Alarmierend? Goldfische können sich offenbar länger am Stück auf etwas konzentrieren - als der digitale Mensch.
Schweiz

Weil sie kein Handy haben: Goldfische sind länger am Stück aufmerksam als der Mensch

In sechs Tagen erschuf Gott gemäss Bibel die Welt. Da kann die digitale Welt noch nicht mithalten. Und doch scheint das digitale Tempo immer mehr Menschen zu überfordern und zu verändern. Im Kloster Kappel dachte man jüngst darüber nach. Langsam und kontrovers.

Wolfgang Holz

Wussten Sie schon: Goldfische können sich inzwischen länger am Stück auf etwas konzentrieren als wir Menschen. Die friedfertigen Fische verfügen offenbar über eine Aufmerksamkeitsspanne von neun Sekunden. Menschen acht. Das haben irgendwelche Studien ergeben.

Ok. Das ist nur eine Sekunde weniger. Aber der «homo digitalis», der rund um die Uhr ins Handy starrt, hat sich scheinbar in seinem Verhalten verändert. TikTok, Instagram, Facebook, Clouds am virtuellen Himmel, Blockchain und und und… zeitigen Wirkung. Und lassen Menschen nachhaltig kirre.

Benjamin Bargetzi verblüffte die Zuhörer beim Forum Kirche und Wirtschaft im Kloster Kappel mit seinen Digital-Visionen.
Benjamin Bargetzi verblüffte die Zuhörer beim Forum Kirche und Wirtschaft im Kloster Kappel mit seinen Digital-Visionen.

Das zeigte Benjamin Bargetzi – Digital-Experte bei Google und Amazon, der das menschliche Gehirn und seine Psyche in Oxford, London, Singapur und Zürich studierte und untersuchte -, jüngst im Kloster Kappel in einem Referat auf. Die Fachstelle Forum Kirche und Wirtschaft hatte zum Thema «Ethik und Moral in der digitalen Welt – Wer trägt die Verantwortung?» hinter die Klostermauern eingeladen.

Wobei Bargetzi – jung, hip, schnell «denglisierend» und auf nigelnagelneuen weissen Sneakern bestens abgefedert –, offensichtlich keinerlei Probleme mit der digitalen Welt bekundet. Im Gegenteil.

Künstliche Intelligenzen rasend auf dem Vormarsch

Im Stil einer Google-Management-Präsentation machte er seinen verblüfften Zuhörinnen und Zuhörern klar, dass die digitale Welt schon längst Einzug gehalten habe. Sie sei aufgrund ihres rasend schnellen Tempos nicht mehr aufzuhalten. Auch «weil die künstlichen Intelligenzen sich exponentiell immer schneller reproduzieren».

Besinnliche Einstimmung in der Klosterkirche Kappel zur Veranstaltung des Forums Kirche und Wirtschaft.
Besinnliche Einstimmung in der Klosterkirche Kappel zur Veranstaltung des Forums Kirche und Wirtschaft.

Er geriet regelrecht ins Schwärmen, als er dann loslegte. Angefangen von «Metaverse»-Brillen, mittels denen man sich visuell der Sorgen des schnöden, analogen Alltags entledigen könne. Bis zu niedlichen, kleinen Robotern in Japan, die sich um Senioren in Altersheimen kümmern.

Digitale Komfort-Hitliste

Er lobte die Vorzüge des Smartphones, «das zum essentiellen Teil unseres Lebens geworden ist», über den grünen Klee. Per Handy könne man sich den Kaffee zuhause ja schon im Voraus in der Maschine kochen lassen. Oder man ordere sich von «Uber Eat» bereits das Lieblingsmenü frei Haus.

«Sei schnell, mache schlaue Fehler und denke gross!»

Benjamin Bargetzi

Selbstverständlich durfte das autonome Fahren in der digitalen Komfort-Hitliste Bargetzis nicht fehlen. Eben so wenig wie das bequeme Einkaufen im Internet. Wobei ihn ein Zuhörer spontan fast in Descartschem Duktus unterbrach: «Ich denke, wenn ich koche.»

Weibeln für das ewige Leben

Aber auch kühne Zukunftsvisionen von Genombanken zur Verbesserung der Krebsforschung bis zum «Transhumanismus von Mensch und Mensch» tischte Bargetzi auf. Am Ende seines weibelte er für das ewige Leben des Menschen im Stile eines Elon Musk, ermöglicht durch digitalen Fortschritt.

Ein verblüffender Parforce-Ritt durch virtuelle Welten, der zeigte, wie hellwach und intelligent der online-affine Mensch heutzutage tickt. Dass dabei auch Fehler passieren, scheint Bargetzi nicht zu stören. Seine digitale Devise lautet: «Sei schnell, mache schlaue Fehler und denke gross!»

Das Diskussion-Podium zum Thema Ethik und Verantwortung in der Digitalen Welt (v. l.): Peter G. Kirchschläger, Cornelia Diethelm, Matthias Zehnder und Benjamin Bargetzi.
Das Diskussion-Podium zum Thema Ethik und Verantwortung in der Digitalen Welt (v. l.): Peter G. Kirchschläger, Cornelia Diethelm, Matthias Zehnder und Benjamin Bargetzi.

Doch welchen Nutzen hat die Welt und der Mensch von solchen digitalen Entwicklungen? Sind sie moralisch und ethisch noch zu befürworten? Und wer übernimmt die Verantwortung dafür?

«Digi-Nerd» im Gegenwind

Diesen Fragen widmete sich am anschliessenden Podium ein Vierer-Gremium: Peter Kirchschläger, Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik an der Universität Luzern. Cornelia Diethelm, Dozentin und Studiengangsleiterin für Digitale Ethik an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Autor und Medienwissenschaftler Matthias Zehnder. Sowie besagter Benjamin Bargetzi.

Der analoge Wind, der dem «Digi-Nerd» danach entgegenblies, war heftig. Wobei nicht einer Verhinderung technologischer Entwicklungen das Wort geredet wurde. Die Betonung liegt vielmehr auf Kontrolle und Prüfung. «Denn nicht alles was digital möglich ist, ist für die Menschen auch ein Fortschritt», stellte Cornelia Diethelm klar.

Pochen auf Menschenrechtsstandards

Vor allem forderte der Luzerner Sozialethiker – Enkel übrigens des einstigen österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger – «dass die gleichen Menschenrechtsstandards im Internet gelten sollten wie in der realen Welt.» Sagte es und brachte das Beispiel Facebook. Denn Menschen würden sich digital oft anders verhalten als in der analogen Welt.

«Es wurde nämlich nachgewiesen, dass infolge von Hass-Tiraden auf Facebook mehr Menschen in der realen Welt zu Gewaltopfern geworden sind.»

Peter Kirchschläger, Sozialethiker an der Uni Luzern

«Es wurde nämlich nachgewiesen, dass infolge von Hass-Tiraden auf Facebook mehr Menschen in der realen Welt zu Gewaltopfern geworden sind», so Kirchschläger. Doch anstatt dieser Entwicklung entgegenzuwirken, habe man bei Facebook die «Hates» einfach weiter befeuert. «Und zwar einzig allein, um das Geschäft anzukurbeln und Geld damit zu verdienen.» Auch die Produktion digitaler Technik sei oft «schmutzig». Kirchschläger: «Bei der Rohstoffherstellung sind etwa Kinderarbeit und Umweltschäden mit im Spiel.»

Gleiche Restriktionsmassnahmen sind aus der Sicht des Professors angesagt, wenn es um den Schutz und die Sicherheit von Daten geht. «Warum kann man nicht mehr Wert auf zweckgebundene Daten legen, um zum Beispiel zu verhindern, dass bei Videokonferenzen private Daten offenkundig werden.»

Digitale Produktprüfung gefordert

Kirchschläger fordert deshalb auch eine Art digitale Produktprüfung: «Nur um Nützliches von Unnützem zu separieren.» Es gebe ja beispielsweise in der internationalen Pharmawelt auch die gesetzlichen Verfahren zur Produktzulassung, bevor ein Medikament für den Markt freigegeben wird. «So etwas existiert in der digitalen Welt leider noch nicht.»

Urchige Klänge in der Klosterkirche Kappel: Heinz Della Torre spielte auf einem Neverluer-Horn.
Urchige Klänge in der Klosterkirche Kappel: Heinz Della Torre spielte auf einem Neverluer-Horn.

Stichwort Internationalität. Cornelia Diethelm machte klar, dass die Globalisierung solche Kontrollmechanismen erschwere, weil nationale Gesetze nun eben nicht mehr wirken würden. Währenddessen entwickeln besonders in Amerika Firmen digitale Technik rasant weiter, um Geld zu verdienen. Und Konsumenten beispielsweise im diktatorisch regierten China stehen milliardenfach bei Fuss. «Es braucht deshalb unbedingt eine globale Kollaboration», ist sogar Benjamin Bargetzi überzeugt. 

Empörung im Publikum

Im Publikum der Zuhörerinnen und Zuhörer war die Distanz zur digitalen Welt deutlich spürbar. «Das mit dem ewigen Leben ist doch Blödsinn», reagierte ein Besucher emotional. Dies sei dann sowieso nur für eine kleine Elite möglich. «Derweil verhungern in Afrika Millionen.» Ein anderer versicherte: «Das Leben gehört eben zum Sterben.»

«Ich möchte auch gerne ewig leben – aber eben nicht hier.»

Thomas Wallimann, Theologe

Thomas Wallimann, Theologe und Leiter des Instituts für Sozialethik, brachte seinerseits die Religion ins Spiel. Er versicherte dabei, dass keine Weltreligion das ewige Leben auf Erden im Programm habe. «Dabei möchte ich auch gerne ewig leben – aber eben nicht hier.»

Guido Estermann
Guido Estermann

Abendgeläut

Ach, ja. Und da war noch jene besinnliche Einstimmung vor der Diskussionsveranstaltung in der Klosterkirche Kappel. Gotische Gewölbe verströmten historische Geborgenheit. Heinz Della Torre entlockte urchigen Musikinstrumenten archetypische Töne. Ein Sakristan schmiss sich sogar spontan ins Seil, um das Ritual des Geläuts der Abendglocken zu wahren. Skurril. Vor allem sehr beruhigend.

«In Zürich traten dann Sittengesetze in Kraft, die den Leuten fast alles verboten haben, was Spass machte.»«

Guido Estermann

Guido Estermann schliesslich, Leiter der Fachstelle Bildung-Katechese-Medien in Baar, verglich in seinem Grusswort in süffisanter Manier die Digitalisierung mit dem Einzug der Reformation in die sakrale Welt. «Menschengemachte Gesetze ersetzten die göttliche Ordnung der Dinge. In Zürich traten dann Sittengesetze in Kraft, die den Leuten fast alles verboten haben, was Spass machte.»

Das Leben, analog oder digital, ist und bleibt eine Sinnfrage.



Alarmierend? Goldfische können sich offenbar länger am Stück auf etwas konzentrieren – als der digitale Mensch. | © zVg
3. November 2022 | 16:10
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