Plötzlich ist eine russische Fahne im Gottesdienst zu sehen.
International

Orthodoxes Ostern in Jerusalem: Schlägerei zwischen Russen- und Ukrainerfreunden

Der Berner Pfarrer Christoph Knoch ist zurzeit in Jerusalem. Er hat den orthodoxen Karsamstag in der Jerusalemer Grabeskirche erlebt. Es kam zu einem Tumult, als plötzlich die russische Fahne zu sehen war.

Christoph Knoch*

Über 11’000 Menschen hätten sich vor Corona in der Anastasis zur Zeremonie des «Heiligen Feuers» am Karsamstag versammelt, nie sei es gefährlich gewesen, so betonen die Vertreter der Kirchen. Nach den über 40 Toten bei der Massenpanik am Berg Har Meron im April 2021 wollten die israelischen Behörden nichts mehr riskieren.

Vorwurf: Eingriff in die Religionsfreiheit

Sie haben ohne grosse Rücksprache mit den Kirchen die Zahl der Teilnehmenden auf weniger als einen Zehntel früherer Jahre reduziert. Das Sicherheitsrisiko sei bei nur einem einzigen offenen Zugang zur Kirche viel zu gross. So die offizielle Begründung.

Lichtermeer in der Grabeskirche in Jerusalem.
Lichtermeer in der Grabeskirche in Jerusalem.

Das sei ein Eingriff in die Religionsfreiheit, liessen die Kirchenvertreter unisono verlauten und protestierten heftig. Nach intensiven Verhandlungen vor dem Obersten Gericht wurde schliesslich ein zweiter Zugang geöffnet und 4’000 Tickets für Armenier, Griechen, Kopten, Russen und Syrer festgelegt, wie «HaAretz» berichtet.

«Sei um 8.30 Uhr am Zionstor!»

Etliche Pilgergruppen, die nach dem Ende der Corona-Pandemie voller Begeisterung ins Heilige Land gekommen sind, kamen nur bis zu den Absperrungen, die Polizei und Militär in den engen Strassen zum christlichen Viertel eingerichtet hatten. Enttäuschung, Wut und blanke Nerven führten zu wenig besinnlichen Szenen. 

«Sei um 8.30 Uhr am Zionstor! Und nimm etwas zu essen und zu trinken mit.» So schärfte mir mein armenischer Freund ein, als er mir am Vorabend des verrückten Samstags eines der begehrten Tickets um den Hals gehängt hatte. Wir «Armenier» waren eine überschaubare Gruppe mit Zugang zu Café und WC im armenischen Viertel. 

Von Minute zu Minute füllt sich der Raum

Punkt 11 Uhr setzten sich die Pfadfindergruppen mit Trommeln, Dudelsäcken, Fahnen und dem obligaten Osterkerzenbündel in Bewegung. Wer es bis in die Grabeskirche geschafft hatte, wurde je nach Badge in «Armenier», «Griechen» und «Russen» aufgeteilt. Als «Armenier» konnte ich lange Zeit in der oberen Kapelle im für den armenischen Patriarchenvertreter reservierten Abteil stehen.

Von Minute zu Minute füllte sich der Raum um die Grabkapelle, stoisch ruhig wachen zwei Armenier, zwei Griechen, ein Franziskaner über den seit 1847 festgelegten «Status quo» am Eingang zum vor wenigen Jahren renovierten Grab Jesu. 

Plötzlich ist eine russische Fahne zu sehen

Die wie bei einer Hochzeit tanzenden und trommelnden griechisch-orthodoxen jungen Männer brachten sie nicht aus der Ruhe. Auch die von den Tänzern entrollte russische Fahne liess sie unberührt. Jetzt wurde es rasch lauter. Beifall oder Missfallen?

Plötzlich ist eine russische Fahne im Gottesdienst zu sehen.
Plötzlich ist eine russische Fahne im Gottesdienst zu sehen.

«Wo bleibt die Ukraine?», murmelten ein paar in meiner Nähe. Als kurz eine ukrainische Fahne zu sehen war, kam es zur Schlägerei. Sicherheitsleute trennten die beiden Gruppen rasch. 

Feier mit Patriarch Theophilos III.

Einen halben Stock tiefer und nur mit einem Blick von der Seite auf die Grabkapelle wurde es für mich nun eng und enger, doch Standfestigkeit und Geduld zahlten sich aus.

Patriarch Theophilos III.
Patriarch Theophilos III.

Dreimal umrundeten die Delegationen aus Priestern, Mönchen und Laien mit dem eher kleingewachsenen griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III. die Aedicula der Grabkapelle. Als er in der Grabkapelle verschwand, legte sich der Lärm ein wenig und die armenischen Pilgerinnen neben mir versanken in Gebet und Meditation.

Ohne Feuerzeug – aber mit Feuerwehr

Schliesslich geschah – wie alle Jahre – das Wunder und Theophilos trug das erste Kerzenbündel aus der Grabkapelle. Ein unbeschreiblicher Jubel folgte: «Christus anesti», «Mesih kam», «Christus woskrese» «Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!» Überwältigend, unvergesslich. Auch für den eher nüchternen protestantischen Beobachter. 

Das Licht breitete sich in Windeseile aus, der Rauch gefühlt noch schneller. Und ich frage ich mich, wie 11’000 Menschen mit Kerzen lebend und atmend aus der Auferstehungskirche ans Tageslicht kommen können? Es hiess, dass 2022 «nur» 6’000 Menschen dabei waren. Der grosse, freundlich blickende Feuerwehrmann meinte, es sei halt alle Jahre so. «Und dieses Jahre haben weder Kleider noch Haare Feuer gefangen.» Zum Glück!

Der reformierte Pfarrer Christoph Knoch ist zur Zeit in Jerusalem. Er war bis vor kurzem Pfarrer in Muri-Gümligen.


Plötzlich ist eine russische Fahne im Gottesdienst zu sehen. | © Christoph Knoch
25. April 2022 | 17:25
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