Scientology auf Tiktok: Nährboden für Heilsversprechen
Scientology hat neu auf der Social Media-Plattform Tiktok einen Account. Das könne gefährlich für Jugendliche werden, vor allem für jene, die einen niedrigen oder verletzten Selbstwert haben. «Die Gründe für einen Sektenbeitritt sind vielseitig», meint der Zürcher Jugendseelsorger Mario Stankovic.
Sarah Stutte
Einem «20min»-Bericht nach, hat Scientology neu auf der Social Media-Plattform Tiktok einen Account. Wie schätzen Sie das ein: Sind Jugendliche durch einen Scientology-Auftritt auf Tiktok stärker gefährdet in die Fänge der Sekte zu geraten?
Mario Stankovic*: Es stimmt zwar, dass Scientology bekannt ist für ihre «aggressiven» Missionierungsstrategien und sie Menschen damit bedrängen. Ebenso wissen aber viele Jugendliche über die Taktiken und Inhalte von Scientology durchaus Bescheid.
Allein auf Social Media präsent sein, generiert also noch keine neuen Mitglieder?
Stankovic: Genau. Die Gründe weshalb jemand einer Sekte beitritt – also einer Gemeinschaft, welche die eigene Autonomie im Denken oder Handeln beeinträchtigt – sind oft vielfältig und nicht direkt offensichtlich. Aber ich verstehe natürlich die Sorgen von Eltern, die um die Sicherheit ihrer Kinder bemüht sind.
«Klare Signale zur Gesprächsbereitschaft.»
Was können diese tun?
Stankovic: Wichtig ist eine authentische und regelmässige Gesprächskultur mit den Kindern vor der Pubertät. In der schwierigen Entwicklungsphase der Pubertät braucht es dann klare Signale der Eltern zur Gesprächsbereitschaft, auch wenn diese von den Teenagern abgelehnt werden.
Welche Teenager sind denn für Sektenwerbung besonders empfänglich und wieso?
Stankovic: Es haben natürlich nicht alle Jugendlichen die Unterstützung zuhause, die sie brauchen. Vereinsamung und psychische Erkrankungen haben bei jungen Menschen immens zugenommen. Das ist ein guter Nährboden für Heilsversprechen und alternative Gemeinschaften. Menschen mit einem niedrigen oder verletzten Selbstwert sind im Besonderen gefährdet für diese Art von Aufmerksamkeit.
«In welcher virtuellen Welt leben die Jugendlichen?»
Laut Scientology sollen Minderjährige mit dem Tiktok-Auftritt nicht angesprochen werden, wer dann?
Stankovic: Die grösste Altersgruppe auf Tiktok ist jene zwischen 18 und 24 Jahren. Aber auch Menschen ab 25 Jahren nutzen die Plattform. Daher kann sich Scientology leider gut hinter so einer Behauptung verstecken.
Wie können Jugendliche auf Social Media besser geschützt werden?
Stankovic: Eltern sollten sich grundsätzlich weiterbilden, damit sie verstehen, was ihre Jugendlichen im Netz konsumieren und teilen. In welcher virtuellen Welt sie leben. Mit der oben schon erwähnten Gesprächskultur und Familienstruktur ist eine vorzeitige und längerfristige Begleitung gemeint. Wenn jemand in eine Sekte abrutscht, wird es für Gespräche oft schwierig und es empfiehlt sich bei Behörden Unterstützung zu holen.
«Jugendseelsorge kann als gutes Beispiel voran gehen.»
Wie sollten sich die Medien verhalten?
Stankovic: Keine unnötige Angst schüren. Lieber Aufklären über die unscheinbaren Gefahren auf Social Media – auch in den Schulen. Teil davon sollte auch sein, dass Teenager mit jemandem ihre Privatsphäre-Einstellungen richtig einrichten können. Dabei hilft die lokale Jugendarbeit gerne weiter.
Was kann die Jugendseelsorge hier leisten?
Stankovic: Sie kann mit der eigenen Medienarbeit als gutes Beispiel voran gehen. Eltern können von Jugendseelsorgerinnen und Jugendseelsorgern ermutigt und dazu befähigt werden, zu verstehen, welche Rolle Medienkompetenz heute hat und das über den Medienkonsum gesprochen werden muss.
«Kirche kann alternative Wege zur Spiritualität aufzeigen.»
Als kirchliche Institution können wir für Werte und Rechte einstehen, die in der Gesellschaft vielleicht oftmals vergessen gehen. Das ist nicht lediglich ein «nice to have»: Wenn keine alternativen Wege zur «Spiritualität» von Scientology angeboten werden, hat das Weltbild der Sekte mehr Gewicht.
*Mario Stankovic ist Jugendseelsorger bei der Katholischen Kirche des Kantons Zürich.
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