Martin Walser im Jahr 2018 in Zürich.
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Martin Walser und der Glaube: «Meine Lippen sehnen sich nach einer Hostie, mit der die Welt zergeht»

Er wurde steinalt: Im Alter von 96 Jahren ist Martin Walser im letzten Jahr verstorben. Der am Bodensee geborene Schriftsteller eckte gesellschaftlich und politisch an. Obwohl streng katholisch aufgewachsen, fühlte sich der deutsche Autor später als Agnostiker. Vom Katholizismus kam er trotzdem nie los. In seinen Werken schrieb er immer wieder über Glaubensnöte und das individuelle Scheitern. Eine kleine Serie über Literaten und ihre katholische Identität.

Wolfgang Holz

«Ich finde es wunderbar, wie das passierte. Es hat mich tief beeindruckt, dass jemand sein eigenes Schicksal in die Hand nimmt, und sei er Papst, und sagt, jetzt gehe ich. Ich fand es enorm, dass er nicht durchgezittert hat bis zum Ende. Das war eine reine, schöne Entscheidung», sagte Walser einmal in einem Interview.

«Katholischer Krüppel»

Martin Walser war Jahrgang 1927 und damit genauso alt wie der emeritierte Papst Benedikt XVI. Zur katholischen Kirche hatte er zeitlebens eine gestörte Beziehung. Er sagte sogar von sich, er sei «ein katholischer Krüppel».

Und trotzdem kam er von ihr nie los. Martin Walser war katholisch und blieb es sein ganzes Leben lang – ob er wollte oder nicht. Er blieb der katholischen Kirche trotz Bedenken treu. «Ich kann diese Bindung nicht durch einen egoistischen Verwaltungsakt beenden», bekannte der Schriftsteller. Obwohl er nicht mehr aktiver Christ sei, bleibe er Katholik.

Martin Walser 1999 in Zürich.
Martin Walser 1999 in Zürich.

«Ich bleibe drin, gehe aber nicht hinein.»

Martin Walser

 »Ich kann nicht gegen etwas sein, was mich einmal bewegt hat», fügte der Autor hinzu. Kapläne seien in seiner Jugend «Lichtgestalten» für ihn gewesen. «Heinrich Böll trat aus der Kirche aus und ging trotzdem hinein», so Walser. «Ich bleibe drin, gehe aber nicht hinein.» Als selbst definierter Agnostiker schrieb er in seinen Romanen immer wieder über Glaubensnöte.

Die Mutter und die Angst-Religion

In «Messmers Momente» – dem dritten Band von Martin Walsers Messmer-Büchern, eine Sammlung irrlichternder Gedanken, Sinnsprüche, Seelennotate – geht es auch um die Seele, den Sinn und die Sehnsucht. «Meine Lippen sehnen sich / nach einer Hostie / mit der die Welt zergeht», schrieb Walser und sagte: «Das ist ein Urerlebnis aus der Kindheit. Die Hostie hatte eine unheimliche Strahlkraft und eine bannende Bedeutung, und so etwas wirkt als Bild nach». Andererseits habe seine Mutter ihm eine katholische Angst-Religion vermittelt.

«Der Pfarrer war kein toller Prediger, aber der war die richtige Liturgie. Der war so in sich versunken, dass man gedacht hat, da findet die Wandlung wirklich statt.»

Martin Walser
Eucharistiefeier
Eucharistiefeier

Vom Pfarrer seiner Kindheit, der seine Beziehung zur Liturgie geprägt hat, schwärmte Walser: «Dieser Pfarrer war schüchtern, der war überhaupt nicht auftretkräftig, er war kein toller Prediger, aber der war die richtige Liturgie. Der war so in sich versunken, dass man gedacht hat, da findet die Wandlung wirklich statt. Und deswegen ist er für mich ewig der richtige Pfarrer geblieben, der sich nicht, wie das heute üblich ist, dem Publikum zuwendet und alles macht, dass es so eine halbe Talkshow wird.»  

Gegen den Atheismus

Walser bekannte zwar, dass er nicht glauben könne, obwohl er es gern würde. Zugleich wandte sich Walser gegen den Atheismus: «Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.» Gott fehlte ihm irgendwie.

In «Messmers Momente» wiederum schrieb Walser: «Viele Bäume wachsen in meinem Kopf, / die in der Welt nicht mehr wachsen. / Ausgestorbenes ist in mir zu Haus. / Ich bin ein blühendes Grab».

Das Scheitern der Alltagshelden

Ein immer wiederkehrendes Motiv Walsers ist das Scheitern am Leben: Seine Helden sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen an sie oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen; der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen grossen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äussere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur.

Blick auf Überlingen vom Bodensee - die Heimatgegend von Martin Walser
Blick auf Überlingen vom Bodensee - die Heimatgegend von Martin Walser

«Das fliehende Pferd»

Das gilt auch für die Novelle «Ein fliehendes Pferd» von 1978. Sie ist und bleibt Walsers erfolgreichstes Buch und womöglich auch sein wichtigstes und schönstes. Es ist Sommer 1977 und fast unbeschwerte Ferienzeit. Es ist die Geschichte zweier ungleicher Ehepaare und zweier ungleicher Schulfreunde, die einander am Bodensee zu schönster Ferienzeit zufällig begegnen, die Zeit miteinander verbringen, Enttäuschungen erleben, Lebensernüchterung erfahren, im Sturm Schiffbruch erlitten.

Nur wenige deutschsprachige Autoren können auf ein so umfangreiches Werk blicken wie Martin Walser: rund 70 Erzählungen und Romane, ein gutes Dutzend Theaterstücke und Hörspiele, dazu zahlreiche Essays und publizierte Reden.

«Gott fehlt. Mir.»

Auf seine Weise explizit der Theologie begegnet ist Walser 2012 in seinem Buch «Über Rechtfertigung, eine Versuchung». Walser ist neugierig, erkundet, was es damit auf sich haben kann, vor einer höheren Instanz zur eigenen Gewissenserkundung Rechenschaft abzugeben. Grosse Denker werden zur Unterstützung bemüht wie Luther, Nietzsche, Karl Barth vor allem. Sein Fazit: «Gott fehlt. Mir.»

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Walser bringt damit jenes Hin- und Herschwanken zwischen Glaubenwollen, aber Nichtglaubenkönnen ins Wort, das heutzutage viele Menschen umtreibt. «Verlassen zu sein, ist ein Schuh, der auch drückt, wenn man ihn nicht anhat. Die Höhle in jedem von uns, in der das Dunkel Platz hat, das zu uns gehört, dürfen wir Gott nennen. Und sie ist leer, diese Höhle. Leute, denen die Leere fremd ist, sind mir fremd. Lasst die Leere zu. In ihr ist Gott daheim.»


Martin Walser im Jahr 2018 in Zürich. | © KEYSTONE/Gaetan Bally
9. Juli 2024 | 15:00
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