Astronom und Prediger Heino Falcke: «Der Sternenhimmel wird verschwinden»
Der Astronom Heino Falcke forscht nicht nur zum Weltall. Er macht sich als Christ und Laienprediger auch grundsätzliche Gedanken, wie: «Wissenschaft ist für mich als Christ, einen Teil der guten Schöpfung Gottes zu verstehen.» Falcke kritisiert die Weltraum-Vermarktung der Superreichen und fordert Regulierung.
Regula Pfeifer
Sie referieren an der Uni Bern über «Licht im Dunkeln». Worum geht es da?
Heino Falcke: Das ist der Titel meines Buches, es handelt vom ersten Foto eines schwarzen Lochs. Schwarze Löcher sind ein Faszinosum. Dieses erste Bild eines schwarzen Lochs, an dem ich als Astronom intensiv beteiligt war, ist ein Triumph der Technik. Aber es zeigt auch die Grenzen der Wissenschaft auf. Denn schwarze Löcher sind der Ort, wo unsere Wissenschaft zusammenbricht. Da kommen wir aus fundamentalen Gründen nicht mehr weiter.
Berichte über schwarze Löcher im All sind beunruhigend. Müssen wir befürchten, eines Tages in einen solchen Schlund zu geraten?
Falcke: Zum Glück nicht. Irgendwann in sehr ferner Zukunft kann das zwar passieren. Aber dann wird die Erde schon nicht mehr existieren. Die Sonne wird eher ausbrennen, als dass wir von einem schwarzen Loch verschluckt werden. Dafür haben wir noch einige Milliarden Jahre Zeit.
«Die grösste Katastrophe, die vor uns liegt, ist natürlich der Klimawandel.»
Welche Gefahren lauern sonst im All?
Falcke: Die grösste Katastrophe, die vor uns liegt, ist natürlich der Klimawandel. Auch Asteoriden, die einschlagen können, sind eine reale Gefahr. Sie haben den Verlauf der Erdgeschichte immer wieder verändert. Diese beiden Phänomene sind die grössten, dringlichsten Probleme. Auf lange Sicht wird das Ausbrennen der Sonne irgendwann kommen. Es kann auch sein, dass ein anderer Stern uns zu nahekommt und uns irgendwann aus der Umlaufbahn schmeisst. Aber auch da reden wir von einem Zeitraum von Hunderten Millionen Jahren.
«Wenn ich über das Weltall predige, dann über seine Grösse und Schönheit.»
Sie sind nicht nur Astrophysiker, sondern auch Prediger. Was predigen Sie denn?
Falcke: Ich bin ordinierter Laienprediger der evangelischen Kirche Deutschlands, habe also auch die Funktion eines normalen Pfarrers im Gottesdienst. Ich predige mit grosser Freude über biblische Geschichten und Erzählungen. Wenn ich über das Weltall predige, dann über seine Grösse und Schönheit, die von der Grösse und Verlässlichkeit des Schöpfers zeugt.
Wo hört Astrophysik auf und wo fängt Religion an?
Falcke: Für mich ist Astrophysik auch Teil meines Auftrags als Christ. Wir haben einen Schöpfungsauftrag, diese Welt – wie den Garten Eden – zu bebauen und zu bewahren. Dazu gehört auch, sie zu begreifen. Wer einen Garten beackert, aber keine Ahnung hat, wie er das tun soll, wird ein fürchterliches Chaos anrichten. Insofern ist es die Aufgabe des Wissenschaftlers zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Auch das All gehört zu dieser Welt, es ist Teil der Schöpfungsgeschichte. Wissenschaft ist für mich als Christ, einen Teil der guten Schöpfung Gottes zu verstehen.
«Unser Wissen vergrössert sich, aber das Mysterium unseres Ursprungs vergrössert sich gleichzeitig.»
Kann es sein, dass die Grenze zwischen Religion und Astrophysik sich verschiebt, je mehr man weiss über das All?
Falcke: Je mehr wir über das All wissen, desto mehr merken wir, was wir nicht wissen. Wir wissen, dass es einen Urknall gegeben hat. Wir wissen aber nicht, wo er herkommt. Wir kennen ungefähr den Entstehungsprozess der Erde. Wir wissen aber nicht, warum die Gesetze der Natur so sind, dass sie diese Entstehung überhaupt zulassen. Unser Wissen vergrössert sich, aber das Mysterium unseres Ursprungs vergrössert sich gleichzeitig.
«Seit Jahrtausenden haben die Menschen Himmelsbeobachtung und Religionen miteinander verbunden. «
Sollten Weltraumforschung und Theologie vermehrt zusammenarbeiten?
Falcke: Eigentlich haben sie schon immer zusammengearbeitet. Denn seit Jahrtausenden haben die Menschen Himmelsbeobachtung und Religionen miteinander verbunden. Der Blick in den Himmel stellt uns fundamentale Fragen und weckt in uns spirituelle Gefühle. Insofern gibt es da Berührungspunkte, auch wenn die Methoden der beiden Disziplinen unterschiedlich sind. Bei Fragen des Ursprungs fehlt allerdings vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern heute die Sprachfähigkeit, über das nicht Messbare zu reden. Da ist ein Gespräch mit Theologinnen und Theologen hilfreich, um zu verstehen, wie man am Rand des Wissens denkt.
Was halten Sie von kommerziellen Weltraumreisen?
Falcke: Das ist die klimaschädlichste Form des Tourismus, die man sich vorstellen kann. Hinzu kommen die Starlink-Satelliten von Elon Musk, die dazu beitragen, dass wir auch den Weltraum zumüllen. Ich denke, wir sollten demgegenüber sehr kritisch sein. Aktuell ist der Weltraum ein Spielplatz für Superreiche geworden. Der Rest von uns guckt da nur zu.
Was wäre eine Alternative?
Falcke: Es braucht Regulierung. Starlink will weltweit Internet-Abdeckung herstellen. Dafür werden Tausende – manche sprechen von Zehn- oder gar Hundertausenden Satelliten – ins All geschossen. Das heisst, der Sternenhimmel wird verschwinden, egal wo man auf der Welt ist. Er wird durch einen künstlichen Himmel ersetzt werden – einen Himmel voller Satelliten. Und dann entscheidet ein Superreicher in Amerika, wer wann wo Internet hat. Deshalb braucht es internationale Absprachen darüber, wie wir den Weltraum nutzen – etwa für Forschung und notwendige Kommunikation. Aber auch der Sternenhimmel als Natur- und Kulturgut muss erhalten bleiben.
Auftritt an der Uni Bern
Heino Falcke referiert am 20. Juni an der Universität Bern zum Thema «Licht im Dunkeln». Dies im Rahmen der Vortragsserie über «Mehr als Sternenstaub?», welche die Schweizerische Bibelgesellschaft veranstaltet. Diese stellt Falcke in der Einladung als einen «international ausgezeichneten Astrophysiker» vor. «Im Jahr 2019 gelang ihm, zusammen mit der Event Horizon Telescope Collaboration (EHTC), dessen wissenschaftlichen Beirat er leitete, eine Weltsensation: die Veröffentlichung des ersten Bilds eines schwarzen Lochs.» An der anschliessenden Diskussion beteiligt sich der evangelische Pfarrer Andreas Losch, der an der Universität Zürich lehrt. Moderiert wird der Anlass von der SRF-Religionsspezialistin Judith Wipf. (rp)
Der Anlass findet am 20. Juni von 19.00 bis 20.30 Uhr im Hörraum S 003 des Gebäudes UniS der Universität Bern statt, Schanzeneckstrasse 1, 3012 Bern.
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