Churer Priesterkreis verweigert Bischof Bonnemain Unterschrift unter Verhaltenskodex
Der Verhaltenskodex soll «Herzstück» der Missbrauchsprävention im Bistum Chur sein. Doch nun hat der Churer Priesterkreis, rund 40 konservative Geistliche, sein Herz verweigert – und die Unterschrift unter den Kodex nicht geleistet. Bischof Joseph Maria Bonnemain toleriert die Entscheidung: Die Priester würden ja 98 Prozent der Verhaltensregeln akzeptieren.
Wolfgang Holz
«Es geht ja um den persönlichen Umgang der Priester und nicht nur um eine Unterschrift – und der Umgang ist bei allen tadellos». So begründete und argumentierte der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain jüngst im Regionaljournal Graubünden, warum er es hinnimmt, dass der Churer Priesterkreis den Verhaltenskodex nicht unterschreibt.
Dabei hatte es bei der Präsentation des Verhaltenskodexes im April noch anders getönt. Damals hatte Bonnemain klar gemacht, dass Personen, die sich Veränderungen im Bistum gegenüber «resistent» verhalten würden, nicht geeignet seien, «in der Kirche zu arbeiten».
Mit 98 Prozent einverstanden
Nun nimmt der Churer Bischof, der sich zweimal mit dem Priesterkreis zum Gespräch getroffen hat, die Rebellion der Kleriker hin. Schliesslich seien diese Personen mit 98 Prozent des Verhaltenskodexes einverstanden. «Mit ein paar Punkten haben sie Mühe», bekundete Bonnemain in der Sendung, weil diese nicht im Einklang mit der katholischen Lehre stünden. Sagt es und betont im gleichen Atemzug: «Es besteht aber kein Widerspruch zur Lehre.»
Insbesondere die Artikel zur Sexualmoral sind dem Churer Priesterkreis ein Dorn im Auge. Die konservativen Kleriker sind überzeugt, dass die sexuelle Selbstbestimmung beziehungsweise Nichtdiskriminierung von kirchlich Mitarbeitenden in Sachen persönlicher Identität und sexuellen Orientierung gegen das Kirchengesetz verstosse.
Die Sache mit der sexuellen Orientierung
Grund: Die sexuelle Orientierung dürfte dadurch nicht mehr thematisiert werden in der Seelsorge – und folglich könnten Ehedokumente gar nicht ausgestellt werden. Zum anderen unterstellte der Priesterkreis dem neuen Verhaltenskodex, «dass der Diözesanbischof die Hand zum Versuch geboten hat, die LGBT-Ideologie unter dem Deckmantel der Übergriffsprävention in der Kirche zu implantieren und damit die Glaubenslehre der Kirche auszuhöhlen.»
Die Priester verweigern ihre Unterschrift unter den Verhaltenskodex auch, weil das Dokument arbeitsrechtlich relevant sei: Hinter diesen Regeln könne man aber nicht uneingeschränkt stehen. Nicht zuletzt wird es als stossend empfunden, dass der Kodex im Vorfeld nicht mit den Priestern im Bistum diskutiert worden sei.
Klare Minderheit unter den Priestern
2023 sind laut Bistum Chur 310 Weltpriester und 215 Ordenspriester registriert sowie 70 ständige Diakone und 125 Personen als Pastoralassistenz. Die rund 43 «Rebellen» des Priesterkreises machen also klar eine Minderheit unter dem kirchlichen Personal im Bistum aus. Andererseits ist immer wieder von rund 80 Sympathisanten des Churer Priesterkreises zu lesen.
Verhaltenskodex sorgte für Aufsehen
Bonnemain hat mit der Präsentation eines neuen Verhaltenskodex zum Thema Machtmissbrauch im letzten Jahr für Aufsehen gesorgt. Der Kodex beinhaltet Checks und Verhaltensstandards, wie in einer Machtposition zu handeln ist.
Er macht es möglich, Führungspersonen zu kritisieren und Machtpositionen zu regulieren.
Für Stefan Loppacher, Präventionsbeauftragter des Bistums Chur und Mitbegründer des Verhaltenskodexes, ist laut Regionaljournal Graubünden klar, dass in Form der Unterschriftverweigerung vom Churer Priesterkreis signalisiert werde: «Man will keine Reflexion.»
Erfolgsgeschichte geht weiter
Die Erfolgsgeschichte des Verhaltenskodexes scheint indes weiter zu gehen. Jüngst beschlossen «synodal» der Bischofsrat und die Biberbrugger Konferenz – der Zusammenschluss aller landeskirchlichen Körperschaften des Bistums Chur -, im nächsten Jahr die Präventionsarbeit und Sensibilisierung sowie Projekte im Bereich Personalentwicklung, Monitoring und optimierter Berufseinführung fortzuführen.
Bischof Joseph Maria Bonnemain unterstrich bei der Versammlung der beiden Gremien am vergangenen Wochenende, dass seit einem Jahr die Prävention von spirituellem und sexuellem Missbrauch im ganzen Bistum an erster Stelle aller gemeinsamer Schwerpunkte stehe. (woz)
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