Der Matthäus-Effekt: Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt
Das Gleichnis von den Talenten ist keine Anleitung für Investmentbanker. Es geht um das, was Albert Schweitzer wie folgt auf den Punkt brachte: Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt. Auch Liebe verdoppelt sich, wenn man sie teilt. Wer Nächstenliebe lebt, erlebt einen Matthäus-Effekt.
Matthias Jäggi*
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer.
Meine Frau und ich waren vor einigen Wochen der Elbe entlang unterwegs – durch einsame Auenlandschaften, mit Übernachtung in hübschen, oft mittelalterlichen Städtchen. Meissen, Wittenberg, Tangermünde, Hitzacker und wie sie alle heissen.
Restaurant-Bewertungen im Internet
Unterwegs googelten wir jeweils, wie es am Übernachtungsort kulinarisch ausschaut und reservierten je nach dem einen Tisch. Google Maps bewertet die Restaurants und selbstverständlich liessen wir uns davon beeinflussen. Wir wählten keine Lokale mit einem Rating von 3,6, sondern solche mit 4,5 Punkten und mehr. Vielfach war das Essen tipptopp, gelegentlich Durchschnitt, einmal – obwohl wir ewig gewartet haben – weder gar noch gut.
Die Sache mit den Restaurantbewertungen durch Gäste ist ein Beispiel für den sogenannten Matthäus-Effekt. Wer hat, dem wird gegeben! Aktueller Erfolg, nämlich ein volles Lokal, in dem man reservieren muss, entsteht durch früheren Erfolg, und nicht durch die derzeitige gastronomische Leistung. Ein anderes Beispiel für diesen Effekt: Wer einmal einen spannenden Krimi publiziert hat, hat intakte Chancen, den zweiten ebenfalls gut zu verkaufen, auch wenn der zwischenhinein zum Gähnen ist. Wer hat, dem wird gegeben.
35 Kilogramm Silber: ein Talent war richtig viel Geld
Matthäus-Effekt. Der Begriff wird in der Soziologie verwendet, die das Funktionieren der Gesellschaft beschreibt. Seinen Ursprung hat er aber in der Theologie, genauer in der biblischen Geschichte vom anvertrauten Geld aus dem Matthäusevangelium: Da geht einer ausser Landes. Vorgängig vertraut er seinen Knechten sein Vermögen an. Das war damals gängige Praxis. Dem einen gibt er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eines.
Ein Talent war eine Geldeinheit und entsprach 35 Kilogramm Silber. Ein Talent war also viel Geld. So viel verdiente ein Knecht in 15 bis 20 Jahren. Derjenige, der fünf Talente erhält, handelt damit, riskiert alles – und gewinnt fünf dazu. Der Zweite dito, macht aus zwei Talenten vier. Der Dritte, Typ «sicher ist sicher», verbuddelt sein Talent. Nach damaligem Recht galt das als sichere Aufbewahrungsart. Wäre das Talent geklaut worden, hätte er nicht dafür gehaftet.
«Ich befördere dich!» – «Du fauler Sack»
Nach langer Zeit kommt der Chef zurück und rechnet mit seinen Angestellten ab. «Super gemacht», sagt er zu dem, der aus fünf Talenten zehn gemacht hat. «Ich befördere dich!» – «Super gemacht», sagt er auch zu dem, der aus zwei Talenten vier gemacht hat. «Ich befördere dich!» – «Du fauler Sack», sagt er zu dem, der sein Talent vergraben hat. «Mindestens auf die Bank hättest du das Geld bringen können. Das hätte wenigstens Zinsen gebracht. Her mit dem Talent. Ich will es dem geben, der schon zehn hat. Und dich entlasse ich.» Beförderung, Entlassung. Wer hat, dem wird gegeben, und umgekehrt. Kein Pardon.
Jetzt ist die Geschichte vom anvertrauten Geld ja keine frühe Anleitung für Investmentbanker. Sie ist ein Gleichnis. Gleich wie der Herr seinen Knechten Geld anvertraut, vertraut Gott uns Talente an – Talente im heutigen Sinn des Wortes. Gott begabt uns. Der eine ist sprachbegabt, die andere kann mit Zahlen jonglieren, der eine kann singen, die andere zeichnen, der eine ist handwerklich begabt, die andere ist ein Organisationstalent, der eine kann zuhören, die andere überzeugen.
Unsere Gaben entfalten und nutzen
Gott begabt jede und jeden von uns ganz unterschiedlich. Er legt uns ans Herz, diese Gaben zu entfalten, diese Gaben zu nutzen – und sicher nicht einfach zu verbuddeln. Was, wenn ich trotzdem eine oder mehrere nicht nutze? Der Blick ins Gleichnis, wie Matthäus es erzählt, zeigt: Wer seine Gaben nutzt, dem winkt der Himmel. Wer sie nicht nutzt, ist eben ein Nichtsnutz, dem droht die Hölle. Dort werde Heulen und Zähneklappern sein.
Echt jetzt, Matthäus? Zur Hölle, wer eine Begabung nicht nutzt? Zur Hölle, wer nicht in einem Chor singt, obwohl er singen kann? Zur Hölle, wer nicht einen Verein präsidiert, obwohl er die Gabe der Leitung besitzt? Nein! Und zwar weil das Gleichnis nicht auf unseren Umgang mit allerlei Begabungen zielt, sondern darauf, wie wir uns für das Reich Gottes einsetzen. Es geht nicht ums Geld, es geht nicht um diese oder jene Gabe, es geht um das Reich Gottes. Und da geht es für Matthäus um alles oder nichts.
Wer den Kopf in den Sand steckt, für den ist das Leben schon heute zum Heulen
Mit Jesus ist damals erfahrbar geworden, wie es zu- und hergeht in diesem Reich. Da ist Friede, da ist Gerechtigkeit, da ist Vergebung, da ist Erlösung. Dann ging Jesus sozusagen «ausser Landes», wie es im Gleichnis heisst, ging weg. Irgendeinmal wird er wieder kommen. Bis dahin, für diese Zwischenzeit, hat Jesus uns beauftragt, seine Botschaft zu verkünden. Und diese Botschaft – letztlich die Botschaft der Liebe – gehört nicht verbuddelt oder sonst wie konserviert. Diese Botschaft gehört investiert. Dabei wird niemand überfordert: Es gibt im Gleichnis fünf, zwei, ein Talent. Alle sollen Nächstenliebe so leben, wie es ihnen gegeben ist – aber sie sollen! Sonst drohen Heulen und Zähneklappern.
Mit der Hölle drohen? Ich weiss nicht. Ich deute das Heulen und Zähneklappern so: Wer sein Talent ängstlich vergräbt, wer seine Gabe zur Nächstenliebe lieber wegsperrt – «Es kommt eh nicht gut, es geht eh alles den Bach runter» –, wer sein Talent so verbuddelt und den Kopf in den Sand steckt, für den ist das Leben doch schon heute zum Heulen.
Wo kann ich mit meinen Talenten jemandem etwas zuliebe tun?
Für mich ist dieses Gleichnis eh nicht Drohung im Nacken, sondern Verheissung vor Augen: Ich muss nicht, bis Jesus wiederkommt, einfach warten und durchhalten, sondern ich kann diese Welt mitgestalten. Gott talentiert mich mit der Gabe zur Nächstenliebe! Er traut mir zu, dieses Talent einzusetzen, er traut mir zu, diese Welt zu einem besseren Platz zu machen – auch und gerade in so krisigen Zeiten wie heute.
Das Gleichnis vom anvertrauten Geld ermutigt Sie und mich also, Ausschau zu halten: Wo kann ich mit meinen Talenten jemandem etwas zuliebe tun – ganz konkret? Wem es gelingt, Gottes Liebe, mit der er oder sie begabt ist, weiterzugeben und zu investieren, der wird mit Freude feststellen, dass da auch etwas zurückkommt.
Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer meinte einmal: Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt. Auch Liebe verdoppelt sich, wenn man sie teilt – gerade wie im Gleichnis, wo sich die investierten Talente verdoppeln. Wer Nächstenliebe lebt, erlebt so seinen ganz persönlichen Matthäus-Effekt.
Amen.
* Matthias Jäggi ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Frick.
Bibelstelle: Mt 25,14-30
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