Die Melodie von «God save the Queen» ist auch die Nationalhymne Liechtensteins
Künftig huldigt die britische Nationalhymne nicht mehr der «Gracious Queen», sondern dem «Noble King». Die Melodie hat auch die Schweiz inspiriert: Bis 1961 sang man hier zu offiziellen Anlässen «Rufst du, mein Vaterland». Und Liechtensteins Nationalhymne basiert nach wie vor auf dem britischen Original.
Raphael Rauch
Mögen Sie das Lied «God save the King»?
Inga Mai Groote*: Es ist sehr vertraut. Und wenn man es in der Fassung von Benjamin Britten bei den Proms hört, ist es schön feierlich. Aber die Melodie ist im Lauf der Zeit mit so vielen verschiedenen Texten verknüpft worden, dass es für mich auch ambivalente historische Assoziationen aufruft, etwa zur wilhelminischen Zeit. Da wurde es mit «Heil dir im Siegerkranz» auf den deutschen Kaiser gesungen.
Was ist an dem Lied musikalisch interessant?
Groote: Es gibt Hymnen, die eher marschartig sind – etwa «Fratelli d’Italia». Oder die sehr kämpferisch klingen wie die Marseillaise. Im Gegensatz dazu ist «God save the King» etwas getragener, harmonisch abwechslungsreicher – und lässt sich mit vielfältigeren Ausdrucksnuancen bearbeiten. Dieser weniger militante Charakter dürfte an der Entstehungssituation liegen: Es war zunächst ein patriotisches Lied für George II., dessen Herrschaft von Aufständen bedroht war, weshalb man dem König göttlichen Beistand wünschte.
«Der Anfang der US-amerikanischen Hymne ist gar nicht so leicht zu singen.»
Eine Hymne muss leicht zu singen sein. Was muss ein Komponist beachten?
Groote: Leicht zu singen heisst ja meistens eingängige Melodiephrasen, die gut in der Stimme liegen, und ein nicht zu schwieriger Rhythmus. Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Der Anfang der US-amerikanischen Nationalhymne «The Star-Spangled Banner» hat so grosse Sprünge, dass er gar nicht so leicht zu singen ist. Vor allem muss aber für eine Hymne die Melodie weit bekannt werden.
Was sich für «God save the King» bestätigen lässt, oder?
Groote: Das sieht man hier sehr schön, weil seit dem 18. Jahrhundert viele Bearbeitungen und Umtextierungen im Umlauf waren, auch in billigen Liederbüchern und Flugblättern. Ihr Erfolg zeigt sich daran, dass sie im Lauf der Zeit so viele Länder für ihre eigenen Hymnen übernahmen – viele Kleinstaaten im 19. Jahrhundert, auch die Schweiz für «Rufst du, mein Vaterland», und Liechtenstein benutzt sie noch heute.
Von Purcell bis zur Rock-Band «Queen» und der Punk-Gruppe «Sex Pistols» haben zig Musikerinnen und Musiker die Melodie zitiert. Was fällt Ihnen an der Rezeptionsgeschichte auf?
Groote: In den früheren Werken wird die Melodie vor allem musikalisch ausgearbeitet. Oder, wie in «Wellingtons Sieg» von Beethoven, mit der Hymnenmelodie nur auf ein Land verwiesen. Im 20. Jahrhundert wirken die Zitate eher ironisch bis sehr kritisch. Debussy hat mit der «Hommage à S. Pickwick Esq. P.P.M.P.C.» ein Stück über eine skurrile Dickens’sche Figur geschaffen. Hier zerbröselt das Pathos der zu Beginn angespielten Hymne. Bei den «Sex Pistols» geht es vor allem um den neuen Text, der England sehr hart angeht.
Was ändert sich, wenn künftig nicht mehr die Königin, sondern der König von England besungen wird?
Groote: Wie Hymnen gesungen und gehört werden, hat sehr viel mit der politischen Kultur zu tun, durch die Musik mit einer bestimmten Bedeutung stark aufgeladen werden kann. Das passiert vor allem durch den Text. Es gibt eigentlich nur die spanische Hymne, die regulär ohne Text gespielt wird. Von «Gracious Queen» zu «Noble King» zu wechseln, meint aber dieselbe Monarchie, die sich nun in einer anderen Person fortsetzt.
Es kommt also auf den Kontext an, wie ein Musikstück wirkt?
Groote: Die grundsätzliche Gemachtheit ist auch schön pointiert in der Version der «Einstürzenden Neubauten» zu hören, die 2014 auf «Lament» herauskam: Da ist es eine Collage aus den britischen, kanadischen und deutschen Hymnentexten, also von drei Nationen, die im I. Weltkrieg gegeneinander kämpften, aber für ihre Hymnen die Melodie von «God save the King» teilten – und am Ende kommt noch eine ganz unernste Parodie hinein. Das verdeutlich sehr ohrenfällig, wie aufgesetzt politische Feindschaften sein können.
* Die Professorin Inga Mai Groote (48) ist Direktorin des Musikwissenschaftlichen Instituts der Uni Zürich.
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