Spanische Kirche: Rückgabe von knapp 1000 Grundstücken wird möglich
Es geht um ein Millionen-Vermögen. Spaniens Kirche eignete sich wohl über die Jahre unzählige Grundstücke an. Die ehemaligen Besitzer fordern diese zurück. Eine Auflistung soll nun Klarheit schaffen.
Manuel Meyer
Kirchen, Kathedralen und Kapellen, aber auch Pfarr- und Schulhäuser, Plätze, Brunnen, Krankenhäuser, Weinberge, Sport-Arenen und Stadtpaläste. Die Bausubstanz auf Grundstücken der katholischen Kirche in Spanien ist üppig. Doch wie rechtmässig ist das Eigentum? Schon seit Jahren fordern Städte, Gemeinden und Privatpersonen von der Kirche wichtige Kulturgüter und Immobilien zurück.
Regierung stellte Ultimatum
Der Druck war zum Schluss so gross, dass die spanische Regierung der Kirche vor über einem Jahr ein Ultimatum setzte: Sollte es die Kirche nicht tun, werde der Staat eben die Eigentumsrechte kirchlicher Immobilien prüfen und die Kirche notfalls enteignen.
Die Kirche erklärte sich daraufhin kooperationsbereit. Zwar liege keine vollständige Liste aller Liegenschaften und Gebäude vor, doch werde man mit der Regierung zusammenarbeiten, um Zweifel über die Rechtmässigkeit von Besitzverhältnissen auszuräumen, erklärte damals Jose Maria Gil Tamayo, Sprecher der spanischen Bischofskonferenz.
Kardinal übergibt Liste
Nun hat die Kirche Wort gehalten: Am Montag übergab der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Kardinal Juan Jose Omella, dem sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez bei einem Treffen eine Liste mit allen Liegenschaften und deren Besitzverhältnissen.
Gut 1000 Immobilien unrechtmässig bei Kirche
Ergebnis: Die Kirche schrieb in Spanien seit 1998 rund 35’000 Immobilien und Plätze in die Grundbücher, von denen etwa 20’000 dem Kult gewidmet sind wie Kathedralen, Kirchen und Kapellen. Von diesen 35’000 Immobilien gehörten jedoch 965 tatsächlich nicht der Kirche. Kardinal Omella erklärte die Bereitschaft, die Grundstücke ihren rechtmässigen Besitzern zurückzugeben.
Hin und Her mit dem Besitz
Die Katalogisierung der Immobilien und Kulturgüter war keine leichte Aufgabe. Die meisten Gotteshäuser stammen aus dem Mittelalter, als es noch gar keine Grundbücher gab. Der Lauf der Geschichte verkomplizierte die Prüfung der Besitzansprüche noch.
In der Zweiten Spanischen Republik und im Zuge des Spanischen Bürgerkriegs wurden mehr als 200 Kirchen in Spanien einfach per Dekret dem Staat übertragen. Danach konnte die Kirche unter der Franco-Diktatur (1939-1975) wiederum Gebäude ins zivile Grundbuchregister als Kirchengut eintragen lassen. Voraussetzung war lediglich die Unterschrift des regional zuständigen Bischofs.
Proteste seit 2013
Diese Praxis wurde zwar 1998 von der damaligen konservativen Regierung aufgehoben. Doch bis 2015 übertrug die Kirche Tausende Besitztümer auf normalem Wege in die staatlichen Grundbücher. Die Proteste und Rückforderungen nahmen seit 2013 an Fahrt auf. Der Auslöser: Die Moscheen-Kathedrale von Cordoba, Unesco-Weltkulturerbe. Unter dem Motto «Kathedralmoschee von Cordoba: Das Erbe aller» startete eine Gruppe von Geschichtsprofessoren, Juristen und Journalisten eine Initiative, um die angeblich «juristische, wirtschaftliche und symbolische Vereinnahmung» des Baus durch die Kirche zu stoppen.
Die Cordoba-Frage
Die Gruppe warf dem Bischof von Cordoba vor, still und heimlich die muslimischen Symbole aus der Kathedrale entfernen zu lassen und die Eintrittsgelder zudem nur in die Kirchenkassen fliessen zu lassen, obwohl die Kirche den Bau 2006 «illegal» auf ihren Namen ins Grundbuch habe eintragen lassen.
Die Moschee stammt aus dem 8. Jahrhundert. Erst nach der Reconquista, der Rückeroberung Spaniens durch die katholischen Könige bis 1492, wurde die Hauptmoschee des Kalifenreichs in eine Kirche umgewandelt. Damit müsste das Gebäude eigentlich im Staatsbesitz sein, argumentiert der Geschichtsprofessor Antonio Rodriguez Ramos, Mitinitiator der Bürgerbewegung, die sich gegen die Vereinnahmung der Moschee durch die Kirche einsetzt.
Eintritte in Millionenhöhe
Auf dieser Argumentationsbasis erhoben sowohl die andalusische Regionalregierung als auch die Stadt Cordoba Besitzanspruch an dem historischen Moscheebau – mit 23’000 Quadratmetern einer der grössten der Welt – der jährlich Eintrittsgelder in Millionenhöhe einbringt. Die Initiative breitete sich schnell über ganz Spanien aus.
Startschuss für Aufarbeitung
Nach der neuen Katalogisierung der Immobilien erklärte sich Kardinal Omella am Montag bereit, der spanischen Städte- und Gemeindevereinigung in den kommenden Tagen die aktualisierte Eigentumsliste zu übergeben. Es ist davon auszugehen, dass weitere Klage folgen, da zahlreiche Kläger die von der Kirche «vereinnahmten Gebäude» für sich beanspruchen. Die Veröffentlichung der Grundbuchdaten wird der Startschuss einer legalen Aufarbeitung der tausendfachen Grundbucheintragungen durch die Katholische Kirche sein, die landesweit die Gerichte beschäftigen wird. (kna)
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