«Patagonia» gewinnt Ökumenischen Preis am Filmfestival Locarno
Der italienische Regisseur Simone Bozzelli wird mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. «Patagonia» bewege sich «zwischen Gewalt und Zartheit, Obsessivität und Selbstentdeckung», schreibt die Jury. Und sie sieht im Film auch «Verwandlung und Hoffnung». Zum 50. Jubiläum der Ökumenischen Jury erhielt István Szabó einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk.
Charles Martig
Im Film «Patagonia» geht es um eine ungleiche Beziehung zwischen zwei Männern. Der unsichere und hilflose Yuri trifft an einem Kindergeburtstag auf den Clown und Artisten Agostino. Für Yuri hat der Freigeist Agostino eine faszinierende Anziehungskraft. Yuri entflieht seinem Alltag und seiner Unsicherheit. Er steigt ins Wohnmobil und lässt sich von Agostino in die Welt der fahrenden Schausteller und Artisten entführen.
Überzeugende und menschliche Geschichte
Die Geschichte dieser Beziehung ist schmerzhaft anzuschauen, weil sie voller Doppeldeutigkeit ist. Agostino nutzt Yuri aus, zeigt sich dominant und beschützend zugleich. Für den jungen Yuri ist es eine Achterbahn der Gefühle. Die Figuren-Konstellation erinnert an Fellinis «La Strada». Doch trotz der Ambiguitäten gelingt es dem Film, die ungleiche Beziehung in eine überzeugende und menschliche Geschichte zu fassen.
«Ihre Beziehung führt beide auf eine gefährliche Reise zu sich selbst. Patagonia bewegt sich zwischen Gewalt und Zartheit, Obsessivität und Selbstentdeckung. Der Film entlässt die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen mehrdeutigen Raum, in dem Verwandlung und Hoffnung möglich sind», begründet die Jury die Auszeichnung. Der Preis ist mit 10’000 Franken dotiert und geht an den Regisseur Simone Bozzelli. Das Preisgeld wird von der Evangelisch-reformierten Kirche und der Römisch-katholischen Kirche der Schweiz zur Verfügung gestellt.
Film aus Rumänien mit besonderer Erwähnung
Neben «Patagonia» erwähnt die Jury den rumänischen Wettbewerbsbeitrag von Radu Jude. In «Do Not Expect Too Much of the End of the World» (Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt) geht es um ein anspruchsvolles und kluges Gesellschaftsporträt in Bukarest.
Dafür vergibt die Jury eine lobende Erwähnung und begründet: «Der Film besticht durch konzise Kapitalismuskritik und seinen selbstreflexiven Modus. Die osteuropäischen Protagonistinnen und Protagonisten behalten trotz der repressiven Arbeitsbedingungen ihre kulturelle Souveränität.»
50. Jubiläum der Ökumenischen Jury gefeiert
Erstmals gab es im Jahr 1973 eine Ökumenische Jury an einem internationalen Filmfestival. Locarno ist deshalb das erste Festival, das die christlichen Filmorganisationen in einer Jury zusammenführte. Seitdem werden die Preise von SIGNIS und INTERFILM gemeinsam vergeben. Die Jury zum 50. Jubiläum bestand aus Petra Bahr (Deutschland, Präsidentin), Micah Bucey (USA), Marie-Therese Mäder (Schweiz) und Joachim Valentin (Deutschland).
Zum 50. Jubiläum der Ökumenischen Jury haben die kirchlichen Filmorganisationen den Regisseur István Szabó zum Filmfestival eingeladen. Er erhielt am 8. August 2023 den Ehrenpreis der Ökumenischen Jury für sein Lebenswerk.
Ehrenpreis für Regisseur István Szabó
Seinen internationalen Durchbruch hatte der Regisseur István Szabó mit «Mephisto» (1981), der ihm einen Oscar einbrachte. Bereits einige Jahre früher hat ihn die Ökumenische Jury von Locarno entdeckt, die ihren Preis im Jahr 1974 an «Feuerwehrgasse 25» vergab. István Szabó war zu dieser Zeit ein wichtiger Vertreter der «Neuen ungarischen Welle».
An der diesjährigen Ausgabe des Filmfestivals trat István Szabó an einem Podium auf und sprach über «Film, Kultur und Spiritualität», gemeinsam mit Ingrid Glatz und den beiden Jurymitgliedern Marie-Therese Mäder und Joachim Valentin. Das Podium wurde als offizielles Event des Filmfestivals Locarno durchgeführt.
Im Rahmen einer Spezialvorführung zeigte István Szabó seinen neusten Film «Final Report» (2020), der im Pala Cinema an einer Europapremiere zu sehen war. Das Publikum nahm den Film sehr gut auf und bedankte sich mit einer stehenden Ovation am Schluss der Vorführung.
Preis der Ökumenischen Jury am Locarno Film Festival 2023
Die Jury der Kirchen hat «Patagonia» von Simone Bozzelli (Italien 2023) mit dem Ökumenischen Preis ausgezeichnet. Die Jury gibt als Begründung an:
«Wo ist der schmale Grat zwischen Abhängigkeit und Freiheit? Wo der zwischen Liebe und Unterwerfung? Zwischen Empathie und Verantwortung? Der verletzliche und behütete Yuri verlässt sein Zuhause, um Agostino zu folgen, einem mysteriösen Künstler voller düsterer Energie. Ihre Beziehung führt beide auf eine gefährliche Reise zu sich selbst. «Patagonia» bewegt sich zwischen Gewalt und Zartheit, Obsessivität und Selbstentdeckung. Der Film entlässt die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen mehrdeutigen Raum, in dem Verwandlung und Hoffnung möglich sind.»
Der Preis ist mit 10’000 Franken dotiert und geht an den Regisseur Simone Bozzelli. Das Preisgeld wird von den Evangelisch-reformierten Kirchen und der Römisch-katholischen Kirche in der Schweiz zur Verfügung gestellt.
Die Jury vergab zudem eine Lobende Erwähnung an «Do Not Expect Too Much of the End of the World» von Radu Jude (Rumänien, Luxemburg, Frankreich 2023). Dazu schreibt die Jury:
«Im Mittelpunkt des Films steht die Castingassistentin Angela, die Tag und Nacht für eine Produktionsfirma auf der Suche nach authentischen Akteurinnen und Akteuren für einen Imagefilm durch Bukarest fährt. Dabei nimmt sie aggressiv-obszöne TikTok-Videos auf, um ihren Frust zu kanalisieren. Am Ende steht eine Filmproduktion, in der Ausgebeutete für das «Whitewashing» eines westeuropäischen Versicherungskonzerns instrumentalisiert werden.»
Die Jury führt in ihrer Motivation weiter aus: «Der Regisseur Radu Jude kombiniert brilliant verschiedene Zeitebenen und Medienformate. Die in schwarz-weiss gedrehten Sequenzen des zentralen Handlungsstrangs werden unterbrochen von einem historischen rumänischen Farbfilm, in dessen Mittelpunkt ebenso eine Taxifahrerin mit ihren existenziellen Fragen steht. Der Film besticht durch konzise Kapitalismuskritik und seinen selbstreflexiven Modus. Die osteuropäischen Protagonistinnen und Protagonisten behalten trotz der repressiven Arbeitsbedingungen ihre kulturelle Souveränität.» (cm)
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