Thomas Hürlimann: «Religion wird wieder mehr zu einer persönlichen Angelegenheit»
Er ist ein Schriftsteller, der sein Leben schon früh in religiösen Sphären verbrachte: Thomas Hürlimann. Der 72-Jährige erlebte seine Jugend im Kloster Einsiedeln als Stiftsschüler. Auch in seinem literarischen Werk spielen Gott und Religion als Motive eine Rolle. Darüber spricht der berühmte Schweizer Autor im Interview.
Wolfgang Holz
Herr Hürlimann, wie halten Sie es eigentlich heute mit der Religion?
Thomas Hürlimann*: Ich würde es gern mit der Religion halten. Aber wo ist sie? Die Kirchen sind zu grünlinken Politorganisationen geworden. Das gilt selbst für den Papst, der immer mehr dem Clown Grock gleicht und sich ohne Sinn und Verstand in die italienische Immigrationspolitik einmischt.
Sie haben gesundheitlich bedingt schon existenzielle Nähe zum Jenseits erfahren. Bestärken einen solche Erlebnisse im Glauben?
Hürlimann: Die Religion wird durch das Versagen der Kirchen wieder mehr zu einer persönlichen Angelegenheit. Und natürlich stellt sich ein Mensch, der zum Beispiel vor einer schweren OP steht, die Frage, was ihn im Zeitlosen erwartet.
«Man kehrt im Alter, wenn sich der Kreis zu schliessen beginnt, zurück an die Orte von Kindheit und Jugend.»
Auf Ihrem literarischen Weg haben Sie mit der Verarbeitung Ihrer Vergangenheit als Klosterschüler in Einsiedeln einige Zeit zugebracht. In Ihrem letzten Roman «Der rote Diamant» sind sogar erneut, Jahrzehnte danach, dorthin als Erzähler zurückgekehrt. Ist Einsiedeln ein wiederkehrender Traum Ihrer Fantasie oder ein Trauma, das Sie nicht loslässt?
Hürlimann: Die Geschichte mit dem «Roten Diamanten» wollte ich schon immer erzählen. Als ich dann längere Zeit krank war, las ich mit Vorliebe spannende Bücher, Krimis und Abenteuerromane, und sagte mir: So etwas möchte ich auch versuchen. Zudem kehrt man im Alter, wenn sich der Kreis zu schliessen beginnt, zurück an die Orte von Kindheit und Jugend.
«Die Gesellschaft hat zahllose Götter. Aber der EINE hat sich vermutlich von uns zurückgezogen.»
Sie gelten als religiöser Traditionalist: Sie beklagen die heutige Kreuzvergessenheit, bedauern das Verschwinden der lateinischen Messe, kritisieren transzendentale Obdachlosigkeit. Sind wir eine gottlose Gesellschaft geworden?
Hürlimann: Ach nein, die Gesellschaft hat zahllose Götter. Aber der EINE hat sich vermutlich von uns zurückgezogen.
In ihrem Werk arbeiten Sie mit religiösen Motiven. Sind diese als Momente des Schicksalhaften gedacht oder befeuern diese unsere Fantasie, um sich unseres rätselhaften, unerklärlichen Daseins sinnlich anzunähern?
Hürlimann: Ich kann das selbst schlecht beurteilen. Man schreibt aus jenem Gebiet, aus dem auch die Träume kommen. Und darüber haben wir keine Verfügungsmacht. C.G. Jung nimmt eine Kollektivseele an, die sich etwa heute noch vor Schlangen und Mäusen fürchtet. Und der Mystiker glaubt, dass es möglich ist, Gott zu begegnen. Der Philosoph Henry Bergson meinte, wir würden einem Afrikaforscher selbstverständlich abnehmen, dass er im tiefsten Busch war und wie es dort aussieht – ohne seine Angaben überprüfen zu wollen. Bergson schlug vor, es mit den Mystikern ebenso zu halten. Manchmal versuche ich das.
«Für uns Heutige ist das Universale ein rein physikalischer Raum, durch den die Satelliten von Elon Musk surren.»
Wie meinen Sie das konkret?
Hürlimann: Wenn ich zum Beispiel Johannes vom Kreuz lese, der wunderbare Gedichte schrieb, habe ich das Gefühl, einem Text aus einer anderen Dimension zu begegnen. Als Mystiker ist Johannes von der Kirche verfolgt worden. Sämtliche Mönche eines papsttreuen Klosters haben ihn eine Zeitlang tagtäglich ausgepeitscht – bis ihm die Haut in Fetzen vom Rücken hing. Johannes setzte seinen Weg versus Unum, zum Einen hin, unbeirrt fort. Versus Unum heisst nach Augustinus: Zum einen Gott hin, zum Einen der Seele hin. Aus dem Wort des Augustinus entstanden die Worte «Universum» oder «Universität». Aber eben, für uns Heutige ist das Universale ein rein physikalischer Raum, durch den die Satelliten von Elon Musk surren. Dieser Raum hat mit Gott und Seele, also mit Metaphysik und Transzendenz nichts mehr zu tun – es sei denn, man spricht mit einem Quantenphysiker (lacht).
*Der Schriftsteller Thomas Hürlimann war Klosterschüler in Einsiedeln. Unter dem Motto «Sehnsucht nach dem Ewigen» spricht Hürlimann am Sonntag, 26. November, von 17 bis 18.30 Uhr im Münster in Schaffhausen. Das Interview wurde schriftlich geführt.
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