Tobias Karcher isst mit den Menzinger Schwestern im Speisesaal
Schweiz

Jesuiten wohnen bei Menzinger Schwestern: Nach dem Schock die Begeisterung

Menzingen ZG, 23.7.15 (kath.ch) Seit Januar wohnen sechs Jesuiten im Institut der Menzinger Schwestern, weil das Lassalle-Haus saniert wird. Bis Ostern 2016 finden auch die Kurse des Lassalle-Hauses in Menzingen statt. Was dies für die beiden Gemeinschaften bedeutet, erzählen die Menzinger Schwestern Ursula-Maria Niedermann, Rosmarie Steiner, Trudi Eichler und der Jesuit Tobias Karcher.

Sylvia Stam

Tobias Karcher lacht herzhaft auf die Frage, wie es den Jesuiten mit den Menzinger Schwestern geht und umgekehrt. Ein Lachen, dem sich die drei anwesenden Schwestern nicht entziehen können. «Das sagt doch schon alles», meint denn auch Sr. Rosmarie Steiner. Pater Tobias lache oft im Speisesaal, fügt Sr. Trudi Eichler an, und das sei ansteckend! Das Lachen relativiere Spannungen, meint schliesslich Sr. Ursula-Maria Niedermann. Dass es solche gegeben hat, verhehlen die Ordensfrauen nicht, auch wenn die heitere Stimmung am Tisch in der Cafeteria nichts davon spüren lässt. Dabei war diese Cafeteria, die heute für die Gäste des Lassalle-Hauses da ist, vor dem Einzug der Jesuiten die Stube der Schwestern.

Vom Schock zur Begeisterung

«Für viele war es ein Schock», erzählt Sr. Ursula-Maria, und wählt dabei genau dieselben Worte, die Karcher benutzt hatte, bevor die Schwestern herein kamen. «Wie soll das zusammen gehen? Kommen da jetzt ganz viele fremde Menschen in unser Haus? Haben wir noch die Kraft für so viele Umstellungen?», lauteten einige der Ängste, welche die Schwestern im Vorfeld hatten. Immerhin mussten die Schwestern einen ganzen Komplex des Institutsgebäudes räumen, und dann noch ausgerechnet den Flügel mit der Sicht nach Westen, «wo es so schöne Sonnenuntergänge gibt!» erzählt Sr. Rosmarie.

In den nun von den Jesuiten und Gästen des Lassalle-Hauses benutzten Räumen hatten einige Schwestern ihr Zimmer, andere standen für Gäste und Angehörige zur Verfügung. Aus dem Mehrzweckraum der Schwestern wurde ein Meditationsraum und, durch einen hellen Vorhang getrennt, das Zendo des Lassalle-Hauses. Im früheren Kindergarten des Instituts haben die Jesuiten ihre «Rote Kapelle» eingerichtet, wo sie mit den Kursteilnehmern Gottesdienste feiern.

Rot für die Jesuiten, braun für die Schwestern

Die hellgelben Vorhänge und die rote Farbe fallen tatsächlich auf, wenn man durch die Gänge und Räume des im Jugendstil gebauten Instituts Menzingen läuft, die nun den Jesuiten zur Verfügung stehen: Rote Bilder hängen in Gängen und an Wänden, in den Gästezimmern sind Nacht- und Schreibtisch mit einer roten Platte versehen. Der Künstler Jörg Niederberger habe ein Farbleitsystem entwickelt, erklärt Pia Seiler, Kommunikationsbeauftragte des Lassalle-Hauses. Rot stehe für die Jesuiten, und die Gäste wüssten aufgrund dieser Farbe immer, in welchem Teil des Hauses sie sich gerade befänden. Die Flügel der Schwestern, die der franziskanischen Spiritualität verpflichtet sind, seien mit einem Kapuzinerbraun markiert.

Dennoch komme es vor, dass Gäste sich verirrten: «Einmal stand ein fremder Herr in meinem Zimmer», erzählt Sr. Rosmarie lachend. Er habe allerdings sofort bemerkt, dass er hier wohl nicht am richtigen Ort sei. Die Schwestern sind inzwischen begeistert von der Neugestaltung ihrer früheren Räume. Einerseits seien sie durchaus froh, dass die Räumung und eine gewisse Sanierung nun bereits vollzogen sind. «Später hätten wir vielleicht die Kraft nicht mehr», so Sr. Ursula-Maria, liege doch das Durchschnittsalter der Schwestern bei über 77 Jahren.

Zuerst hätten sie allerdings schon leer geschluckt, als die Wagen des Zügelunternehmens vorgefahren seien. Die Möbel der Schwestern wurden weggeräumt und sind vorläufig in Zürich eingelagert. Sie hätten die Vorhänge von zwei Ikea-Läden aufgekauft, erzählt Tobias Karcher lachend. Die hellen Vorhänge trennen Räume oder überdecken Schränke und anderes, was an den Alltag erinnert. Die Gäste, die sich in Kontemplation oder Zen-Meditation üben, sollen möglichst wenig abgelenkt werden.

Geschwisterliches Zusammenleben

Schmerzlos ging das mit den Vorhängen nicht über die Bühne: «Jetzt hängen die einfach zu, was wir vorher so wertgeschätzt haben!», so die entsetzte Reaktion einer Schwester auf die hellgelben Vorhänge. Da waren beispielsweise Bilder aus den Missionen der Schwestern, womit ein Stück Identität verbunden war. Doch heute ist das kein Thema mehr: «Was ihr aus diesen Räumen herausgeholt habt!», sagt Sr. Trudi zu Tobias Karcher, und es schwingt Bewunderung mit. Den Schwestern gefällt auch, dass alle Zimmer nun im selben Stil – gleiche Möbel, rote Tischplatten, hellgelbe Vorhänge – gehalten sind. Ob das nach dem Weggang der Jesuiten nach Ostern 2016 so bleiben wird, ist offen. Noch wissen die Schwestern nicht, was danach mit den Räumen geschehen soll.

Eines aber wissen sie jetzt schon: «Wir werden die Jesuiten vermissen! Da wird ein grosses Loch zurückbleiben!», ist Sr. Rosmarie überzeugt. Das Zusammenleben der beiden Gemeinschaften sei geprägt von einem geschwisterlichen Zusammenleben. Begegnungen von Mensch zu Mensch, Wertschätzung und Flexibilität, Offenheit – mit solchen Worten umschreiben die Schwestern, was ihnen in Erinnerung bleiben wird, wenn die sechs Jesuiten wieder ausziehen. Direkte Begegnungen gibt es im Speisesaal, wo die Jesuiten bei den Schwestern zu Mittag essen, aber auch in den Gottesdiensten, vor allem sonntags.

Zeitgemässe Predigten

Das wird den Schwestern denn auch am meisten fehlen, die sonntäglichen Messen mit den «Herren Jesuiten»: «Diese Vielfalt an Stimmen beim Singen, diese zeitgemässen Predigten!» schwärmt Sr. Ursula-Maria. «Jeder Zelebrant macht einen Link zur Institutsgeschichte, zu einem aktuellen Zeitungsartikel», fügt Sr. Trudi an. «Endlich bleibt mir etwas von einer Predigt!», bringt es Sr. Rosmarie auf den Punkt. Tobias Karcher nimmt die Komplimente gelassen entgegen.

Er zeigt sich seinerseits beeindruckt von der Unkompliziertheit und grosszügigen Gastfreundschaft der Schwestern. Und von der Souveränität, mit der sie zulassen können, dass sie im Alter nicht mehr so leistungsfähig sind. «Für manche unserer Mitbrüder ist das gar nicht so einfach», so Karcher, der die Jesuiten als sehr leistungsorientiert bezeichnet.

Bei so viel gegenseitigem Lob drängt sich die Frage auf, warum die Jesuiten denn nicht gleich in Menzingen bleiben. «Das habe ich auch schon gedacht!», entgegnet Sr. Trudi sofort. «Die Räume des Lassalle-Hauses sind für die verschiedenen geistlichen Wege, die wir praktizieren, ideal», entgegnet Karcher. Immerhin will man die Freundschaft auch nach Ostern 2016 weiterhin pflegen. Sr. Ursula-Maria will jedenfalls nächstes Jahr im Lassalle-Haus Exerzitien machen! (sys)

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Interview mit Tobias Karcher zur Sanierung des Lassalle-Hauses.

Tobias Karcher isst mit den Menzinger Schwestern im Speisesaal | © 2015 Sylvia Stam
23. Juli 2015 | 23:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
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Das Lassalle-Haus bei den Menzinger Schwestern zu Gast

Das Lassalle-Haus ist ein von den Jesuiten geführtes Bildungshaus mit den Schwerpunkten Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Zum Kursangebot gehören unter anderem Exerzitien, Kontemplation und Zen-Meditation. Infolge der Sanierung des Hauses wohnen die sechs Jesuiten von Januar 2015 bis Ostern 2016 bei den 45 Menzinger Schwestern, ein grosser Teil des Kursangebotes des Lassalle-Hauses findet ebenfalls in Menzingen statt. Tobias Karcher ist Direktor des Lassalle-Hauses.
Sr. Ursula-Maria Niedermann und Sr. Rosmarie Steiner sind Provinzrätinnen der Menzinger Schwestern, Sr. Trudi Eichler ist Oberin des Mutterhauses. Die Entscheidung, den Jesuiten Gastrecht zu gewähren, wurde von der früheren Leitung der Menzinger Schwestern getroffen. (sys)