Kardinal Pietro Parolin sprach per Livestream an der Tagung zur Theologie der Verletzlichkeit am 7. November 2020 in Lugano
Schweiz

Kardinal Parolin macht auf die Bedeutung der Verletzlichkeit aufmerksam

Menschenwürdiger kann eine Gesellschaft nur werden, wenn sie die Verletzlichkeiten von Mensch, Natur und Gemeinschaft viel ernster nimmt. Dies sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in einem Video-Vortrag an der Universität Lugano.

Die «Wiederentdeckung naturgegebener Vulnerabilität muss eine zentrale Rolle spielen, wenn nach der Pandemie neue Formen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenlebens geschaffen werden sollen», so Pietro Parolin am Samstag in seiner Rede. Der Kardinalstaatssekretär ist nach dem Papst der mächtigste Mann im Vatikan.

Gegensatz zum Allmachtswahn

Würden Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftlicher Umgang tatsächlich Verletzbarkeit und Schwachheit als grundlegende Komponente ernst nehmen, wäre dies eine «epochale Wende». Vulnerabilität, Anfang des 20. Jahrhunderts zuerst als Verletzbarkeit der Natur thematisiert, stehe in direktem Gegensatz zum Allmachts- und Perfektionswahn des industriellen und globalisierten Menschen. Dieser habe für Schwachheit und Verletzlichkeiten oft nur Verachtung über.

Zivilisation des Mitgefühls entwickeln

Die Pandemie aber zeige, wie viel Unsicherheit, Angst und Unvorbereitetheit selbst in reichen, organisierten Gesellschaften vorherrscht. «Um uns zu retten, müssen wir die Welt anhalten», so der Kardinalstaatssekretär, «aber mit einer Welt im Stand können wir auch nicht leben.» Daher gelte es nun, «mit moralischer Leidenschaft» eine «Zivilisation des Mitgefühls» zu entwickeln und sich eigener Schuldverstrickung bewusst zu werden.

«Geburt und Sterben sind die schwächsten Momente im Leben eines Menschen.»

Die Bibel lenke bereits in ihren ältesten Büchern den Blick auf die Kleinen und Schwachen, die Gott besonders achte. Das Christentum, das sich auf den als Säugling im Stall geborenen und am Kreuz hingerichteten Jesus Christus beruft, könne von solcher Verletzlichkeit nicht absehen. Das müsse der christliche Glaube jetzt neu und verstärkt verkünden.

«Geburt und Sterben sind die schwächsten Momente im Leben eines Menschen. Zugleich sind sie jene, die am ehesten auf unsere Transzendenz verweisen», sagte der Kardinal weiter.

Schweiz-Besuch abgesagt

Ursprünglich wollte Parolin persönlich in die Schweiz kommen. Anlass für den geplanten Besuch war das 100-jährige Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Eidgenossenschaft. Der 100. Jahrestag ist der 8. November. Wegen steigender Infektionszahlen war die Reise mit mehreren Stationen abgesagt worden.

Den Vortrag in Lugano hielt Parolin anlässlich eines Studientags des 2019 gegründeten «Lehrstuhls Eugenio Corecco», benannt nach dem früheren Luganeser Bischof (1986-1995). Stiftungsvorsitzender ist Mailands Alterzbischof, Kardinal Angelo Scola. Der Studientag an der theologischen Fakultät Lugano ist der «Vulnerabilität als erneuerter Perspektive menschlicher Würde» gewidmet. Das Thema Vulnerabilität erfährt seit einigen Jahren in zahlreichen Wissenschaften eine gesteigerte Aufmerksamkeit. (cic)


Kardinal Pietro Parolin sprach per Livestream an der Tagung zur Theologie der Verletzlichkeit am 7. November 2020 in Lugano | © screenshot youtube.com
7. November 2020 | 14:25
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Verwundbarkeit als Schwäche und Ressource

Vulnerabilität – «Verwundbarkeit» oder «Verletzbarkeit» – wird seit einigen Jahren in verschiedenen wissenschaftlichen Fachrichtungen als systematische Kategorie verwendet. Disziplinen wie Ökonomie und Geografie ebenso wie Medizin, Soziologie, Psychologie, Theologie, Ökologie und Informatik untersuchen auf unterschiedliche Weise leicht verletzbare Regionen, Personen, Systeme, Gruppen.

In der christlichen Theologie gründet das Konzept der Vulnerabilität auf der Tatsache, dass der allmächtige Gott in Jesus von Nazareth ein verwundbarer Mensch wurde: von seiner Geburt als schutzloser Säugling in einer Krippe bis zum Foltertod am Kreuz. Aus diesem Wagnis Gottes, sich freiwillig verwundbar zu machen, so ein Gedanke, erwächst eine andere Art von Macht, die Leben stiftet, befreit und beflügelt.

Verwundbarkeit und Selbstschutz

Da menschliches Leben und Gemeinschaften sich gleichzeitig gegen Verletzungen schützen müssen, braucht es beides, Verwundbarkeit und Selbstschutz. Wo gilt es, sich selbst und die eigene Gemeinschaft zu schützen? Wo ist es notwendig, eigene Verwundung zu riskieren? Die Probleme, die dabei untersucht werden, reichen von Missbrauch zu Migration, freiheitlichen Gesellschaften und Terror, körperlichen und geistigen Behinderungen oder interkulturellen Begegnungen.

In der deutschsprachigen Theologie widmet sich aktuell vor allem die Würzburger Theologin Hildegund Keul dem Thema. Derzeit leitet sie unter anderem ein theologisches Forschungsprojekt zur Vulnerabilität. (kna)