Liechtensteiner Politikerin: «Bischof Haas hätte seine Sicht darlegen können»
Gemäss Vorgabe von Erzbischof Wolfgang Haas (74) ist der Liechtensteiner Landtag ohne Messe in seine zweite Legislatur gestartet. Den Verlust dieser Tradition bedauern einige Abgeordneten. Sie hoffen auf Post-Haas’sche-Zeiten.
Magdalena Thiele
Noch steht die römisch-katholische Kirche in Lichtenstein qua Verfassung als Landeskirche unter dem Schutz des Staates. Für die zweite Hälfte der Legislaturperiode hat die Regierung sich allerdings die Trennung von Staat und Kirche vorgenommen.
Reichtum leert Kirchen
Die römisch-katholische Kirche geniesse aber nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert in Politik und Gesellschaft, versichert Albert Frick (FBP), Präsident des Liechtensteiner Landtags. Dass die Kirchen auch im Fürstentum nicht mehr überfüllt sind, liege einfach auch am heutigen Reichtum. «Als das Volk noch sehr arm war, waren die Kirchen auch noch voll.»
Deshalb bedaure er es sehr, dass zur heutigen Eröffnungssitzung das traditionelle «Heilig-Geist-Amt zur Eröffnung der Landtagssessionen» seitens Bischofs Wolfgang Haas abgesagt wurde. «Eigentlich sollte man die vermeintlich verlorenen Söhne doch zurückholen. Und sie nicht wegschicken,» sagt Frick. «Die Seelsorge – auch den Politikern gegenüber – kommt hier etwas zu kurz.»
Politiker rät Abgeordnete zu Gottvertrauen
Und so riet ein Politiker anstelle eines katholischen Geistlichen heute den versammelten Abgeordneten, «den Herausforderungen der Landtagsarbeit mit Fleiss und Überzeugung, aber auch mit Gottvertrauen» zu begegnen.
Frick war nicht das einzige Parlamentsmitglied, dass heute Bedauern über die ausgefallene Messe äusserte.
«Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass die Messe abgesagt wird. Auch wenn ich es als Katholikin sehr schade finde», erklärt die Vizepräsidentin des Liechtensteiner Landtags Gunilla Marxer-Kranz (VU). «Es wäre auch eine gute Gelegenheit für den Erzbischof gewesen, seine Sicht der Dinge darzulegen».
Ihr Votum für die «Ehe für alle» sei für sie als Katholikin und studierte Kirchenrechtlerin eines der schwierigsten Voten gewesen, das sie geschrieben hat. Marxer-Kranz hatte sich im Landtag für eine Kompromisslösung von zwei separaten Gesetzen ausgesprochen. Gespannt ist die 50-jährige Politikerin auch auf die Diskussion über die Neuregelung von Kirche und Staat. Diese sei noch für die Legislatur im Landtag angekündigt worden.
«Das war immer ein besinnlicher positiver Start in die Legislatur.»
Dagmar Bühler-Nigsch, Liechtensteiner Landtagsabgeordnete
Auch ihre Parteikollegin Dagmar Bühler-Nigsch kann nicht verstehen, warum ihnen heute die Messfeier verwehrt wurde. «Das war immer ein besinnlicher positiver Start in die Legislatur. Ich verstehe nicht, warum der Erzbischof diesen Gottesdienst abgesagt hat – zumal er ihn ja auch nicht selbst abgehalten hätte, sondern der Dompfarrer von Vaduz», sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder.
Sie habe schon exzellente Predigten von Erzbischof Haas gehört. Gerade deshalb verstehe sie nicht, wie er so eine unversöhnliche Haltung einnehmen kann.
Bühler-Nigsch hatte die «Motion zur Öffnung der Ehe für alle» mitunterzeichnet. Sie könne durchaus verstehen, dass die Kirche die «Ehe für alle» für sich nicht akzeptiert. Aber hier gehe es um die zivilrechtliche Trauung. Die katholische Kirche müsse generell offener werden. Und sie sollte das Verbindende vor das Trennende stellen. «Solange Haas Bischof ist, wird es allerdings keine Fortschritte in diese Richtung geben», sagt Bühler-Nigsch.
Und der Wechsel zeichnet sich ab. Bischof Wolfgang Haas feiert dieses Jahr seinen 75. Geburtstag. Es wird erwartet, dass er sein Rücktrittsgesuch in Rom einreicht. Noch hat er dies allerdings nicht getan.
Wunsch an künftigen Bischof: mehr Austausch
Auch Landtagspräsident Frick sieht der Zusammenarbeit mit einem neuen Bischof für Vaduz schon entgegen. Neben den wichtigen Themen Energieversorgung, Inflation und Demographie sei ein aktiverer Austausch mit der katholischen Kirche wünschenswert, sagt Frick. Mit dem Apostolischen Nuntius in Bern, Martin Krebs, führe er gelegentlich schon Gespräche.
Im Landtag in Vaduz war Erzbischof Krebs bislang aber noch nicht zu Gast. Derweil feiert der Verein «Offene Kirche» in Liechtenstein 2023 sein 25-jähriges Bestehen. Das sei schon eine Art Gegenbewegung gegen den bisherigen Konservativismus im Bistum, meint Frick. Auch hier wünschten sich Katholiken mehr Beteiligung.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




