Medienspiegel

Minarett-Initiative

«Ich kann die Ängste nachvollziehen»

Die Minarett-Initiative stört viele Muslime. Zu ihnen gehört auch Valentina Smajli. Die junge Muslimin über Toleranz, Fundamentalismus und Christbäume.

Express:

* Valentina Smajli will den moderaten Muslimen in der Schweiz eine Stimme geben.
* Noch hätten nämlich viele Schweizer eine falsche Vorstellung des Islams.

«Ich fühlte mich angegriffen.»

Sie tragen kein Kopftuch. Verstossen Sie gegen die Regeln des Islams?

Valentina Smajli*: Nein. Ich bin eine Muslimin, aber ich kann die Regeln so auslegen, wie ich möchte. Ein Kopftuch gehört für mich persönlich nicht dazu.

Sie können frei entscheiden?

Smajli: Natürlich. Der Islam hat viele Facetten. Ich habe die Freiheit, zu entscheiden, was ich von der Religion in den Alltag mitnehme und was nicht.

Das würden wohl strenggläubige Muslime anders sehen.

Smajli: Es ist nicht der Islam, der ein Kopftuch vorschreibt. Es sind einzelne Männer, die den Glauben so ausgelegt haben. Sie schreiben vor, dass sich Frauen nur verhüllt zeigen dürfen. Gegen aussen wird kommuniziert, der Islam zwinge die Frauen, Kopftücher oder Burkas zu tragen. Das stimmt nicht. Im Koran steht davon nichts. Ohnehin: Wann immer Menschenrechte – in diesem Fall Frauenrechte – missachtet werden, bin ich dagegen.

Wie leben Sie Ihre Religiosität aus?

Smajli: Ich glaube an Gott, bezeichne mich aber nicht als religiös. Ob ich Gott nun Allah, Jesus, Buddha oder Krishna nenne, spielt für mich keine Rolle. Jede Religion, egal ob Islam, Judentum oder Christentum, will die Botschaft des Friedens vermitteln. Statt die Differenzen zu untermauern, müssen wir die Gemeinsamkeiten festigen.

Zurzeit geben Minarette zu reden. Warum braucht es Minarette in der Schweiz?

Smajli: Es geht nicht um die Frage, ob es sie braucht, sondern darum, dass sie zur Religionsfreiheit gehören, also dass ein Antrag gestellt werden kann, ein solches zu bauen. Wenn es dem Baureglement und Bauverordnungsgesetz entspricht, dann befürworte ich ein Minarett, weil die muslimische Gemeinschaft legitimerweise auch den Anspruch hat, ihre Religion auszuüben, wie andere Religionsgemeinschaften auch. Dies erlaubt uns die Bundesverfassung.

Setzen Sie sich auch für ein Minarett in Luzern ein?

Smajli: Sofern es den Bauvorschriften entspricht, wäre ich nicht gegen den Bau eines Minaretts. Obwohl ich Muslimin bin, freue ich mich jedes Jahr auf Weihnachten und die Bescherung. Was den sinnlichen Aspekt anbelangt, ist ein Minarett wie ein Weihnachtsbaum anzusehen. Für mich gehören zum Christbaum Geschenke. Jemand anderer findet das vielleicht sinnlos. Zu einer Moschee gehört für einige auch ein Minarett dazu.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erste Mal das Anti-Minarett-Plakat gesehen haben?

Smajli: Ich fühlte mich angegriffen. Auch ich gehöre dieser Gruppe von Menschen an, gegen die sich die Plakate richten. Es tut mir bis heute weh. Hingegen bin ich der festen Überzeugung, dass die Schweizer Bürgerinnen und Bürger erkannt haben, dass diese Initiative ein zutiefst unhelvetisches Produkt ist.

Was konkret hat Sie verletzt?

Smajli: Das Plakat impliziert, dass alle Frauen im Islam unterdrückt werden. Klar gibt es einzelne Länder, in denen das tatsächlich geschieht. Aber gerade in der Schweiz lassen sich viele muslimische Frauen nicht unterdrücken. Sie kennen und leben ihre Grundrechte aus. Auf dem Plakat werden diese islamischen Frauen – immerhin 98 Prozent – ausgeblendet. Das ist nicht in Ordnung. Und das muss die Schweizer Bevölkerung wissen.

Haben wir Schweizer eine falsche Vorstellung vom Islam?

Smajli: Die muslimischen Migranten stellen weder ethnisch, kulturell noch konfessionell eine einheitliche Gruppe dar. Von den fast 400 000 Muslimen, die in der Schweiz leben, sind zwei Drittel aus osteuropäischen Ländern. Säkularismus, also die Trennung von Staat und Religion, ist für diese Menschen Bestandteil der politischen Ordnung und nichts Neues. Sie haben eine moderate Einstellung gegenüber der Religion. Viele «angestammte» Schweizer verbinden mit dem Islam strenge Regeln oder sogar Fundamentalismus; Muslim gleich Terrorist. So ist es einfach nicht.

Trotzdem wird islamistischer Terrorismus als eines der grössten Probleme wahrgenommen. Verstehen Sie die Ängste?

Smajli: Ja, ich kann sie verstehen und zum Teil auch nachvollziehen. Aber warum haben wir Angst vor 4,5 Prozent Muslimen in der Schweiz? Statt Angst und Hass zu schüren, ist es an der Zeit, den friedlichen Muslimen die Hand zu reichen. Ich glaube, hier ist jeder von uns in die Pflicht zu nehmen, um auf eine Plattform für ein morgiges Zusammenleben hinzuarbeiten. Für die Schweiz ist es wichtig, mit demokratischen Strukturen möglichen fundamentalistischen Bewegungen entgegenzuwirken.

Etwa mit einer Initiative gegen Minarette? Die Initiative ist schliesslich ein urdemokratisches Instrument.

Smajli: Die Initiative ist in diesem Zusammenhang völlig verfehlt. Wollen sich Fundamentalisten organisieren und treffen, können sie das auch anderswo. Auf eine Moschee mit einem Minarett sind heute alle Augen gerichtet. Dort würden sich Fundamentalisten niemals einfinden. Das Minarettverbot hat einen einzigen Zweck: Es will die Kluft zwischen dem Christentum und dem Islam noch verbreitern. Es will Angst schüren und greift die muslimische Minderheit an.

Wollen Sie sagen, die Initiative schüre Fremdenhass?

Smajli: Ja, ganz klar, sie ist im Widerspruch zu unseren Schweizer Grundwerten. Eine Frage: Was ist das Kapital der Schweiz?

Sicherheit?

Smajli: Vielfältigkeit. Die SVP und EDU wollen mit dieser Initiative die Vielfältigkeit der Schweiz einschränken, ja sogar abbauen. Diese Parteien haben die Bundesverfassung nicht verstanden, sie haben unsere helvetischen Urwerte nicht verstanden.

Welche wären das?

Smajli: Solidarität, Respekt, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, die Suche nach dem Dialog und nicht nach Verboten.

Sind die Schweizer intolerant?

Smajli: (Überlegt lange) Ich finde, dass Schweizer tolerant sind. Aber die Schweizer lassen sich durch einzelne politische Akteure und durch die Medien zu stark beeinflussen. Ich glaube, das kann nicht gut gehen.

Wie meinen Sie das?

Smajli: Die Phobie gegenüber dem Islam nahm schleichend zu. Nach den Anschlägen am 11. September 2001 wurde die Angst plötzlich greifbar. Seit der Lancierung der Minarett-Initiative wurde es auch in der Schweiz schlimmer. Heute stehen nicht mehr die Menschen des Islams im Vordergrund, sondern nur noch die Religionszugehörigkeit. Die Anti-Minarett-Initiative verschlimmert diesen Zustand noch weiter.

Hinweis: * Valentina Smajli ist 27 Jahre alt und lebt in Littau. Sie ist aktives Geschäftsleitungsmitglied der SP Luzern und SP Schweiz, Präsidentin des Integrationsnetzes Zug und ein Mitglied von Second@s Plus.

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Quelle: Luzerner Zeitung
31. Oktober 2009 | 14:48