Olympia-Empörung: «Für einmal haben die Schweizer Bischöfe gut getan, zu schweigen»
Die französischen Bischöfe sind entsetzt über die Abendmahls-Szene bei der Eröffnungsfeier der Olympia. Sie wollen damit ihre Relevanz in einem laizistischen Staat in Erinnerung rufen – und von eigentlichen Problemen ablenken. Dass der deutsche Sportbischof auf diesen Empörungszug aufspringt, ist peinlich.
Christian Maurer
Eine geschlagene Woche schon tobt nun der Streit um die Empörung über die angeblich blasphemische Abendmahl-Szene in der Eröffnungsshow der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Ein Ende ist nicht abzusehen.
Man reibt sich die Augen und fragt sich zwischen Erstaunen und Entsetzen: Ist das jetzt wirklich das wichtigste Thema, das die katholische Kirche umtreibt? Ist die Aufregung gerechtfertigt – oder hat sie zumindest einen Sinn? Die momentane Empörung erinnert jedenfalls fatal an Reaktionen auf Mohammed-Karikaturen oder Koran-Verbrennungen. Mit dem kleinen, aber wichtigen Unterschied: Christen teilen zwar verbal aus, sie greifen aber nicht zu Waffen.
«Angesichts der zelebrierten Olympia-Begeisterung des Landes wirkten die französischen Bischöfe wie Spielverderber.»
Wer sucht, der findet immer ein Haar in der Suppe – momentan scheint es sogar eine ganze Perücke zu sein. Jeder und jede darf sich aufregen. Blasphemie schreien. Verhöhnung Christi jammern. Nach Schutz für abendländische christliche Werte rufen. Darüber streiten, ob in der Szene mit der korpulenten blauen Figur und dem Tisch wirklich das Letzte Abendmahl gemeint war, oder doch eher das Hochzeitsmahl Thetis, oder sogar bloss ein beliebiges bacchantisches Gelage.
Die ersten, die Kritik äusserten, waren ausgerechnet die französischen Bischöfe. Angesichts der grossen zelebrierten Olympia-Begeisterung des Landes wirkten sie wie Spielverderber. Und seltsam auch, da Frankreich für seine Zivilgesellschaft bekannt ist, die sich extrem gegen die Blasphemie-Vorwürfe im Zusammenhang mit Mohammed-Karikaturen gewehrt hat. Religionsfreiheit bedeute auch Meinungsfreiheit, und auch Protagonisten von Religionen dürften durch den Kakao gezogen werden.
«Auch Blasphemie liegt im Auge der Betrachtenden.»
Dennoch ist der bischöfliche Protest in Frankreich nicht ganz so überraschend. Aber folgerichtig. Die Oberhirten in dem Lande, das sich gerne als «älteste Tochter der katholischen Kirche» sieht, haben seit der strikten Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 permanenten Bedarf, ihre Wichtigkeit und Relevanz in Erinnerung zu rufen.
Gerade jetzt ist das wieder besonders akut nötig, weil die Kritik an der Olympia-Show den Fokus in der öffentlichen Wahrnehmung verschiebt – weg von den Missbrauchsvorwürfen gegen ihren Säulenheiligen Abbé Pierre und die grösste Priesterschmiede Frankreichs, die Communauté Saint-Martin. Wenn aber der deutsche Sportbischof Stefan Oster auf den bereits fahrenden Empörungszug aufspringt und nach mässiger Resonanz seiner ersten Kritik nochmals nachlegt, um sich sein Scherflein der medialen Aufmerksamkeit zu sichern, ist das nur noch durchsichtig peinlich.
Die Empörung war von Anfang an wohlfeil. Will heissen, ohne wirklichen Inhalt. In jedes Kunstwerk lässt sich hineininterpretieren, was immer einem durch den Kopf geht. Der Sinn und die Interpretation liegen – wie die Schönheit – im Auge der Betrachtenden. Dies gilt auch für Wertung, was blasphemisch sei oder nicht. Auch Blasphemie liegt im Auge der Betrachtenden. Entgegen aller Erwartung: Theologie ist keine exakte Wissenschaft. Alle Bemühungen der Semantiker und Semiotiker von Ferdinand de Saussure über Roman Jakobsohn bis Roland Barthes, die Darstellungen in dieser Welt zu objektiveren, haben daran nicht viel ändern können.
«Wir sollten uns daran erinnern, dass das Christentum über die Jahrhunderte eine tolerante Religion geworden ist.»
Mahnwachen vor Theatern und Kinos, welche der Kirche und Strenggläubigen unliebsame Stücke oder Filme zeigen, gehören hierzulande glücklicherweise der Vergangenheit an. Die Welt ist grosszügiger geworden. Oder kommt nun der Backlash? Erste Anzeichen gibt es dafür.
Wir sollten uns daran erinnern, dass das Christentum über die Jahrhunderte eine tolerante Religion geworden ist. Auch dank dem Einfluss der Aufklärung. Er werde immer dafür kämpfen, dass auch sein Gegner seine Meinung frei sagen könne, sagte Voltaire sinngemäss. Die katholische Kirche hat dieses Diktum, wenn auch unter Zähneknirschen, faktisch anerkannt. Wollen wir es zulassen, dass im Christentum wieder Zensur herrscht?
«Ärgernisse werden ausserhalb der Kirche gesucht.»
Gut möglich, leider. Die Stimmen in der aktuellen Diskussion um die Abendmahlszene, welche die Darstellung wie auch den Regisseur unter dem Titel der Kunst- und Meinungsfreiheit verteidigen, werden niedergeschrien. Beatrice von Weizsäckers Bemerkung, die Aufregung sei «herrlich erwartbar» gewesen ist zwar süffisant, aber entlarvend.
Die Reaktionen reaktionärer katholischer Kreise zeigt abermals: Ärgernisse werden ausserhalb der Kirche gesucht, vielleicht, um die eigenen, unzähligen Probleme innerhalb der eigenen Institution nicht angehen zu müssen oder weiterhin totschweigen zu können.
Ein päpstliches Verdikt zum Abendmahl von Paris gibt es nicht. Gott sei Dank, möchte man sagen. Vielleicht ist Franziskus ganz einfach schlau genug, sich nicht an einem Sturm im Wasserglas zu beteiligen.
Für einmal haben auch die Schweizer Bischöfe gut getan, zu schweigen. Die Aufregung ist der Rede nicht wert. Die Kommentierung haben andere in der Schweiz übernommen. Jene Männer, die sich berufen fühlen, zu allem und jedem ihre Meinung kundtun zu müssen, der eine mehr, der andere weniger fern ab von gesellschaftlicher Realität.
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