Schweizer Franken.
Analyse

Millionen für Soziales: Wer bezahlt, wenn die Kirchen kein Geld mehr haben?

Wer übernimmt die sozialen Aufgaben der Kirchen, wenn diese das Geld dafür nicht mehr haben? Die Frage ist aktuell: Die Landeskirchen verlieren wegen Austritten viel Steuereinnahmen. Wird der Staat für die millionenteuren gesamtgesellschaftlichen Leistungen der Kirchen einspringen?

Barbara Ludwig

In Luzern beschäftigt die Frage die Politik. Die Landeskirchen erfüllten breit abgestützte und «gesellschaftlich hoch relevante Aufgaben», die oft weit über die Interessen der eigenen Glaubensangehörigen hinausgehen, heisst es in einer Motion, die die Grünen kürzlich im Stadtparlament einreichten.

Erosion von Finanzen bedroht kirchliche Aktivitäten

Doch weil immer weniger Personen einer Landeskirchen angehören und die Kirchensteuer für Unternehmen auf Kantonsebene politisch umstritten ist, gehen die Grünen davon aus, dass die Landeskirchen die heutigen Leistungen mittelfristig nicht mehr finanzieren könnten.

Leere Kirchenbänke.
Leere Kirchenbänke.

Der Trend geht auch andernorts in die gleiche Richtung: Die Kirchenmitglieder werden weniger – und die Kirchensteuer für juristische Personen ist nirgendwo in Stein gemeisselt. Mit der Erosion der Finanzen droht auch ein Wegfall kirchlicher Leistungen – und ob da andere Akteure in die Bresche springen können und wollen, steht in den Sternen.

Wie viel Geld investieren die Landeskirchen in gesamtgesellschaftliche Aktivitäten, von denen nicht nur die Kirchenmitglieder, sondern auch andere Menschen und die Gesellschaft als Ganzes profitieren? Was steht auf dem Spiel? Kath.ch hat bei einigen katholischen Kantonalkirchen nachgefragt.

40 Prozent des Budgets in Luzern

Die römisch-katholische Landeskirche des Kantons Luzern gibt pro Jahr rund 40 Prozent ihres Budgets für gesamtgesellschaftliche Leistungen aus. Das teilt Armin Suppiger mit. Er ist im Synodalrat für die Finanzen zuständig. Im vergangenen Jahr waren dies 4,4 Millionen Franken. Dieses Geld wird zum Beispiel eingesetzt für die Seelsorge in Gefängnissen und Spitälern, für die Polizei- und Feuerwehrseelsorge. Und es fliesst in karitative Werke.

Gassenküche Luzern: Wo Menschen am Rande der Gesellschaft mitarbeiten können.
Gassenküche Luzern: Wo Menschen am Rande der Gesellschaft mitarbeiten können.

Die Landeskirche gewährt zudem Beiträge an Institutionen und Vereine, etwa an Jungwacht-Blauring, die Pfadi, die Kirchliche Gassenarbeit und das Hospiz Zentralschweiz, wo unheilbar kranke Menschen betreut werden. Im Gegensatz zu Kirchen in anderen Kantonen erhält die Luzerner Landeskirche keine Geldmittel aus der Staatskasse für ihre Aktivitäten zugunsten der Gesellschaft.

Über vier Millionen im Aargau

Die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau gab im vergangenen Jahr 4,1 Millionen Franken aus für gesamtgesellschaftliche Leistungen und rund 847’000 Franken für teilweise gesamtwirtschaftliche Leistungen. Das teilt die Kommunikationsbeauftragte Jeannette Häsler mit.

Den grössten Posten bildet mit rund 1,8 Millionen Franken die Seelsorge in Spitälern und Heimen. Grössere Beiträge erhielt das Hilfswerk Caritas für seine regionalen Sozialdienste (245’000 Franken) und die anderssprachige Sozialarbeit (532’380 Franken). Die Landeskirche unterstützt unter anderem auch die Jugendarbeit von Jungwacht-Blauring, den Aargauischen Katholischen Frauenbund, die Dargebotene Hand, die Fachstelle für Schuldenfragen, die Notschlafstelle Hope in Baden und das Frauenhaus Aargau/Solothurn.

Sommerlager von Jungwacht Blauring.
Sommerlager von Jungwacht Blauring.

An den Kosten für die gesamtgesellschaftlichen Leistungen beteiligte sich der Kanton Aargau im vergangenen Jahr mit rund 825’800 Franken.

Im Kanton Zürich schenkt es ein

In Zürich bewegen sich die Zahlen in beträchtlicher Höhe. So hat die Römisch-Katholische Körperschaft des Kantons Zürich im vergangenen Jahr insgesamt rund 35,1 Millionen Franken für gesamtgesellschaftliche Leistungen aufgewendet. Dies entsprach 68 Prozent der aufgewendeten Mittel. Die Leistungen werden in Soziales/Diakonie (21,09 Millionen Franken), Bildung (13,4 Millionen Franken) und Kultur (rund 650’000 Franken) gegliedert. Auch der Kostenbeitrag, mit dem der Kanton Zürich die Erbringung solcher Leistungen unterstützt, kann sich sehen lassen: Er betrug im vergangenen Jahr 23,4 Millionen Franken.

Die Körperschaft weist im Finanzbericht 2023 zudem aus, wie viel Geld die Zürcher Kirchgemeinden für Diakonie, Bildung und Kultur ausgaben – auch dort sind die Beträge eindrücklich. Alleine für Diakonie waren es 30,1 Millionen Franken.

Geschätzte 22 Millionen Franken in St. Gallen

Im Kanton St. Gallen heisst die Landeskirche Katholischer Konfessionsteil. Genaue Zahlen zu den gesamtgesellschaftlichen Leistungen sind nicht erhältlich. Der Katholische Konfessionsteil hat laut Roger Fuchs, Kommunikationsverantwortlicher, ein Budget von 76 Millionen Franken. Um die einzelnen Positionen nach gesamtgesellschaftlichen Leistungen aufzuteilen, müssten erhebliche personelle Ressourcen eingesetzt werden, erklärt Fuchs.

Seelsorge-Büro im Gefängnis.
Seelsorge-Büro im Gefängnis.

Fuchs zählt auf, in welchen Bereichen die St. Galler Katholiken und Katholikinnen Leistungen für die Gesellschaft erbringen: Jugendarbeit, Stiftsbibliothek, Stiftsarchiv, Beiträge ans Hilfswerk Caritas und an verschiedene Beratungsstellen wie etwa «Mütter in Not». Auch die Seelsorge in Gefängnissen und Spitälern gehört dazu. «Grob geschätzt kommen wir mit all diesen Beiträgen auf 22 Millionen Franken an gesamtgesellschaftlichen Leistungen», so der Kommunikationsverantwortliche. Auch dies ein stattlicher Beitrag.

Leistungen der Kirchgemeinden sind relevant

Teilweise beteiligt sich auch in St. Gallen der Kanton an den Kosten für diese Aktivitäten: So leistet er einen Beitrag an die Gefängnisseelsorge. Und an den Kosten für die Spitalseelsorge beteiligt sich das Kantonsspital St. Gallen. Fuchs betont, dass viele gesamtgesellschaftliche Leistungen direkt bei den Kirchgemeinden anfallen. Zahlen liefert er keine. Um diese zu eruieren müsste jede einzelne Kirchgemeinde angefragt werden.

Imposante Summen auch in Bern

Bei der Römisch-katholische Landeskirche des Kantons Bern erfährt kath.ch von Generalsekretärin Regula Furrer, dass dort die Kirchgemeinden den Löwenanteil der gesamtgesellschaftliche Leistungen erbringen. 2021 wendeten Kirchgemeinden und Landeskirche gemeinsam insgesamt 39,8 Millionen Franken für gesamtgesellschaftliche Leistungen aus – im Jahr 2020 42,8 Millionen Franken. Auch das sind imposante Summen.

Spirituelle Angebote der Spitalseelsorge.
Spirituelle Angebote der Spitalseelsorge.

Der Anteil der Landeskirche betrug in den beiden Jahren je 10,5 Millionen Franken. Dass hier die Landeskirche weniger gesamtgesellschaftliche Leistungen finanziert, hat laut Furrer damit zu tun, dass die Spezialseelsorge – etwa in Spitälern und Gefängnissen – direkt vom Kanton bezahlt wird, erklärt Furrer.

Kanton Bern macht Vorgaben

Wobei der Kanton Bern vorgibt, was unter dem Label gesamtgesellschaftlich läuft. Dazu zählen unter anderem die Kinder- und Jugendarbeit, Angebote für Betagte, Armutsbetroffene, Migrantinnen und Migranten und Asylsuchende.

Die Aktivitäten werden wie in Zürich in die Bereiche Soziales, Bildung und Kultur gegliedert. Am meisten Geld wendet die katholische Kirche in Bern mit 26,8 Millionen (2020) und 23,5 Millionen Franken (2021) für Soziales auf. Bei der Bildung sind es 12,6 Millionen beziehungsweise 12,1 Millionen Franken.

Freiwilligenarbeit ist Millionen wert

Die Berner Landeskirche weist laut Furrer gegenüber dem Kanton zudem den Umfang der unbezahlten Freiwilligenarbeit aus. 2021 betrug der Wert der unbezahlten Arbeit 13,1 Millionen Franken, im Jahr 2022 12,1 Millionen Franken. Mit dem Hinweis auf das Engagement der Freiwilligen macht die Generalsekretärin freilich auf etwas aufmerksam, das in der Kirche generell von grosser Bedeutung ist.

Im Caritas-Markt in Rapperwil SG engagieren sich auch Freiwillige.
Im Caritas-Markt in Rapperwil SG engagieren sich auch Freiwillige.

Auch in Bern erhalten die Landeskirchen Beiträge des Kantons, allerdings erst seit 2020. Einen Teil des Kantonsbeitrages, nämlich 4,3 Millionen Franken pro Jahr, erhält die Kirche für die gesamtgesellschaftlichen Leistungen. Diesen Anteil lege der Grosse Rat alle sechs Jahre neu fest, schreibt die Generalsekretärin. In der kommenden Septembersession tut er dies für die Jahre 2026 bis 2031. In Zürich steht im Übrigen ebenfalls ein politischer Entscheid über die Kostenbeiträge des Kantons an die anerkannten Religionsgemeinschaften an.

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Schweizer Franken. | © pixabay.com
19. August 2024 | 17:00
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