Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, 2022.
Vatikan

Der Vatikan und seine Ukraine-Diplomatie: Der Chefdiplomat des Papstes

Der Papst ruft unermüdlich zum Frieden in der Ukraine auf. Mit seinen Äusserungen zu den Kriegsparteien fing sich der Pontifex jedoch wiederholt teils heftige Kritik ein. Mittlerweile hat er das Politische fast ganz an seinen Chefdiplomaten abgegeben: Kardinal Pietro Parolin.

Von Anna Mertens

Er will nicht resignieren. Papst Franziskus hält Frieden in der Ukraine weiterhin für möglich. «Aber wir müssen uns alle bemühen, die Herzen zu entmilitarisieren. Wir müssen alle Pazifisten sein. Wir wollen Frieden und nicht bloss einen Waffenstillstand, der vielleicht nur der Wiederaufrüstung dient», sagte das Kirchenoberhaupt jüngst in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung «La Stampa».

«Gemartertes ukrainisches Volk»

Es vergeht keine Woche, in der Franziskus nicht an das «gemarterte ukrainische Volk» oder «das Martyrium der Ukrainer» erinnert. In seinen Audienzen, beim sonntäglichen Mittagsgebet oder per Twitter ruft er zum Einsatz und Gebet für Frieden auf. Zuletzt wandte er sich in einem emotionalen Brief direkt an das «mutige und starke Volk».

Verdorrtes Feld von Sonnenblumen in der Ukraine wegen des Kriegs.
Verdorrtes Feld von Sonnenblumen in der Ukraine wegen des Kriegs.

Er erinnert Christen, Juden und Muslime an den friedensstiftenden Auftrag der Religionen. Er stellt Dialog und Begegnung in den Vordergrund, verurteilt den Wahnsinn, Horror und Irrtum des Krieges.

Und ermahnt jeden, die Ukraine nicht zu vergessen und nach fast neun Monaten Krieg nicht einfach zum Alltag überzugehen.

Kein Mann der grossen Worte

Doch mit politischen Äusserungen hält sich Franziskus seit geraumer Zeit zurück und verweist auf einen anderen: Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Der vatikanische Chefdiplomat scheint in der Ukraine-Russland-Frage für den Vatikan mittlerweile die Regie übernommen zu haben. Der Norditaliener ist kein Mann der grossen Worte. Er steht vielmehr für die stille, hintergründige Diplomatie des Vatikan.

Während am Anfang alle auf klare Äusserungen des Papstes – insbesondere mit Blick auf den Aggressor Russland – warteten, rief das, was er sagte oder verschwieg, immer wieder Kritik hervor. Das reichte von «falscher Zurückhaltung des Papstes» bis hin zu «Russlandsympathien» und einem «nicht angemessenen» Gleichstellen der Kriegsparteien Ukraine und Russland.

Papst Franziskus mit ukrainischer Fahne bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz.
Papst Franziskus mit ukrainischer Fahne bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz.

Als der Papst dann noch die moskautreue russische Propagandistin Darja Dugina nach ihrer Ermordung als «arme junge Frau» betitelte, war die Empörung gross.

Die päpstlichen Äusserungen hatten nicht nur zur Folge, dass die Regierung in Kiew den Papstbotschafter, Erzbischof Visvaldas Kulbokas, einbestellte. Es ging soweit, dass der Vatikan – genauer gesagt das Staatssekretariat unter Leitung von Kardinal Parolin – versuchte, in einer Stellungnahme die Worte des Papstes nachträglich politisch einzuordnen.

«Dramatisches Thema»

Seine Worte zu diesem «dramatischen Thema» seien zu verstehen als «Verteidigung des menschlichen Lebens und der damit verbundenen Werte», hieß es in einer Mitteilung des Heiligen Stuhls Ende August.

«Ich habe nie den Eindruck erweckt, dass ich die Aggression vertuschen wollte.»

Papst Franziskus

Die Papstworte zum Krieg sollten nicht als «politische Stellungnahmen» gelesen werden. Unmissverständlich und direkter als Franziskus je zuvor benannte der Vatikan damals Russland als Aggressor. Der ausgedehnte Krieg in der Ukraine sei «von der Russischen Föderation begonnen worden», so der Text.

«Ich habe nie den Eindruck erweckt, dass ich die Aggression vertuschen wollte», rechtfertigte Franziskus in einem Interview dieser Tage seine Wortwahl der vergangenen Monate.. «Sicher ist der russische Staat derjenige, der einmarschiert; das ist ganz klar.» Manchmal versuche er aber, nicht zu spezifisch zu sein, um nicht zu beleidigen. Er verurteile dann eher allgemein, «obwohl klar ist, wen ich verurteile». Es sei nicht nötig, «dass ich einen Namen und Nachnamen nenne», so Franziskus.

Kritiker sind leiser geworden

Die Kritiker sind leiser geworden. Auch wenn die Ukraine weiterhin und deutlich auf einen Besuch des Papstes in ihrer Heimat drängt. Und weiterhin und deutlich einen Besuch in Russland ablehnt. Franziskus bekräftigt derweil, dass der Vatikan als diplomatischer Vermittler für Friedensverhandlungen jederzeit zur Verfügung stehe – ein Angebot das Russland begrüsst, aber ablehnt.

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, 2022.
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, 2022.

Bei politischen Fragen aber verweist Franziskus immer wieder auf das Staatssekretariat und den stillen Diplomaten Parolin. Dieser beobachte die Lage, bewerte «jede Hypothese und jeden Schimmer, der zu einem Waffenstillstand und echten Verhandlungen führen könnte», erklärte Franziskus. Währenddessen finden weiterhin Treffen und Gespräche mit ukrainischen Vertretern, aber auch mit Vertretern der russischen Seite, vorrangig des Moskauer Patriarchats, statt.

«Wenn der Herr uns bittet, die andere Wange hinzuhalten, bittet er uns nicht, uns der Ungerechtigkeit zu beugen.»

Pietro Parolin, Kardinalstaatssekretär

Doch wie agiert Parolin? Der 67-Jährige mag die grosse Bühne nicht.

Auch Interviews gibt er ungern. Dennoch scheut er nicht zurück vor deutlichen Worten und Taten. So fand ein vielbeachtetes vatikanisch-russisches Treffen mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Rande der UN-Generalversammlung im Oktober in New York wohl auf Parolins Initiative hin statt.

Vollblut-Diplomat

Auch zum Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung findet der Diplomat klare Worte. «Wenn der Herr uns bittet, die andere Wange hinzuhalten, bittet er uns nicht, uns der Ungerechtigkeit zu beugen», sagte Parolin jüngst bei einer Friedensmesse zum 30-Jahr-Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen der Ukraine und dem Heiligen Stuhl. Diskret, doch deutlich und nie polternd. Ein Vollblut-Diplomat. (kna)


Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, 2022. | © KNA
1. Dezember 2022 | 12:16
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