haben, geht er nicht ein. Die Holocaustüberlebenden sind enttäuscht. Dies wirft ein unvorteilhaftes Licht auf Papst Pius XII. Ein Heiliger hätte wohl anders reagiert.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




