Frisch geweihter Diakon Martin Rusch: «Die Frage des Frauendiakonats hat mich ständig begleitet»
Martin Rusch (50) ist seit Samstag ständiger Diakon. Dass Frauen nicht Diakonin werden dürfen, findet er falsch. Doch gerade Frauen hätten ihn ermutigt, beim Entscheid, sich weihen zu lassen, auf die Stimme des Gebets zu hören, erzählt der Appenzeller Seelsorger.
Barbara Ludwig
Wie haben Sie Ihre Weihe zum Diakon erlebt?
Martin Rusch: Es war ein sehr ergreifender Tag. Ich habe viel Positives erlebt, aber der Tag hatte auch eine sehr ernsthafte Seite.
Erzählen Sie zunächst vom Positiven.
Rusch: Sehr viele Menschen kamen zur Weihe. In ihren Gesichtern sah ich eine grosse Mitfreude. Mir schien, als würden sie gemeinsam mit mir Ja sagen zum Dienst als Diakon. In den Begegnungen spürte ich die Zusage: «Wir wollen weiterhin mit dir diesen Weg gehen und dich unterstützen.» Das hat mich berührt.
«So reifte mein inneres Ja trotz den aktuellen Zulassungsbedingungen.»
Und inwiefern war es eine ernsthafte Sache?
Rusch: Zum einen bin ich nicht jemand, der auf die Schnelle Entscheidungen fällt, die fürs ganze Leben gelten sollen. Die Frage, ob ich Diakon werden soll, hat mich deshalb über Jahre hinweg und bereits während des Theologiestudiums intensiv beschäftigt. Meine Frau und ich feiern demnächst unsere Silberne Hochzeit. Ich erinnere mich, dass ich mir auch damals viel Zeit nahm, um zu überlegen, ob ich heiraten will und wozu ich damit Ja sage. Zum andern hat mich auch die Frage des Frauendiakonats beschäftigt. Denn ich würde es begrüssen, wenn auch Frauen Zugang zum Diakonat bekämen.
Haben Sie denn gezögert, weil Sie den Ausschluss der Frauen vom Diakonen-Amt ungerecht finden?
Rusch: In der Zeit der Entscheidung hat mich die Frage ständig begleitet. Ich habe sie ganz besonders und bewusst mit vielen Frauen direkt angesprochen. Viele sagten mir, dass ich die Frage nicht vom Reformstau her betrachten, sondern aus der Stimme des Gebets entscheiden solle. So reifte mein inneres Ja trotz den aktuellen Zulassungsbedingungen. Der Wunsch, Diakon zu werden, kam letztlich immer wieder aus meinem Innern.
«Aus weltlicher Sicht mag der Diakon eine Null-Nummer sein.»
Jemand hat mir gesagt, der Diakon in der katholischen Kirche sei eine Null-Nummer, wahrscheinlich in Bezug auf dessen Kompetenzen. Ihre Antwort darauf?
Rusch: Aus weltlicher Sicht mag der Diakon eine Null-Nummer sein. Die gleichen Leute würden vielleicht auch sagen, ein Leben als Priester sei eine Null-Nummer oder die Zukunft der katholischen Kirche. Das kann man so sehen. Mir ging es aber nie um die mit dem Amt des Diakons verbundenen Kompetenzen. Die spielten bei dem Entscheid keine Rolle.
Sondern was?
Rusch: Mir ist Verbindlichkeit wichtig. Ich war 20 Jahre lang selbstständig im Bereich Architektur und Innenausbauplanung. Ich habe es immer geschätzt, einen Vertrag mit einem Kunden oder einem Handwerker mit einem Handschlag zu besiegeln, der bedeutet: «Jawohl, das machen wir miteinander!» Vielleicht ist die Diakonenweihe ein öffentliches und sakramentales Zeichen einer solchen Verbindlichkeit.
Welche zusätzlichen Kompetenzen haben Sie als Diakon, die Sie bislang als Seelsorger nicht hatten?
Rusch: Im Bistum St. Gallen dürfen Seelsorgende taufen, das Evangelium verkünden, predigen, die Kommunion spenden und das kirchliche Begräbnis leiten. Neu kommt nun die Assistenz bei kirchlichen Trauungen hinzu.
Sie dürfen im Gegensatz zum Priester keine Eucharistie feiern. Welche weiteren Kompetenzen verbleiben dem Priester, die Sie als Diakon nicht haben?
Rusch: Das Sakrament der Versöhnung und das Sakrament der Krankensalbung. Die Firmung und das Weihesakrament schliesslich darf nur der Bischof spenden.
«Die Kompetenz des Diakons ist, sich für den Dienst am Nächsten einzusetzen.»
Was verändert sich konkret in Ihrem Alltag dadurch, dass Sie nun Diakon sind?
Rusch: Nicht viel. Ich war bereits vor der Weihe für die Diakonie in Gossau zuständig. Das bleibe ich weiterhin. Vielleicht macht die Weihe den Menschen bewusst, dass es eine Kompetenz des Diakons ist, sich für den Dienst am Nächsten einzusetzen. Hier gibt es etwa den Verein Solidarität Gossau, für den ich mich als Präsident engagiere. Das Sozialwerk der evangelischen und katholischen Pfarrämter in Gossau unterstützt Menschen in schwierigen Situationen.
Haben Sie noch weitere Aufgaben im Bereich der Diakonie?
Rusch: Unsere Seelsorgeeinheit setzt jedes Jahr einen thematischen Fokus in der Diakonie. Dieses Jahr geht es um Demenzerkrankungen. Wir haben verschiedene Anlässe dazu organisiert. Ich führe zudem Seelsorgegespräche mit Menschen und bin in unserem Team für den Kontakt mit diakonischen Organisationen in Gossau zuständig.
«Das Bistum St. Gallen versucht seit Jahren, Frauen und Männer gleich zu behandeln.»
Seit Samstag sind Sie Mitglied des Klerus. Bekommen Sie als Diakon mehr Einblick in die männliche Klerikerkirche?
Rusch: Diesen Eindruck habe ich nicht. Das Bistum St. Gallen versucht seit Jahren, Frauen und Männer gleich zu behandeln – soweit es dem Bischof im Rahmen unserer katholischen Weltkirche möglich ist. Wenn Sie zum Beispiel die Fachstellen des Bistums anschauen, stellen Sie fest, dass dort eine gute Durchmischung herrscht.
Ich stelle mir vor, dass man als Diakon durch die Einbindung in den Klerus zum Beispiel mehr darüber erfährt, was in Rom läuft.
Rusch: Vielleicht gebe ich Ihnen in zehn Jahren eine andere Antwort. Aber im Moment glaube ich nicht, dass es so ist.
Die Ehefrau eines Mannes, der Diakon werden will, muss zustimmen. Wie hat Ihre Frau auf Ihren Wunsch, Diakon zu werden, reagiert?
Rusch: Sie ist damit völlig einverstanden. Ich habe Ihnen erzählt, dass bei mir der Prozess Jahre dauerte und keine einfache Entscheidung war. Sie hat alles mitbekommen und war immer die Erste, mit der ich darüber sprach.
«Als ich ein Burn-out hatte, haben mir drei Dinge geholfen.»
Sie führten während 20 Jahren ein eigenes Unternehmen und liessen sich parallel dazu in kirchlichen Berufen ausbilden. Warum wollten Sie nicht mehr als Unternehmer tätig sein?
Rusch: Es war nicht so, dass ich von Anfang an daran dachte, das Unternehmen aufzugeben. Doch eine Zeitlang arbeitete ich zu viel für die Firma. 2006 hatte ich deswegen ein Burn-out. Drei Dinge haben mir damals geholfen: Ich hatte eine tolle Frau und Familie sowie ausgezeichnete Ärzte, zudem konnte ich aus dem Glauben Kraft schöpfen. Das führte dazu, dass meine Frau und ich uns gemeinsam auf die Suche machten nach religiöse Kursen oder Weiterbildungen. Das Ziel war zunächst nicht, den Beruf zu wechseln. Denn die Tätigkeit als Architekt gefiel mir gut. Erst nach dem vierjährigen Studiengang Theologie und dem Theologiestudium mit einem Masterabschluss fand ich: «Jetzt habe ich so viel investiert. Theologie als Hobby, das ist nun vorbei.»
*Martin Rusch (50) stammt aus Gonten AI. Der Appenzeller hat eine Ausbildung als Schreiner und Techniker der Holzfachschule. Rusch hat neben seiner Tätigkeit als Unternehmer im Bereich Architektur und Innenausbau ein Theologiestudium in Chur absolviert. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Seit 2020 ist er in Gossau SG als Seelsorger tätig. Am Samstag, 9. Juli, hat ihn Bischof Markus Büchel zusammen mit drei anderen Männern in der Kathedrale St. Gallen zum Diakon geweiht.
Diener der Gemeinschaft
Die katholische Kirche kennt ein dreistufiges Weiheamt: Diakon, Priester und Bischof. Das Diakonat ist die erste sakramentale Weihestufe. Künftige Priester werden vor ihrer Priesterweihe zum Diakon geweiht und damit Kleriker. Das Zölibatsgelübde wird bereits bei der Diakonenweihe abgelegt.
Daneben gibt es aber auch das Amt des ständigen Diakons, das verheirateten Männern ab 35 Jahren mit Zustimmung der Ehefrau offen steht. Es wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) als eigenständiges Amt der Kirche wiederhergestellt. Ständige Diakone sind in Predigt, Katechese und Bildung, im liturgischen Dienst und vor allem im Dienst an der Gemeinschaft tätig. Der Begriff «Diakon» kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Diener». (bal)
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