Traumabewältigung möglich, Vergebung vielleicht: Restaurative Justiz
Mit Aussprache und Konfrontation zur Heilung? Für die Restaurative Justiz sind die Bedürfnisse der Opfer von Gewaltakten sowie die Verantwortungsübernahme durch die Täterschaft zentral. Der Spielfilm «Je verrai toujours vos visages» zeigt die Chancen und Herausforderungen dieses Ansatzes auf.
Natalie Fritz
«Ich hatte Panik davor, meinem Peiniger auf der Strasse zu begegnen. Ich dachte, er erkennt mich und bringt mich um.» Die ehemalige Kassiererin Nawelle erzählt mit vor Emotionen bebender Stimme von den Ängsten, die sie seit einem Überfall auf ihren Arbeitsort vor mehreren Jahren ständig begleiten und ihr Leben zur Hölle machen. Verständnislos fügt sie an: «Warum macht ihr das?»
Darauf reagiert Nassim, ein junger Häftling, der wegen mehreren bewaffneten Überfällen eine Strafe absitzt. «Du musst keine Angst haben! Auch wenn Du ihn sehen würdest, er liesse Dich in Ruhe. Wir, also die Täter, haben viel mehr Angst vor euch, den Opfern.» Im französischen Spielfilm «Je verrai toujours vos visages» von Jeanne Herry ändert sich durch diese Aussage für Nawelle alles. «Diese paar Worte haben mir mehr geholfen als zig Sitzungen beim Therapeuten», erklärt die ehemalige Kassiererin eine Gruppensitzung später.
Restaurative Justiz stellt Opfer und deren Bedürfnisse ins Zentrum
In Frankreich ergänzen Restaurative Justiz-Massnahmen die Strafprozessordnung seit 2014. Herry zeigt in ihrem Film eindrücklich auf, wie diese in der Praxis umgesetzt werden können. Dabei beleuchtet «Je verrai toujours vos visages» die Geschädigten- sowie die Täterseite und verdeutlicht zudem die Herausforderungen für die Mediatorinnen und Mediatoren.
Im Jahr 2018 hat der Europarat seinen Mitgliedstaaten eine Integration der Restaurativen Justiz in die jeweiligen Rechtssysteme empfohlen. Die Restaurative Justiz möchte einerseits den Geschädigten die Möglichkeit bieten, eine aktive Rolle im Strafprozess zu übernehmen. Es geht in erster Linie darum, den Opfern dabei zu helfen, einen Übergriff zu verarbeiten. Je nach Situation kann es ein zentrales Anliegen der geschädigten Person sein, Gehör für ihre Geschichte zu finden. Andererseits sollen die Täter und Täterinnen Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen und dabei nachzuvollziehen versuchen, was sie bei den Opfern ausgelöst haben. Durch die konkrete Konfrontation mit den eigenen Handlungen soll bei den Täterinnen und Tätern ein Lerneffekt in Gang gesetzt werden, der letztlich auch eine mögliche Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtern kann.
Nachfragen und abschliessen können
Das System der Restaurativen Justiz ist eines der Freiwilligkeit. Keine und keiner muss an einem solchen Austausch teilnehmen, es soll eine Ergänzung zum herkömmlichen Justizsystem darstellen. Die Konfrontation mit Tätern und Täterinnen hilft nicht allen Geschädigten, sie kann je nachdem sogar re-traumatisierend wirken. Für andere widerum stellt die Möglichkeit, Antworten auf plagende Fragen zu erhalten – wie sie etwa Nawelle im Film fordert–, einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer neuen Normalität dar. Eine Aussprache in einem sicheren Umfeld kann den Opfern dabei helfen, abzuschliessen und weiterzugehen.
Je nach Situation finden Restaurative Justiz- Verfahren in Form von Zwei-Parteien-Mediationen oder in Gruppen-Gesprächen statt. Im ersten Erzählstrang von «Je verrai toujours vos visages» steht eine Gruppenintervention im Zentrum, im zweiten eine Zwei-Parteien-Mediation. Bei den Gruppensitzungen treffen Geschädigte und verurteilte Straftäter von ähnlichen Überfällen aufeinander, die Zwei-Parteien-Mediation bringt die beiden Beteiligten eines gewaltsamen Inzests zusammen. Nicht jede Art von Gewalterfahrung kann gleichermassen aufgearbeitet werden: in einem Fall kann es hilfreich sein, sich durch die Gruppe getragen zu fühlen, in einem anderen kann nur eine Eins-zu-eins-Situation funktionieren.
Die Schweiz hinkt hinterher
Die Mediatorinnen und Mediatoren spielen eine wichtige Rolle dabei, wenn es um die Vorbereitung der Beteiligten, die konkrete Gesprächssituation und die Nachbereitung geht. Sie helfen etwa den Opfern dabei, die richtige Form der Auseinandersetzung zu finden und begleiten sie durch den aufwühlenden Prozess. Die Mediatorinnen und Mediatoren sind je nach Land hauptamtliche Spezialistinnen, etwa mit rechtswissenschaftlichem Hintergrund, oder Freiwillige, die entsprechend geschult wurden.
In der Schweiz werden momentan vor allem Freiwillige in solchen Prozessen eingesetzt, die Restaurative Justiz ist (noch?) nicht gesetzlich verankert. Aber es bewegt sich etwas. In der Frühjahressession 2022 hiess der Nationalrat die Motion der Kommission für Rechtsfragen des Ständerats gut, die Restaurative Justiz in den Strafprozess zu integrieren. Aktuell liegt der Vorstoss beim Bundesrat zur Konsultation. Obwohl viele Studien belegen, dass sich die Rückfallquote von Tätern und Täterinnen, die an Programmen der Restaurativen Justiz teilgenommen haben, verringert hat, bleibt eine gewisse Skepsis insbesondere gegenüber der Umsetzung bestehen. Kritikerinnen und Kritiker befürchten einerseits eine Deprofessionalisierung des Justizsystems und andererseits beanstanden sie, dass die «Erfolgsmeldungen» darauf beruhen, dass der Prozess freiwillig sei und entsprechend nur von Tätern besucht werde, die bereits ein Einsehen hätten.
Restaurative Rechtspraktiken gabe es schon immer
Interessant ist, dass die Restaurative Justiz als «neue» Form der Gerechtigkeit gehandelt wird, obwohl solche Konflikttransformationsmethoden seit Jahrtausenden weltweit verschiedenen Gesellschaften regulieren. Um die grundsätzlichen Werte und die daraus abgeleiteten Normen einer Gesellschaft zu bekräftigen, wurden und werden Verstösse dagegen geahndet. Der Täter oder die Täterin wird dazu verpflichtet, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und der geschädigten Person oder Personenkreis eine bestimmte Entschädigung – materiell oder in Form einer Entschuldigung – anzubieten. Man denke etwa an die peinliche Entschuldigung mit Blumenstrauss bei der Nachbarin, nachdem der Fussball ausgerechnet ihr Kellerfenster mit dem Tor verwechselt hat…
Mit Blick auf das Alte und das Neue Testament erkennt man, dass auch hier Restaurative Massnahmen zentral für die Regulierung der Gemeinschaft waren. Rechtsträger in biblischer Zeit waren Familien und Clans, also die Gemeinschaft. Insofern betrifft der Schaden am Individuum immer auch die Gemeinschaft. Aus einer christlichen Perspektive lässt sich die Restaurative Justiz heute als gemeinschaftlicher Prozess der Wahrnehmung, Aufarbeitung und Überwindung einer Gewalthandlung oder eines Unrechts definieren, der die direkt Betroffenen sowie ihr Beziehungsumfeld betrifft.
Was bedeutet Schuld, was kann und will ein Opfer vergeben?
Im Grunde geht es bei solchen Konfliktlösungsstrategien stets darum, dem Menschen die Verantwortung für seine Taten bewusst zu machen und Rechenschaft – bisweilen sogar eine Wiedergutmachung – zu fordern. Ob und in welcher Form eine Vergebung der Schuld Teil des Prozesses ist, ist kulturell unterschiedlich und hängt von diversen Faktoren ab.
Die Kriminologin Claudia Christen-Schneider hat das Konzept der Restaurativen Justiz in die Schweiz gebracht und auch Pilotprojekte etwa in der Justizvollzugsanstalten Lenzburg oder Bostadel verantwortet. Sie ist vom heilsamen Effekt der restaurativen Justiz überzeugt – und zwar für beide Seiten. Deshalb hat sie auch das Schweizer Forum für restaurative Justiz gegründet.
Inwiefern die Restaurative Justiz die Gesellschaft dabei unterstützen kann, Konflikte gewaltfrei zu lösen, das wird sich erst noch zeigen. Der differenzierte Zugang zum Thema in «Je verrai toujours vos visages» ermöglicht einem breiten Publikum einen Einblick in Praktiken der Restaurativen Justiz und konfrontiert es zusätzlich mit komplexen Fragen nach Schuld, Sühne, Vergebung und Resilienz.
«Je verrai toujours vos visages» (FR 2023) läuft aktuell in den Deutschschweizer Kinos. Hier geht es zum Filmtipp.
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