Resilienz-Kalender 2020

11. Dezember: Klänge aus einer neuen Welt

Diese Töne. Ganz fein, sanfte Anspielungen. Kleine Signale. «Herhören, hier kommt etwas Anderes!» Der tschechische Komponist Antonin Dvorak hatte 1892 eine Stelle in den USA angetreten. Und er war beeindruck von der Grösse des Landes und der Bauten, die er dort sah.

Eine Nationalmusik für Amerika

Dvoraks Kompositionen war von der böhmischen Volks- und Nationalmusik gepägt. Hier ging es darum, einen Bezug zu Geschichte und Kultur des Landes zu schaffen. «Die Moldau» seines Landsmanns Bedrich Smetana aus dem Zyklus «Mein Vaterland» ist ein sehr bekanntes Beispiel für solche Nationalmusik.

Nun wollte Dvorak mit seiner 9. Sinfonie angesichts des wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchs eine amerikanische Nationalmusik schreiben. Nach gut zwei Minuten ist nach einem Paukenwirbel im ersten Satz denn auch etwas wie eine Hymne zu hören. Musik «Aus der Neuen Welt» nannte der Komponist das Werk denn auch.

Der Europäer Antonin Dvorak zeigte sich zudem beeindruckt von afroamerikanischen und indianischen Melodien und Rhythmen, die er zu hören bekam. Diese Eindrücke sollen Dvoraks in Amerika entstandene Sinfonie beeinflusst haben, ohne dass dies musikalisch unmittelbar zu hören wäre. Ironie der Geschichte: Damit hätte Dvorak ausgerechnet die Opfer des von ihm bewunderten «American Dream» in seiner Musik gewürdigt.

Immer wieder eine Freude

Ende des 19. Jahrhunderts fragte aber wohl kaum jemand nach politischer Korrektheit. Und Analysen des Werkes zeigen, dass Dvorak auch in seiner 9. Sinfonie kaum neue musikalische Elemente aus den USA, sondern vielmehr aus seiner Heimat Tschechien verarbeitet hat. Doch Sehnsucht nach dem Bekannten? Immerhin, geschrieben wurde diese Sinfonie in der «Neuen Welt» und für mich bleibt sie ein Werk, das ich immer wieder mit grosser Freude hören kann.

Genug der Worte. Musik spricht für sich selbst.

Martin Spilker, Redaktor und Amateurbratscher

Freiheitsstatue | © NYCBRA/Pixabay, Pixabay Licence
11. Dezember 2020 | 00:00
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