Werke, die von der Inquisition verurteilt wurden, wurden oftmals verbrannt.
Theologie konkret

Kirche hielt sich enger an Vernunft als Galileo Galilei

Zur Zeit von Galileo Galilei trennte die Kirche Theologie und Naturforschung nicht so wie heute. Für Galilei stand fest, dass die Heilige Schrift nicht irren kann, sehr wohl aber ihre Interpreten. Diese Position hat die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Francesco Papagni

Nur Albert Einstein wurde so sehr zum Symbol moderner Naturwissenschaft wie Galileo Galilei (1564-1642). Dabei muss zwischen der historischen Figur Galilei und dem Mythos, der in der Wirkungsgeschichte entstanden ist, unterschieden werden. Namentlich die Aufklärer des 18. und die Fortschrittsgläubigen des 19. Jahrhunderts erkoren den Florentiner Wissenschaftler zu ihrem Bannerträger.

Im Mythos Galilei steht das Individuum gegen die Institution Kirche, die Neuzeit gegen das Mittelalter, die Vernunft gegen den Obskurantismus. Vor allem der Inquisitionsprozess hat einer solchen Stilisierung Vorschub geleistet.

Kein Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion

Aber nochmals: Mythos und historische Tatsachen sind zweierlei. Dabei ist es nicht einfach, zu den Fakten zu gelangen, denn wir alle stehen unter dem Einfluss der Wirkungsgeschichte und diese beginnt schon mit den Begriffen.

Nach allgemeiner Auffassung ist der Fall Galilei beispielhaft für den Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion. Nur, diese Begriffe sind so, wie wir sie heute verwenden, Produkte des 19. Jahrhunderts. Die Forscher der frühen Neuzeit bezeichneten sich selbst als Naturphilosophen: Religion, Philosophie, Naturforschung – alle diese Gebiete gingen fliessend ineinander über.

Jesuiten betrieben Naturforschung und waren bevorzugte Gesprächspartner Galileis. Die Kirche wiederum stand nicht einfach für «Religion» im heutigen Sinne, sondern vertrat ein umfassendes Weltbild, das Gott, Mensch, und eine bestimmte Vorstellung der Natur in sich vereinigte. Zudem spielte sie eine eminent politische Rolle. Nur so lasst sich verstehen, wieso naturphilosophische Diskussionen die Aufmerksamkeit der Inquisition auf sich ziehen konnten.

Astronomie und Astrologie waren keine Gegensätze

Ein erstes Mal mit der Inquisition in Berührung kommt Galileo Galilei 1604 in Padua, aufgrund einer Denunziation wegen «freizügigem Lebenswandel» und «Häresie». Letztere bezog sich auf die Ausstellung von Horoskopen, mit denen der Gelehrte behauptete, den Willen Gottes und die Zukunft  zu kennen.

Inwieweit er das wirklich glaubte, wissen wir nicht. Hingegen war es zu jener Zeit nicht unüblich, dass Naturforscher sich mit Astrologie und Geheimlehren beschäftigten. Johannes Kepler und Nikolaus Kopernikus taten das auch. Galilei wurde verhört, aber es kam zu keinem Prozess, weil die Republik Venedig, zu der Padua gehörte, ihre schützende Hand über ihn hielt.

So sieht der Mond am 27. Juli 2018 aus
So sieht der Mond am 27. Juli 2018 aus

1601 beobachtet Galilei den Jupiter und seine Monde mit dem Fernrohr, das er zwar nicht erfunden aber perfektioniert hatte. Eine Sternstunde der Wissenschaft. Daneben zeigt er sich von seiner geschäftstüchtigen Seite, denn er erkennt sofort den praktischen Wert des Instruments: Bei einer Vorführung  vor Venezianischen Kaufleuten demonstriert er, wie nützlich das Fernrohr auf Schiffen sein kann, nicht zuletzt, um Piraten von weitem zu erkennen. Die Sache wird zum guten Geschäft für ihn.

Geozentrischen oder heliozentrisches Weltbild

In die Lebenszeit Galileis fällt die grosse Auseinandersetzung um das Weltbild. Ptolemäus in der Antike hatte die Erde in den Mittelpunkt des Kosmos gestellt. Seine mathematischen Berechnungen der Himmelskörper waren für seine Zeit gut. 1543 hatte dann Kopernikus sein Hauptwerk «De Revolutionibus» veröffentlicht, wo die Sonne den Mittelpunkt rückt.

Wenig später publiziert Tycho Brahe seine erstaunlich genauen Berechnungen der Planetenbahnen. Galilei ist Kopernikaner, hat jedoch keine Beweise für das neue astronomische Modell.

Eselohren
Eselohren

Nichtsdestotrotz tritt er sehr selbstsicher, ja überheblich auf. Gegner und Konkurrenten kann er schon mal als «Esel» oder «giftige Skorpione» titulieren. Selbst Tycho Brahe, den besten Astronom seiner Zeit, macht er lächerlich. Dabei fehlte es nicht an Ratschlägen, zurückhaltender zu sein. Wie der Wissenschaftshistoriker Paolo Rossi schreibt, scheint ihm die kulturell-politische Tragweite der Weltbildfrage nicht bewusst zu sein.

Buch der Offenbarung und Buch der Natur

Theologie und Naturforschung waren nicht getrennt wie heute. Auch für Galilei stand fest, dass die Heilige Schrift nicht irren kann, sehr wohl aber ihre Interpreten. Er schränkte die Wahrheiten der Bibel auf Heilswahrheiten ein – auf dem Feld der Natur soll die Forschung das Sagen haben. Gott offenbart sich im Buch der Offenbarung wie auch im Buch der Natur, aber auf unterschiedliche Weise.

Heliozentrisches (kopernikanisches) Weltbild illustriert von Cellarius, 1661.
Heliozentrisches (kopernikanisches) Weltbild illustriert von Cellarius, 1661.

Es ist eine bittere Ironie, dass der Florentiner Gelehrte damit eine Position vorwegnimmt, die die katholische Kirche heute selber vertritt. Innerhalb der Kirche formierte sich Widerstand gegen das Kopernikanische Weltbild. Galilei bekommt es wieder mit der Inquisition zu tun. Kardinal Robert Bellarmin, der Inquisitor, ist aber kein Finsterling, vielmehr einer der klügsten Köpfe seiner Zeit. Galilei wird ermahnt, und ihm wird befohlen, die kopernikanische Lehre nicht mehr zu vertreten.

1623 wird Maffeo Barberini, Florentiner wie Galilei, als Urban VIII. zum Papst gewählt. Barberini pflegt schon vorher eine freundschaftliche Beziehung zu seinem Landsmann. Sein Pontifikat steht zu Beginn im Zeichen der Toleranz.

«Hypothese» schützt ihn nicht

Galilei sieht sich protegiert von höchster Stelle und veröffentlicht 1632 seien «Dialogo sopra i massimi sistemi», ein Dialog zwischen einem Kopernikaner, einem Anhänger des überkommenen, aristotelisch-ptolemäischen Weltbildes und eines Patriziers, der einen Freigeist verkörpert. Den Aristoteliker nennt er Simplicio, den Einfältigen. In der Vorrede bezeichnet er die kopernikanische Position zwar als «Hypothese», das wird ihn aber nicht schützen.

Der Papst erkennt sich in den Aussagen, die Galilei Simplicio in den Mund legt, selbst wieder. Mit dem Wohlwollen ist es schlagartig vorbei. Auch die einflussreichen Jesuiten hat er sich mit seinen Polemiken zum Feind gemacht.

Der Prozess

1633 muss Galileo Galilei vor der Römischen Inquisition, der Vorgängerin der heutigen Glaubenskongregation, erscheinen. Ihm wird vorgeworfen, das Imprimatur, die kirchliche Druckerlaubnis, erschlichen zu haben, weil er der zuständigen Behörde das frühere Urteil gegen ihn verschwiegen hatte.

Galileo Galilei bei seiner Verhandlung vor dem Inquisitionsgericht, Fotografie eines Gemäldes.
Galileo Galilei bei seiner Verhandlung vor dem Inquisitionsgericht, Fotografie eines Gemäldes.

Galilei versucht sich herauszureden, aber seine Verteidigung ist schwach. Die Fakten sprechen gegen ihn. Mit Bellarmin und Galilei treffen Spitzenvertreter zweier unterschiedlicher Weltbilder aufeinander. Der Physiker Walter Hehl bemerkt, dass Galilei die richtigen Intuitionen hatte, aber immer noch keine handfesten Beweise für seine Position.

Am 22. Juni 1633 muss er auf Knien, im Büssergewand eine Kerze in der Hand haltend, abschwören. Dass er während des Prozesses eingekerkert war, stimmt allerdings nicht: er wohnt im Palast des Florentiner Gesandten. Nichtsdestotrotz bedeutet die Verurteilung eine Erniedrigung für den alten Gelehrten.

Späte Rehabilitation

Papst Johannes Paul II. erinnerte 1979 vor der päpstlichen Akademie der Wissenschaften daran, dass Galileo Galilei «durch Personen und Organisationen der Kirche viel gelitten» habe und Opfer eines «unzulässigen Eingriffs» geworden sei. Galilei wurde danach formell rehabilitiert, was die grundsätzliche Frage aufwirft, ob die Gegenwart ein Urteil, das unter damaligen Voraussetzungen begründet war, revidieren kann und soll.

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Der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend schrieb dazu: «Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selbst, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen.»

Zweites Vatikanisches Konzil - in der Konzilsaula in der Peterskirche.
Zweites Vatikanisches Konzil - in der Konzilsaula in der Peterskirche.

Wie immer man das damalige Urteil bewertet, der Fall Galilei steht am Anfang eines sich verschärfenden Konflikts zwischen Theologie und Naturwissenschaft, der heute in den Köpfen vieler zementiert ist. Dabei sagt die Konstitutionen des Zweiten Vatikanischen Konzils «Dei Verbum» was schon Galilei vertrat, dass nämlich in der Heiligen Schrift die Heilswahrheiten zu finden sind. Naturwissenschaftliche Wahrheiten sind nicht ihr Thema. Deswegen hat die katholische Kirche auch kein Problem mit der Evolutionstheorie.


Werke, die von der Inquisition verurteilt wurden, wurden oftmals verbrannt. | © Tilon/Wikimedia Commons
18. August 2024 | 06:00
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