Medienspiegel

Des Kaisers Abschied von der Welt

Kaiser Karl V. verzichtete 1556 freiwillig auf seine weltliche Macht und ging ins Kloster, um sich auf seinen Tod vorzubereiten.

Zweihundert Kilometer südwestlich von Madrid liegt am Fuss der Sierra de Gredos eine freundliche Landschaftsterrasse mit Wäldern und Bächen, die man La Vera nennt. Sie bildet den nördlichen Rand der Extremadura, an den sich nur wenige Reisende verirren, obwohl der Blick auf die unendliche Tajo-Ebene hinunter grandios ist. Einer der wenigen Besucher, die hier Spuren hinterlassen haben, ist auch der gewichtigste: Kaiser Karl V., der von 1500 bis 1558 lebte. Seine letzte Reise führt ihn 1556 hierher, und von hier wird er nicht mehr heimkehren. Wohin auch? Sein Leben lang ist er mit seinem schwerfälligen Gefolge auf den schlechten Wegen Europas herumgereist. Bei seiner freiwilligen Abdankung im Jahr 1556 erwähnt er nicht weniger als vierzig Reisen, nach Deutschland, in die Niederlande, nach Spanien, Frankreich, Italien und Afrika. Die kürzesten haben ein paar Wochen gedauert.

Die Grenzen der Macht

Karl V. hat sich zwei Hauptziele gesetzt: Er will den türkischen Vormarsch aufhalten und die religiöse Einheit des christlichen Abendlandes bewahren. Diese Aufgabe wird zunehmend titanischer, denn durch die Eroberung Amerikas wird das Heilige Römische Reich immer riesiger und unregierbarer. Die Araber sind zwar aus Spanien vertrieben, doch die aufständischen «Comuneros» sorgen für neue Unruhe, der Vormarsch der Türken geht weiter, und die Reformation sät in Deutschland Zwietracht. Karl spürt, dass ihm die Felle davonschwimmen, dass ihm die Kraft fehlt, unaufhörlich den Bruchstellen im Reich nachzureisen, es zusammenzuhalten. Die Situation treibt ihn zur Verzweiflung: Das Imperium wird grösser und grösser, doch er kommt mit seiner prachtvollen Entourage, die aus mehreren hundert Personen besteht, einfach nicht schneller voran.

Ein Garten Eden

Auch die letzte Reise ist aufwändig: Am 15. September sticht Karl V. mit 56 Schiffen von Gent aus in See und landet einen Monat später in Laredo bei Santander an der spanischen Nordküste. Von hier zieht er mit einem Gefolge von 150 Höflingen auf dem Landweg über Burgos und Valladolid nach Süden, wählt dann die Route zwischen Avila und Salamanca. Karl hat genug von allem Mondänen, je unbedeutender die Etappenorte sind, desto besser. Das letzte Hindernis sind die westlichen Ausläufer der Sierra de Gredos, der Tornavaca-Pass. Von hier sieht Karl hinunter in sein gelobtes Land, das er aus näherer Anschauung noch gar nicht kennt. Es zeigt sich in diesem strahlenden Herbst von seiner besten Seite. Die Sonne ist noch stark, die ersten Laubbäume verfärben sich, und es riecht nach reifem Obst. Karl ist hingerissen von diesem Garten Eden, badet im Bach, blinzelt in die Sonne, entspannt sich. Das hat er seit seiner Kindheit nicht mehr getan. Zwei Tage später ist man unten in der Vera, in der Burg von Jarandilla, die dem befreundeten Grafen von Oropesa gehört. Das eigentliche Ziel ist aber das Hieronymitenkloster in Yuste, ein Dutzend Kilometer weiter im Westen. Vor Monaten schon hat Karl den Mönchen geschrieben: «Ich wünsche, mich zu Euch zurückzuziehen, um das Leben zu beenden, und darum bitte ich Euch, dass Ihr mir einige Zimmer herrichtet in San Geronimo de Yuste.» «Einige Zimmer», das ist ein stattlicher Anbau an der Südseite des Klosters, von diesem jedoch unabhängig, um das klösterliche Leben nicht zu beeinträchtigen. Noch aber sind die Bauarbeiten im Gang, und Karl verbringt den ersten Winter in Jarandilla. Im Februar 1556 ist der Alterssitz fertig gestellt. Der kleine Hofstaat, der jetzt noch aus fünfzig Personen besteht, zieht um nach Yuste. Es beginnt das letzte Kapitel im Leben des Kaisers im Ruhestand.

Requistiten eines bewegten Lebens

Man kann heute, 450 Jahre später, Karls Gemächer in Yuste besuchen. Gewiss, der Park mit den Orangen- und Nussbäumen, mit dem Fischteich, ist traumhaft und lädt ein zum Verweilen, doch richtig spannend ist – nach ein wenig vorgängiger Lektüre – der Gang durch Karls Altersresidenz. Da stehen in muffigen, gobelinverhangenen Räumen nur wenige Requisiten herum, die den Besucher aber seltsam berühren, weil sie plötzlich spürbar machen, wie nahe das Erhabene beim Lachhaften liegen kann. Da ist etwa Karls Sänfte zu besichtigen, eine Sänfte der besonderen Art, der alles Luftige, Elegante und Herrschaftliche abgeht. Sie ist wie ein Kinderwagen für einen Erwachsenen, mit einem Verdeck, aber ohne Räder. Der braune, lederbezogene Kasten hat vier Traggriffe, und das gewölbte Schutzdach lässt sich auch vorne zuklappen. In diesem «Sarg» lässt sich Karl V. zu Lebzeiten kreuz und quer durch Europa tragen, Tag und Nacht. Alle zwei Stunden werden die Sänftenträger ausgewechselt, dem Kaiser wird Essen und Trinken hinein gereicht, aussteigen tut er nur bei dringenden Bedürfnissen. Solches Reisen ist die reine Qual, doch viele andere Möglichkeiten gibt es nicht, denn man will vorwärts kommen, so schnell es eben geht. Ausserdem leidet Karl an einer der Familienkrankheiten der Habsburger, an Gicht, die ihn zuweilen vollkommen lähmt. Deshalb hat sein Leibarzt, Doktor Mathys, einen besonderen Lehnstuhl bauen lassen, an dem sich die Winkel der Rückenlehne sowie der Beinstützen je nach Gichtbefall regeln lassen. Der Kaiser muss sehr gelitten haben.
Der Hofstaat ist zwar im Vergleich zu früher lächerlich klein, doch Karls neunzehn letzte Monate sind bis in alle Einzelheiten dokumentiert. Der Kaiser unterhält weitläufige Briefschaften, aus denen sein Alltag abgelesen werden kann. Auch sein Oberhofmeister, Luis Méndez de Quijada, führt über alles Mögliche und Unmögliche Buch, und sein Leibarzt schreibt genau auf, wie es dem müden Kaiser körperlich und seelisch so geht. Diese Quellen hat der spanische Forscher Vicente de Cadenas in seinem Buch «Carlos de Habsburgo en Yuste» (Madrid 1984) zusammengefasst. Man liest dieses buchhalterische Dokument menschlicher Hinfälligkeit atemlos wie einen Kriminalroman. Kommt man dann an den Ort des Geschehens, wird man fast zum Voyeur. Gäbe es da nicht die Formel eines berühmten Schauspielers: Komödie = Tragödie + Zeit, hielte man solch indiskrete Nähe nicht aus.

Zwischen Messe und Esstisch

Karl hat gewisse Sympathien für den Hieronymitenorden, doch er denkt nicht daran, selber Mönch zu werden. Er geht jeden Tag in die Messe, ist aber irdischen Dingen durchaus zugetan. Spitze Zungen bringen den Kalauer in Umlauf, des Kaisers Leben bewege sich zwischen «misa y mesa», zwischen Messe und Esstisch also. Wie bei anderen Habsburgern ist auch Karls Gesicht durch Prognathie oder Vorkiefrigkeit entstellt: Die Zähne des Unterkiefers sind weit vor denjenigen des Oberkiefers, und Karl hat beim Essen Mühe. Den schwer zu bewerkstelligenden Kauvorgang trachtet der Gourmand zu erleichtern, indem er grosse Mengen Bier hinterherschüttet. Die Folge davon sind alle Varianten von Verdauungs- und Evakuationsschwierigkeiten, die Mathys gewissenhaft beschreibt. Freunde und Bekannte schicken Karl Fische, Meerfrüchte und Wildbret, die trotz ihrer Verpackung in Schnee und Nesseln oft in zweifelhaftem Zustand ankommen. Karl stürzt sich auf jedes Fresspaket; zuviel selbst für kaiserliches Gedärm. Neben dem Essen liest er, am liebsten Rittergeschichten, manchmal die Bibel. Pikant dabei: Seine Lateinischkenntnisse sind mässig, darum liest er die Bibel auf Französisch, was die Inquisition jedem gewöhnlichen Christenmenschen bei schwerer Strafe verbietet.
Der Kaiser steht meistens erst gegen Mittag auf, die folgende Toilette dauert zwei Stunden, dann ist Essenszeit. Anschliessend bastelt er mit Juanelo, dem höfischen Uhrmacher aus Cremona, an den Dutzenden Uhren herum, die in seinen Gemächern stehen und hängen. Sein ehrgeiziges Ziel, sie alle für mehr als eine halbe Stunde auf dieselbe Uhrzeit zu trimmen, erreicht er in den neunzehn Monaten nie. Manchmal fischt er auch. Man hat es so eingerichtet, dass er vom Balkon aus mit einigem Glück den Angelhaken in den Fischteich im Garten werfen kann. Die Karpfen sind dumm und beissen sofort an, und Karl freut sich.

Das Ende

Als er sein Ende nahen spürt, lässt er in der Ecke des Schlafzimmers die Mauer durchbrechen, so dass er durch eine Türe zum Altar in der Kapelle nebenan sehen und der Messe beiwohnen kann, ohne aufstehen zu müssen. Bis zum Schluss behält er den Sinn für zeremonielle Abläufe, die bis ins letzte Detail stimmen müssen. Ob die Geschichte, laut der er sein eigenes Begräbnis wie im Theater geprobt hat, mehr als eine Legende ist, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Am 21. September 1558 um halb drei Uhr morgens schreit er: «Ay, Jesus!» und stirbt.

Dres Balmer


Information

Das Kloster Yuste kann übers ganze Jahr täglich besucht werden. Öffnungszeiten: 9.30–13 und 15–18 Uhr, in den Sommermonaten eine Stunde länger.

In der Burg von Jarandilla, unweit von Yuste, ist ein Parador de turismo, ein komfortables Hotel in gediegenem historischen Rahmen. Das Doppelzimmer kostet je nach Saison rund € 100.–. Tel. 0034 927 560 117.

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Quelle: Sonntag
29. Juni 2003 | 00:00