Papst Franziskus betet auf einem Friedhof in Kanada.
Story der Woche

Nach Franziskus’ Kanada-Reise: Schweizer Klöster sollen ihr Inventar überprüfen

Freude, aber auch Enttäuschung: Die Indigenen in Kanada blicken ambivalent auf Franziskus’ Kanada-Reise zurück. Der Schweizer Historiker Manuel Menrath fordert Schweizer Klöster auf, ihr Inventar auf sakrale Gegenstände von Indigenen zu untersuchen.

David Meier

Welche Bilder von Franziskus’ Kanada-Reise fanden Sie besonders eindringlich?

Manuel Menrath*: Ich fand die Reise generell sehr eindrücklich. Der Papst hat sie als Bussreise angetreten und trotz körperlicher Beschwerden sein Versprechen eingehalten, das er indigenen Vertretern im April im Vatikan gegeben hatte. Wir haben gesehen, dass es ihm wirklich ernst war. Die Reise ging ihm nahe, er hat den Schmerz nachvollzogen. Das hat mich beeindruckt.

Mission und Kolonialismus – ein schwieriges Verhältnis: Papst Franziskus mit indigenem Kopfschmuck, einem Warbonnet.
Mission und Kolonialismus – ein schwieriges Verhältnis: Papst Franziskus mit indigenem Kopfschmuck, einem Warbonnet.

War es richtig, dass Papst Franziskus während eines Empfangs einen indigenen Kopfschmuck angezogen hat? Oder wäre es ein Affront gewesen, diesen abzulehnen?

Menrath: Es ist ein Dilemma. Dazu muss ich erklären: Der Adler ist das heiligste Tier vieler indigener Nationen, weil er am nächsten an der Sonne fliegt. Ein Kopfschmuck aus Adlerfedern ist viel bedeutsamer als für uns ein umhängbares Kruzifix.

«Viele Indigene hat das gestört, dass er ohne grosse Verdienste für ihre Gemeinschaft zum ‹Ehrenindianer› wurde.»

Nun zum Problem: Die Cree, die dem Papst den Federschmuck gaben, haben dies als Zeichen des Dankes getan, zudem sind sie katholisch. Viele Indigene hat das gestört, dass er quasi ohne grosse Verdienste für ihre Gemeinschaft zum «Ehrenindianer» wurde. Denn man bekommt den Kopfschmuck normalerweise nicht einfach so, man muss ihn sich verdienen.

Die Cree sind ein indigenes Volk in Nordamerika. Sind sie gespalten?

Menrath: Ja, sogar tief. Wohl die Mehrheit sagte, dass es nicht geht, dass der Papst diesen Kopfschmuck anzieht. Nun muss man aber auch sagen: Hätte der Papst den Kopfschmuck nicht angezogen, dann hätte er wiederum diejenigen Indigenen vergrault, die schon auf seiner Seite sind. Eine Lösung wäre vielleicht gewesen, sich für dieses Geschenk zu bedanken und es nur ganz kurz anzuziehen mit der Bemerkung, dass er nicht würdig sei, einen solchen Kopfschmuck zu tragen.

Das Bizarre an dem Moment war, dass dem Papst ein Symbol aufgesetzt wurde, das die Kirche lange austreiben wollte. Das ist die Ironie der Geschichte. Aber es zeigt, dass die Kultur – zumindest in Teilen – überlebte.

Manuel Menrath (Mitte) in einem Reservat in Ontario, zusammen mit Chief Bart Meekis (l.) und Deputy-Chief Robert Kakegamic.
Manuel Menrath (Mitte) in einem Reservat in Ontario, zusammen mit Chief Bart Meekis (l.) und Deputy-Chief Robert Kakegamic.

Hätte der Papst besser vorbereitet werden müssen?

Menrath: Dem Papst mache ich keinen Vorwurf – aber seinem Beraterstab. Vielleicht hätte man noch mehr Aktivisten einbinden müssen, um ihn auf genau solch heiklen Punkte vorzubereiten.

Es gab unterschiedliche Reaktionen von Seiten der Indigenen. In Maskwacis zeigte eine Vertreterin dem Papst ihren Schmerz und war zornig. Ein alter Inuit sagte hingegen im kanadischen Fernsehen, er könne der Vergebungsbitte des Papstes entsprechen. Ist es total subjektiv, wie der Papst angekommen ist?

Menrath: Ich habe für mein letztes Buch über 100 Interviews mit Indigenen geführt. Sie haben ihre persönliche Meinung nie verallgemeinert und sie immer als eigene Meinung gekennzeichnet.

«Es gibt einige, die den Besuch gut fanden, die meisten sind aber skeptisch.» 

Es gibt einige, die den Besuch gut fanden, die meisten sind aber skeptisch – und die meisten sind erst gar nicht zu den Veranstaltungen mit dem Papst gegangen. Das ist verständlich, wenn man sieht, wie sie ausgebeutet wurden. Kein Wunder haben sie kein Vertrauen in die Kirche! Aber trotzdem: Viele, die am Ende des Lebens angelangt sind und in den Internaten waren, schätzten den Besuch und die Entschuldigung des Papstes. Für sie ist das Kapitel dadurch nicht abgeschlossen, aber sie sehen darin zumindest einen ersten Schritt hin zu einem Dialog.

Warum ist die Entdeckungs-Doktrin problematisch?

Menrath: Mit der Entdeckung Amerikas hat sich aus europäischer Sicht das Denken entwickelt, es gebe ein christliches Grundrecht, das neu entdeckte Land einzunehmen, zu christianisieren und die europäische Kultur zu implementieren. Diese Einstellung haben verschiedene Päpste seit dem 15. Jahrhundert durch Bullen legitimiert. Man liess dabei ausser Acht, dass die Kultur auch in den entdeckten Gebieten sehr hoch entwickelt war. Die Indigenen waren nicht so orientierungslos, wie sie von den Entdeckern beschrieben wurden, im Gegenteil: Sie betrieben Landwirtschaft und hatten weit verzweigte Handelsnetze. Ihre Städte waren teils grösser als das damalige London.

«Ich bedaure, dass der Papst nicht mehr auf indigene Historikerinnen und Historiker gehört hat.»

Bei einem Gottesdienst haben Frauen ein Protest-Plakat enthüllt, auf dem sie ein Ende der Entdeckungs-Doktrin forderten. Hätte sich Franziskus stärker von der Entdeckungs-Doktrin distanzieren sollen?

Menrath: Unbedingt. Ich bedaure, dass der Papst nicht mehr auf indigene Historikerinnen und Historiker gehört hat. Klar, die katholische Entdeckungs-Doktrin ist heute längst nicht mehr in Kraft. Aber diejenigen, die durch den Kolonialismus unter die Räder kamen, wünschen sich eine klare Distanzierung. Denn die Doktrin war Anfang allen Übels. Es hätte keine Konsequenzen für die heutige Lehre der Kirche, wenn sich der Papst offiziell distanziert hätte – es hätte aber vielen Indigenen entsprochen.

Papst Franziskus auf Bussreise in Kanada.
Papst Franziskus auf Bussreise in Kanada.

Erst auf dem Rückflug nach Rom, befragt von einem indigenen Journalisten, hat Franziskus von einem «Genozid» gesprochen. Kam das zu spät?

Menrath: Ja, das hätte schon im Land passieren sollen, dann wäre das auch mehr gehört worden.

Warum ist den Indigenen in Kanada die Rückgabe indigener Kunst- und Kultgegenstände so wichtig? Geht es hier ums Prinzip – oder hat das auch sakrale Gründe?

Menrath: Man muss sich vor Augen führen, dass es keine klare Trennung gibt zwischen Sakralem und Profanem. Die Menschen der First Nations beten beispielsweise, während sie tanzen, die Natur ist ihre Kirche, wenn man so will. In diesem Sinne können auch Kunstgegenstände nicht isoliert gesehen werden – sie bilden eine Einheit mit profanen und sakralen Gegenständen.

«Solche Gegenstände gehören nicht in Museen!»

Die Gegenstände selber gehören immer zum Land. In Arizona beispielsweise machen die Indianer Regentänze. Dazu gebrauchen sie sakrale Gegenstände. Dann macht es keinen Sinn, wenn der Gegenstand im regnerischen London ist, das ist völlig absurd. Ich bin überzeugt: Solche Gegenstände gehören nicht in Museen! Zudem sind sakrale Gegenstände aus indigener Sicht immer noch lebendig, die «Spirits» sind damit verbunden. Diese Geister können nur wirksam sein, wenn sie auf ihrem Land sind.

Vertreter der First Nations in Edmonton.
Vertreter der First Nations in Edmonton.

Auch die Schweiz hat missioniert. Lagern in Schweizer Klöstern indigene Kunst- und Kultgegenstände, die eventuell zurückgegeben werden sollten? An welche Klöster denken Sie?

Menrath: Ich denke an die Niederlassung St. Meinrad des Klosters Einsiedeln. 1854 wurde sie in Indiana gegründet. Bereits in den Jahren ab 1876 machten sich die Benediktiner unter Martin Marty auf, um die Indianer zu missionieren. Er wollte dem Papst unbedingt eine bemalte Büffelhaut schenken. Tatsächlich bekam er eine, auf dem Weg zum Papst ist sie allerdings verschwunden. Wenn diese etwa in Einsiedeln wiedergefunden würde, müsste sie nicht zurückgegeben werden, weil sie wohl ein Geschenk war.

«Es wäre gut, wenn Schweizer Klöster nochmals ihr Inventar überprüfen.»

Man muss nämlich wissen: Das Schenken ist Teil der indigenen Kultur. Weil sie nomadisch lebten, konnten sie nicht viel besitzen und haben Vieles weitergeschenkt, auch an Missionare. So kamen die Missionare in den Besitz sehr persönlicher Gegenstände.

Kloster Einsiedeln
Kloster Einsiedeln

Und wenn das Objekt kein Geschenk war?

Menrath: Sollte beispielsweise eine heilige Pfeife, bei uns als Friedenspfeife bekannt, gefunden werden, dann müsste sie unbedingt zurückgegeben werden. Vor allem, wenn man vermutet, dass der Gegenstand entwendet wurde. Es wäre gut, wenn Schweizer Klöster nochmals ihr Inventar überprüfen.

Wie kann man herausfinden, ob ein Gegenstand geschenkt oder entwendet wurde?

Menrath: Dazu braucht es Provenienzforschung. Es müssen Spezialistinnen und Spezialisten angestellt werden, die herausfinden, ob die Gegenstände geschenkt wurden oder nicht und wie sie in die Klöster und Sammlungen kamen. Wenn man dabei auf Geschenke stösst, muss man sich trotzdem fragen: Macht es Sinn, dass ein Talisman in einem Keller langsam vermodert?

Welche nächsten Schritte sind über die Provenienzforschung hinaus seitens der katholischen Kirche wichtig?

Menrath: Erstens sollte man die Akten und Fotoarchive öffnen. Zweitens sollten die Priester, die in den Internaten Kinder missbrauchten und noch leben, zur Rechenschaft gezogen werden. In diesem Zusammenhang sollte die Kirche unbedingt nochmals eine offizielle Entschuldigung aussprechen und sich auch als Institution schuldig bekennen. Darüber hinaus wäre es wichtig, die Entdeckungs-Doktrin offiziell zu widerrufen – auch wenn sie längst nicht mehr angewandt wird.

«Die Kirche war nicht einfach nur Handlanger des Staates.»

Es sind nämlich nicht nur Individuen, die sich schuldig machten. Im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der Intoleranz, gab es eine intensive Wechselwirkung zwischen Kirche und Staat. Die Kirche war nicht einfach nur Handlanger des Staates. Viele Kulturkämpfer haben sich aktiv darum bemüht, dass der Staat Schulen gründete, die dann kirchlich geführt wurden. Darüber hinaus sollten auch Gelder an die Betroffenen gesprochen werden.

Sehen Sie eine Chance auf Versöhnung?

Menrath: Die ersten zwei, drei Missionarsgenerationen haben sich nicht für die Indianer und ihre Kultur interessiert. Sie interessierten sich nur für sie, wenn sie christlich wurden. Erst danach haben sich die Missionare mit der Kultur der Indigenen befasst. Dies fand seinen Niederschlag im Zweiten Vatikanischen Konzil, das festlegte, dass man auch ausserhalb der Kirche Heil finden kann. Wenn man die ersten Missionierungen nicht mehr verklärt und die Schuld der Kirche im Kolonialismus eingesteht, dann wäre dies ein grosser Schritt.

«Es ist nicht die Botschaft, die sie stört, sondern der Botschafter.»

Was muss geschehen auf dem Weg zur Versöhnung?

Menrath: Im Prinzip geht es darum, das Miteinander innerhalb der katholischen Kirche zu stärken. Die Indigenen sind heute in Reservaten oder Siedlungen sesshaft. Somit funktioniert ihr altes spirituelles Muster nicht mehr. Auch haben viele im Christentum eine neue Heimat gefunden. Es gibt viele Elemente in der Kirche, hinter denen sie als Indianer stehen können. Dazu gehören Gemeinschaft, das gemeinsame Brot-Teilen und die Armenfürsorge. Das ist alles zentral bei ihnen. Es ist nicht die Botschaft, die sie stört, sondern der Botschafter. Dieser muss sich wandeln, er sollte Kritik an der Missionsgeschichte zulassen. Auch sollte man den Indigenen noch besser zuhören.

Delegation der indigenen Völker Kanadas am 1. April 2022 im Vatikan.
Delegation der indigenen Völker Kanadas am 1. April 2022 im Vatikan.

In der dänischen TV-Serie «Borgen» sagt die Premierministerin, Dänemark habe mit der Entdeckung Grönlands den Inuit keinen Gefallen getan. Kann man das auch über die Entdeckung Amerikas sagen?

Menrath: Aus heutiger indigener Sicht kann man das sicherlich sagen. Da ist niemand mehr glücklich mit der Ankunft der Europäer. Viele Indigenen leben wie in der Dritten Welt und leiden an Arbeitslosigkeit, Bildungsferne und Krankheiten. Alkohol und Drogen bestimmen das Leben vieler Indigenen, die Inuit haben eine der höchsten Selbstmordraten weltweit. Die Indianer interessiert in erster Linie, wie es dazu kam, dass sie in den heutigen Umständen leben müssen. Sie machen die Ankunft der Europäer dafür verantwortlich, das ist verständlich.

Sie sind gerade auf einem Jungwacht-Jager. Dürfen dort die Kinder Räuber und Indianer spielen oder ist das für Sie ein No-Go?

Menrath: Das war dieses Jahr kein Thema. Wir haben dieses Jahr «Highland Games» als Motto. Betreffend kolonialisierter Ethnien, wie etwa bei den Indigenen Nordamerikas, sollte man sensibel sein. Wenn man einen Federschmuck anzieht, muss man sich einfach bewusst sein, dass ein solcher besonders für die Sioux heilig ist. Ich bin aber dagegen, solche Dinge grundsätzlich zu verbieten. Die Leute lassen sich nicht sagen, was korrekt ist und was nicht.

«Ich finde es nicht gut, den Begriff ‹Indianer› zu verbieten.»

Es wäre viel besser, ein Bewusstsein zu fördern, damit die Problematik hinter gewissen Verkleidungen, gerade auch an der Fasnacht, erkannt wird und dann von selbst verschwindet. Ich finde es zum Beispiel auch nicht gut, den Begriff «Indianer» zu verbieten. Viele Indigene brauchen den Begriff sogar selber. Zudem ist er im deutschsprachigen Raum nicht negativ belegt, wenn auch kolonial belastet. Über den Begriff kann man aber versuchen, zu den Eigenbezeichnungen indigener Nationen zu führen. Wir sollten keine kontraproduktive «Cancel Culture» betreiben, sondern mehr sensibilisieren für solche Themen und dadurch einige Begriffe neu definieren.

* Manuel Menrath (47) leitet ab diesem Oktober ein Forschungsprojekt zu Indigenen in Kanada an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Zuvor war er Lehr- und Forschungsbeauftragter des Historischen Seminars an der Universität Luzern.

Er wurde 2014 mit einer Dissertation über Martin Marty (1834–1896) promoviert: «Vom Einsiedler Mönch zum Indianermissionar und Bischof in Amerika». Menrath forschte auch zur Geschichte der Cree und Ojibwe im nördlichen Ontario in Kanada. Zudem ist er der Leiter des kulturhistorischen Museums «Haus zum Dolder» in Beromünster.

Warum der Papst von einem Genozid spricht

Kann man von einem Genozid sprechen?

Menrath: Ja! Mit der Entdeckung Amerikas – aus europäischer Sicht gesprochen – kam es zum grössten Sterben in der Geschichte der Menschheit. 1492 lebten zwischen 12 und 15 Millionen Menschen nördlich des Rio Grande, also in Nordamerika. Das waren etwa so viele wie im damaligen Europa. Davon überlebten bis 1890 aber nur etwas mehr als 200’000.

Verschiedene Entwicklungen, etwa grosse Goldfunde in Kalifornien Mitte des 19. Jahrhunderts, führten zu genozidalen Massakern. Zudem wurde den Indianern die Grundlage entzogen, indem man die Bisons fast ausrottete und ihre Stammlande besiedelte. In Kanada setzte die Zertrümmerung der alten Welt und ihrer Kultur erst vor rund 150 Jahren ein.

Also kam die Katastrophe dort erst spät?

Menrath: Wenn man ins 17. und 18. Jahrhundert zurückgeht, dann sieht man: Sowohl Indigene wie auch Europäer haben profitiert. Die indigenen Nationen haben ja bereits gehandelt, mit den Europäern wurde dieser Handel dann global. Lange war es ein Tausch auf Augenhöhe, der für die Indigenen auch ein grosser Segen war. Zum Beispiel brachten die Europäer Metallkessel, das war äusserst praktisch. Die Great Plains hätten auch nie breitflächig durch die Indianer besiedelt werden können, hätten sie nicht Pferde erworben. (dme)


Papst Franziskus betet auf einem Friedhof in Kanada. | © KNA
5. August 2022 | 09:23
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