Die Mondfinsternis als Zeichen Gottes, wie lebendig das Universum ist
Chur, 27.7.18 (kath.ch) Am Freitagabend ist am Himmel über der Schweiz eine totale Mondfinsternis zu beobachten. Was früher als Zeichen für den nahenden Weltuntergang gedeutet wurde, wird heute als schönes Naturschauspiel erlebt. Der Sozialdiakon Martin Jäger ist Mitglied bei der Astronomischen Gesellschaft Graubünden. Im Interview erklärt er, inwiefern das Ereignis für ihn dennoch auch eine spirituelle Dimension hat.
Sylvia Stam
Geht am Freitagabend die Welt unter?
Martin Jäger (lacht): Nein, es sei denn, heute würde ein Meteorit oder ein Astroid (astronomische Kleinkörper, d. Red.) entdeckt, der knapp an der Sonne vorbeifliegt und die Erde sechs Stunden später treffen würde. Das ist in den letzten 65 Millionen Jahren allerdings nicht vorgekommen.
Was passiert denn am Freitagabend genau?
Jäger: Es findet eine totale Mondfinsternis statt. Das bedeutet, dass Sonne, Erde und Mond für eine begrenzte Zeit genau auf einer Linie liegen. Die Erde wirft somit einen Schatten auf den Mond. Dieser Schatten ist jedoch nicht ganz dunkel, weil die Erde eine Atmosphäre hat. Das Sonnenlicht wird durch die Atmosphäre gebrochen und gestreut. Dadurch bekommt der Mond eine wunderschöne rote bis karminrote Farbe.Das nennt man dann Blutmond.
Jäger: Ja, das ist wie bei einem Sonnenuntergang. Das Licht der Sonne wird durch die Atmosphäre gestreut und die blauen Lichtanteile werden blockiert, was die rote Färbung bewirkt.
In der Offenbarung des Johannes ist von einem blutroten Mond die Rede. Können Sie nachvollziehen, dass solche astronomischen Phänomene mit dem Ende aller Zeiten in Verbindung gebracht wurden?
Jäger: Ich verstehe, dass man solche Befürchtungen hatte. Dies insbesondere in Zeiten, als man davon ausging, dass Sonne und Mond um die Erde kreisen und der Willkür von Göttern oder später Gott ausgeliefert seien. Von gewissen Religionen wurde das Wissen um die astronomischen Zusammenhänge allerdings auch dazu benutzt, um das Volk einzuschüchtern und so gefügig zu machen.
Was bedeutet ein solches Naturphänomen für Sie persönlich?
Jäger: Ich empfinde Dankbarkeit dafür, dass ich mit meiner kurzen Lebensspanne an einem solchen, eher seltenen astronomischen Ereignis teilhaben darf. Ich liebe solche Aussergewöhnlichkeiten am Himmel und stehe auch schon mal morgens um 4 Uhr auf, um eine partielle Finsternis zu beobachten.
Gibt es für Sie auch eine spirituelle Dimension in einem solchen Naturphänomen?
Jäger: Ich verstehe die Erde als Schöpfung Gottes. Gott durchwirkt alles. Entsprechend ist eine solche Mondfinsternis für mich ein Geschenk, das Gott uns bereitstellt. Damit zeigt er uns, wie lebendig nicht nur die Erde ist, sondern das ganze Universum.
Die biblische Erzählung beschreibt, dass die Schöpfung gut ist. Das wird für mich manifest, wenn ich sehe, wie genau und präzis eine solche Mondfinsternis abläuft. Wir können ja auf die Minute genau vorhersagen, wann sie stattfindet.
«Ich komme oft in Zwiegespräche mit Gott.»
Ich habe eher ein mystisches Gottesbild. Wenn ich vor dem Zu-Bett-Gehen die Sterne anschaue, komme ich oft in Zwiesprache mit Gott. Ich kann überall und jederzeit mit Gott Zwiesprache halten. Eine Mondfinsternis ist wie eine Manifestation, bei der Gott sagt: «Schau, wie schön.»
Naturwissenschaft und Glaube stehen für Sie also nicht im Widerspruch.
Jäger: Nein, grundsätzlich nicht. Je länger ich die Forschung in verschiedensten, oft komplexen Gebieten der Wissenschaft verfolge, desto mehr erlebe ich ein Zusammenwachsen zu einem Ganzen. Dieses Ganze entspricht dem, was ich in meiner Welt sehe und was ich als Schöpfung mit einem liebenden Urheber wahrnehme.
Wo werden Sie die Mondfinsternis erleben?
Jäger: Ich werde bei der Sternwarte Falera am grossen Fernrohr, einem 90 cm-Spiegelteleskop, einzelne andere Objekte neben dem Mond zeigen und den Menschen erklären, was bei der Mondfinsternis geschieht. Es ist allerdings nicht nötig, auf eine Sternwarte zu gehen, um eine Mondfinsternis anzuschauen. Man kann sie von überall her sehen, wo es die Bewölkung zulässt und der Himmel nicht zu stark von künstlichem Licht überstrahlt wird.
Sind Menschen angesichts des Sternenhimmels und des Planetensystems empfänglicher für eine spirituelle Dimension?
Jäger: Ja, bei vielen Menschen nehme ich eine gewisse Ehrfurcht wahr. Persönlich bin ich sehr zurückhaltend, die spirituelle Dimension anzusprechen, aber es entstehen oft sehr interessante Gespräche.
Martin Jäger ist als Sozialdiakon bei der evangelischen Kirche Chur tätig, als Mitglied der Astronomischen Gesellschaft Graubünden moderiert er zudem Führungen bei der Sternwarte Falera GR.
Video: Wie sich der Mond am 27. Juli verfärben wird.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




