Schlafen in den eigenen vier Wänden bedeutet Sicherheit.
Schweiz

«Housing first» für Obdachlose: «Eine eigene Wohnung macht gesund»

Von der Strasse direkt in die eigene Wohnung, – ohne Vorbedingung. Das ist das Konzept von «Housing first». In Basel haben damit bislang über 20 Obdachlose eine Wohnung erhalten. Thomas Frommherz, Leiter des Projekts, spricht von einer Erfolgsgeschichte. «Nur in vier Fällen wurde den Betroffenen gekündigt.»

Barbara Ludwig

Obdachlose, die Hilfe in Anspruch nehmen, können nicht einfach eine eigene Wohnung beziehen. Sie müssen in der Regel erst beweisen, dass sie die Kompetenz besitzen, selbstständig zu wohnen. «Darum kommen sie zunächst in eine Notunterkunft», sagt Thomas Frommherz. Der 44-Jährige leitet in Basel das Projekt «Housing first», das die Heilsarmee seit 2020 im Auftrag des Kantons und in Zusammenarbeit mit der Sozial-Hilfe Basel-Stadt umsetzt. Ziel des Projekts ist es, langzeitobdachlosen Menschen Wohnungen zu vermitteln.

Thomas Frommherz, Projektleiter "Housing first" in Basel.
Thomas Frommherz, Projektleiter "Housing first" in Basel.

«Im Gegensatz zum gängigen Modell der Unterstützung von Obdachlosen geht Housing first von einem Grundrecht auf Wohnen aus, das man sich nicht verdienen muss», erklärt Thomas Frommherz. Der Prozess der Wiedereingliederung in die Gesellschaft könne damit niederschwellig – eben ohne Vorbedingungen – starten.

«Das macht gesund»

Für die Obdachlosen, die oft an psychischen Krankheiten leiden oder ein Drogenproblem haben, bringe «Housing first» viel: «Man ist sein eigener Herr. Man findet Ruhe, hat einen Rückzugsort. Das macht gesund. Und das soll mit Housing first erreicht werden», sagt der Projektleiter. In einer Notunterkunft sei dies nicht gegeben. Dort teile man sich das Zimmer mit mindestens einer Person und könne den Raum auch nicht selber gestalten.

"Housing first" ermöglicht, das eigene Heim selbst zu gestalten. Blick in ein Wohnzimmer in Basel.
"Housing first" ermöglicht, das eigene Heim selbst zu gestalten. Blick in ein Wohnzimmer in Basel.

Im Laufe der Zeit ist die Zielgruppe erweitert worden. So könnten auch Personen am Projekt teilnehmen, die noch nicht lange auf der Strasse lebten oder «nur» von Obdachlosigkeit bedroht sind, so Thomas Frommherz. «Wir nehmen Personen auf, die über 15 Jahre ohne eigenes Zuhause waren, aber auch solche, die zwischendurch bei Kollegen unterkamen und dann erneut auf der Strasse landeten.»

Wohnungssuche geht heute schneller

Nach der Prüfung der formalen Aufnahmekriterien geht es darum, eine Wohnung zu suchen. «Das geht trotz Wohnungsnot meistens sehr schnell. Innerhalb von ein bis zwei Monaten finden wir eine Wohnung», sagt der Projektleiter. Denn «Housing first» sei es gelungen, einige Partner zu finden, die schnell Wohnungen für Teilnehmende bereitstellen.

Obdachloser Mann auf einer Parkbank.
Obdachloser Mann auf einer Parkbank.

Das darf als Erfolg verbucht werden. In einem Bericht des Regierungsrates von Basel-Stadt vom 21. Juni 2023 hiess es nämlich, von Beginn weg sei es schwierig gewesen, Wohnungen für das Projekt zu finden. Die Sozialhilfe habe eigene Wohnungen zur Verfügung stellen müssen, damit das Projekt überhaupt zum Laufen kam. Zudem habe die Heilsarmee einen Fonds zur Mietzinsgarantie eingerichtet. Das führte zu mehr Vermittlungen auf dem freien Wohnungsmarkt, so der Bericht.

Befürchtungen der Vermieter gemindert

Warum gestaltete sich die Wohnungssuche zu Beginn schwieriger? «Gerade Vermieter haben grosse Vorbehalte gegenüber Obdachlosen. Durch unsere Arbeit konnten wir ihren Befürchtungen entgegenwirken», erklärt Thomas Frommherz. Die Heilsarmee übernimmt in dem Projekt nämlich den Part der Beratung und Begleitung. Mit der Zeit habe man festgestellt, dass es nicht genügt, nur die ehemaligen Obdachlosen zu beraten und begleiten. «Unsere Erfolgsgeschichte wurde möglich, weil wir auch Ansprechpartner für Vermieter, Nachbarn und Angehörige sind.»

Thomas Frommherz berät im Rahmen des Projekts "Housing first" die Mieter (ehemalige Obdachlose), Angehörige, Vermieter und Nachbarn.
Thomas Frommherz berät im Rahmen des Projekts "Housing first" die Mieter (ehemalige Obdachlose), Angehörige, Vermieter und Nachbarn.

Mittlerweile beteiligten sich auch private Vermieter, Wohnbaugenossenschaften und Stiftungen an dem Projekt. Grosse Immobilienverwaltungen stellten jedoch keine Wohnungen zur Verfügung, berichtet der Projektleiter. «Die Eigentümer wollten das nicht.» Die Kirchen als mögliche Wohnungsvermieter hat man nicht angefragt. «Uns war nicht klar, dass Kirchen über Immobilien verfügen.»

«Von den ehemaligen Obdachlosen verlässt keiner seine Wohnung freiwillig.»

Thomas Frommherz, Projektleiter «Housing frist»

Über 20 Personen haben seit dem Start des Projekts eine Wohnung bekommen. «Im Moment haben haben wir 23 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. 22 davon leben bereits in einer eigenen Wohnung.» Die meisten Menschen, die via «Housing first» eine Wohnung fanden, lassen sich noch immer beraten und begleiten.

Der Erfolg von «Housing first» zeige sich auch darin, dass bislang nur in vier Fällen den Betroffenen gekündigt wurde, sagt Thomas Frommherz. «Und von den ehemaligen Obdachlosen verlässt keiner seine Wohnung freiwillig.» Fälle von Verwahrlosung, Gewalt oder Drogenkonsum habe es gegeben, die schliesslich zur Kündigung führten. «Aber nur in seltenen Fällen, das möchte ich betonen.»

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Das «Schwierigste in dem ganzen Prozess» seien die Nachbarn. Dort gebe es noch grössere Vorbehalte als bei den Vermietern, weiss der Projektleiter. Menschen, die lange auf der Strasse gelebt hätten, seien halt teilweise komisch. «Sie haben einen anderen Tagesrhythmus als die arbeitende Bevölkerung. Es kommt vor, dass sie sich seltsam verhalten.»

Nachbarn rufen gleich die Polizei

Thomas Frommherz würde sich mehr Verständnis von Seiten der Nachbarn wünschen für die besonderen Lebensumstände ehemaliger Obdachloser. Und mehr Sozialkompetenz. Die grösste Herausforderung für Nachbarn sei die Kommunikation. «Oft rufen Nachbarn, die sich gestört fühlen, sofort die Polizei oder reklamieren bei der Verwaltung. Statt dass, sie das Gespräch mit dem Betroffenen suchen.»

Laut dem Projektleiter merke man bei 80 Prozent der Menschen, die eine Wohnung bekommen haben, nämlich nicht, dass sie früher auf der Strasse lebten. Thomas Frommherz ist überzeugt: «Housing first wirkt und ist ein wichtiger Beitrag, um Obdachlosigkeit in Europa zu beenden.»

Finanzielle Hilfe durch Staat

Die meisten Menschen, die dank «Housing first» in Basel eine Wohnung gefunden haben, sind arbeitslos und können die Miete nicht selber bezahlen. Grund ist laut Frommherz ein bekannter Teufelskreis: «Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung.» In diesen Fällen unterstützt der Staat mit einer IV-Rente, Ergänzungsleistungen oder der Sozialhilfe.

Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt will das Pilotprojekt 2024 definitiv weiterführen, wie er in dem Bericht schreibt. Darüber entscheiden wird der Grosse Rat.

Stadt Zürich will auch «Housing first» anbieten

Die Stadt Zürich folgt dem Beispiel von Basel bei der Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Das berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» am 27. Dezember vergangenen Jahres. «Grundsätzlich finden wir das Projekt eine sehr gute Idee und stufen es als sehr wegweisend ein», teilt dazu Oliver Kraaz vom Verband römisch-katholischer Kirchgemeinden der Stadt Zürich mit. Ob die Kirche auch Wohnungen zur Verfügung stellen könnte, ist im Moment offen. Der Verband selber besitze nur zehn Wohnungen, sagt der Kommunikationsleiter. «Diese sind aktuell alle vermietet.» Weitere Wohnungen im kirchlichen Besitz gehören den Stiftungen der Pfarreien und Kirchgemeinden. Diese entscheiden laut Kraaz autonom. (bal)


Schlafen in den eigenen vier Wänden bedeutet Sicherheit. | © zVg / Friedel Ammann – Basel
2. Februar 2024 | 17:00
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