Was ist mit der feministischen Theologie los?
Begegnung mit der Theologin und Autorin Ina Praetorius
St. Gallen, 26.3.11 (Kipa) Ist die feministische Theologie am Einschlafen? Diese Frage bildete das Thema einer Diskussionsveranstaltung mit Ina Praeterius. Doch die in Wattwil lebende Theologin lässt sich nicht irritieren: Sie vertritt einen diskursiven Feminismus, der ohne Polarisierung auskommt.
Sie ist keine Freundin der rabiaten Töne. Und sie lässt sich auch nicht einfach in ein Denkschema einordnen. Für die Theologin und Autorin Ina Praetorius heisst Feminismus in erster Linie: selber denken. Als Studentin hatte sie das seelenlose Reden der Professoren gestört; umso mehr hütet sie sich, leere Phrasen zu dreschen; nicht zur Freude aller: «Meine Sprache ist einfach; das gilt in unserer Zunft als untheologisch.» Dafür werden ihre Bücher gelesen. Ihr neustes: «Ich glaube an Gott und so weiter…».
Fatales Gottesbild
So verbindlich sie sich gibt, an der feministischen Fundamentalopposition gegen das überkommene Gottesbild hat sich nichts geändert: «Wenn Gott ein Mann ist, dann ist das Männliche göttlich.» Diese Vorstellung hat nach Praetorius fatale Folgen. Denn damit werden auch jene Eigenschaften geadelt, die als besonders männlich gelten: Herrschaftlichkeit, Autonomie, Beziehungslosigkeit.
Auf diese Weise entsteht das Bild eines Gottes, der von niemandem abhängig ist; eine Vorstellung, die die Männerwelt anleitet, die Natur zu beherrschen, eine Hochtechnologie zu entwickeln und immer grössere Risiken in Kauf zu nehmen. Der Atomunfall in Japan zeigt nach Ina Praetorius, wohin ein solches Gottesbild führt. 6.500 Mal kommt in den herkömmlichen Bibeln der Ausdruck «Herr» als Bezeichnung für Gott vor. Erst die «Bibel in gerechter Sprache» hat hier ein Korrektiv gebracht. Dass diese entstehen konnte, ist für Ina Praetorius ein Beispiel für den nach wie vor fruchtbaren Ansatz der feministischen Theologie.
Egalitaristisch oder matriarchal
Doch wie ordnet sich diese Theologie ins breite Spektrum des Feminismus ein? Ina Praetorius deutet ein Entwicklungsschema an, das ein wenig an Hegels dialektischen Dreischritt erinnert. Ausgangspunkt ist der egalitaristische Feminismus Alice Schwarzers. Dieser sieht als Ziel, alle bisherigen Männerbastionen zu erobern und in den Bereichen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Frauen den gleichen Anteil zu verschaffen.
Zielt der egalitaristische Feminismus dahin, die patriarchale Vorherrschaft zu stürzen, geht der matriarchale Feminismus noch einen Schritt weiter. Er will die weiblichen Werte zur Geltung bringen, Körperlichkeit, Gefühle, ökologische Verbundenheit – und damit die Herrschaft der Grossen Mutter neu begründen.
Der dritte Weg
Ina Praetorius kann sich mit keiner der beiden Bewegungen befreunden. Das Modell Alice Schwarzers zielt ihr zu stark auf das Ideal der weissen, bürgerlichen Karrierefrau. Im Matriarchatsfeminismus aber stört sie der moralische Anspruch, als Frau immer vorbildlich sein zu müssen.
Die Wattwilerin sieht für sich einen dritten Weg. Als Theologin und Philosophin will sie sich auf die dynamische Tradition der Geistesgeschichte einlassen. Diese hat sich immer weiter entwickelt, hat nicht nur das patriarchale Gottesbild hevorgebracht, sondern auch die Gegenkräfte geweckt. Das weckt Vertrauen in die Zukunft, auch wenn oder gerade weil man nicht wissen kann, wie oder wer Gott ist.
Geburtlichkeit
Der Zukunft entgegen sehen, gelassen sein, dies sind Haltungen, die die Kirche den Menschen vermitteln könnte. Praetorius weist auf jene Facetten der Liturgie hin, die ihr besonders wichtig sind: Warten, Schweigen, Pilgern, Singen, Mystik. All dies bedeutet: etwas zulassen, sich ereignen lassen, die Zwischenräume schaffen, in denen Gott geschehen kann.
Da taucht der Begriff der «Geburtlichkeit» auf. Ihm möchte Ina Praetorius in einem eigenen Buch nachgehen: «In der Kirche wird viel von der Sterblichkeit des Menschen geredet. Ich denke, dass es Zeit ist, die Geburtlichkeit ins Blickfeld zu rücken.» Damit ist auch die Ausgangsfrage beantwortet: Der theologische Feminismus ist nicht am Schlafen, sondern am Denken und Schreiben.
(kipa/J.O./am)



