Kleine Herde in Bewegung
Ramzi Garmou, chaldäisch-katholischer Erzbischof von Teheran, über das Leben von Irans Christen
Teheran/Saint-Maurice VS, 25.5.13 (Kipa) Zwei Drittel seiner ohnehin kleinen Gemeinde haben die islamische Republik Iran in den vergangenen drei Jahrzehnten in Richtung USA oder Europa verlassen. Die Kraft der Kirche an der Zahl ihrer Gläubigen festzumachen, ist für Ramzi Garmou dennoch der falsche Denkansatz, weil er nicht dem Evangelium entspricht. Auf Einladung des Hilfswerk Kirche in Not hat der chaldäisch-katholische Erzbischof von Teheran die Schweiz besucht. Er sprach mit der Presseagentur Kipa über die Rolle der christlichen Minderheit im Iran.
In der islamischen Republik Iran gehören die knapp 70.000 Christen zu den drei verfassungsmässig anerkannten nicht-muslimischen Minderheiten – neben rund 30.000 Zoroastriern, der ältesten persischen Religion mit ihren noch immer existierenden Feuertempeln, sowie einer noch kleineren Minderheit von 20.000 Juden mit landesweit rund 25 Synagogen. Die allergrösste Mehrheit der 78 Millionen Einwohner des Iran sind schiitische Muslime.
Keine vertrauenswürdigen Statistiken
«Unsere Gläubigen im Iran sind vielleicht noch etwa 5.000», sagt Ramzi Garmou, und damit sind die chaldäischen Katholiken wie die armenischen und die lateinischen Katholiken eine kleine Minderheit innerhalb der christlichen Minderheit. «Alle Zahlen sind Annäherungswerte», sagt der chaldäische Geistliche. «Vertrauenswürdige Statistiken zur realen Zahl der Christen im Land haben wir nicht.»
Nach den Schätzungen stellt die orthodoxe armenisch-apostolische Kirche mit über 50.000 mehr als Zweidrittel der christlichen Iraner mit Zentrum in Isfahan, wo sie Anfang des 17. Jahrhunderts im Krieg gegen die Osmanen durch Safawiden-Schah Abbas I. aus der Stadt Julfa (heute Aserbaidschan) deportiert wurden.
Kaum mehr als 7.000 Gläubige zählt heute die assyrische Kirche des Ostens, auch als Nestorianer bekannt, die sich auf den Apostel Thomas als Gründer beziehen und deren einzige Diözese in Teheran ist. Protestanten, Evangelikale und Pfingstler machen zusammen kaum mehr als tausend Gläubige aus, lateinische Katholiken, mehrheitlich Ausländer oder binationale Paare, gibt es knapp 500.
Wenige sind geblieben
«Seit Einrichtung der islamischen Republik haben die Christen eine starke Abwanderung erlebt», betont der irakischstämmige Erzbischof. «Geblieben sind die Christen, die zu den am wenigsten begüterten Schichten gehören. Christen sind geblieben, weil sie zu alt sind, um im Ausland in einer fremden Kultur ein neues Leben zu machen, weil sie ihre Familie nicht verlassen wollten, oder, in einigen Fällen, aus christlicher Überzeugung», erklärt Garmou. «Letztere, auch wenn sie eine ganz kleine Minderheit sind, glauben daran, dass die Kirche die Aufgabe hat, Zeugnis zu geben.»
Der Alltag des chaldäisch-katholischen Erzbischofs ist nicht einfach. Jährlich muss der Iraker seine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung erneuern. Will er den Vorwurf des – streng verbotenen – Proselytismus unter Muslimen vermeiden, darf er sich nur an Christen wenden. Dennoch: Den Gedanken, dass die Kraft der Kirche aus der Zahl ihrer Gläubigen oder der Kraft ihrer Institutionen resultiert, hält Garmou für falsch. «Diese Sicht», kritisiert der Geistliche, «ist nicht sehr evangeliumsgemäss, und vor allem hat Jesus selbst uns gesagt: Hab keine Angst, kleine Herde! Diese kleine Herde kann die Präsenz Jesu bezeugen, da wo sie ist, in dem sie ihren Glauben im Alltag lebt».
Die kleine Gemeinschaft Garmous verfügt über zwei Gotteshäuser in Teheran, wo sich landesweit die meisten der iranischen Christen konzentrieren. Seinen Bischofssitz, die Kathedrale Sankt Josef, teilt Garmou mit zwei Priestern, einem 84-jährigen Landsmann und einem Iraner. Ebenfalls gemischt-national ist das Team der der Gottesmutter geweihten Pfarrkirche – ein junger iranischer Priester, zwei irakische und eine iranische chaldäische Ordensschwester sowie sechs Heilig-Geist-Schwestern aus dem Iran, Italien und Brasilien.
Leiden als Quelle der Fruchtbarkeit
Das Leben der Gemeinde – Gottesdienste, Katechese, Religionsunterricht und Konferenzen – spielt sich im Innern der Kirchen ab: «Religiöse Aktivitäten im Freien sind ausgeschlossen, es ist strikt verboten, im öffentlichen Raum das Evangelium zu verkünden», betont Erzbischof Garmou. Dennoch hält der Iraker daran fest, dass «wir Christen eine Verantwortung haben in diesem Land». Natürlich habe man nicht das Recht, die Menschen am Auswandern zu hindern, aber es gelte, «den Gläubigen ihre Rolle bewusst zu machen, die sie hier haben».
Was die Kirche heute braucht, glaubt Garmou, sind «Frauen und Männer, die von zwei lebenswichtigen Überzeugungen inspiriert sind: dem Gebet, das unverzichtbar ist für die Ausstrahlung der Kirche, und dem apostolischen Leiden, der Quelle der Fruchtbarkeit der Kirche.» Eine Kirche, die nicht leidet, so die tiefe Überzeugung des Geistlichen, «ist wie ein vertrockneter Baum!»
Schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, erinnert Ramzi Garmou, sind Missionare von Persien aus losgezogen, das Evangelium zu verkünden – über die Mongolei bis nach China, Indien, Korea und Japan. Nicht überall sind sie dabei auf offene Ohren gestossen.
Und die Truppen des ottomanischen Reichs sind nicht nur für den Armenier-Genozid verantwortlich. Sie haben auch die chaldäisch-katholischen Christen der Region massakriert. Der Erzbischof von Teheran hält sich an die Worte des karthagesischen Kirchenvaters Tertullian: «Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Kirche.»
Separat:
Chaldäisch-katholische Exilgemeinde
Die Abwanderung der chaldäischen Christen aus dem Iran hält seit mehreren Generationen an. Heute leben etwa 100.000 chaldäische Gläubige in Westeuropa, in grösserer Zahl vor allem in Schweden und Frankreich (je 20.000), aber auch in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Belgien oder der Schweiz. Einen eigenen Bischof hat die Diasporagemeinde nicht. Sie untersteht dem jeweiligen lateinischen Ortsbischof. Die Seelsorge übernehmen rund zwanzig chaldäische Priester.
Geht es nach Erzbischof Garmou von Teheran, könnte sich das bald ändern: Ein Wunsch an die im Juni in Bagdad beginnende Synode der chaldäischen Kirche, die erste unter Vorsitz des seit Februar amtierenden neuen Patriarchen Louis Raphael I. Sako, ist die Ernennung eines chaldäischen Bischofs für die Diaspora.
(kipa/be/Aus dem Französischen von Andrea Krogmann/job)



