Der Dreikönigs-Apero von kath.ch in Zürich war friedlicher als im Vorjahr. Doch die Themen waren nicht leicht verdaulich: Missbrauchsstudie, Weltsynode, Frauenfrage und Segen für alle. Es diskutierten Renata Asal-Steger und ihr Nachfolger im RKZ-Präsidium Roland Loos sowie die SRF-«Sternstunden»-Journalistin Judith Hardegger.
Sarah Stutte
Wir erinnern uns: Am Dreikönigsapero 2023 war Bischof Felix Gmür offenkundig sauer über die Berichterstattung von kath.ch. Es ging damals um den umstrittenen Liturgie-Brief der Deutschschweizer Bischöfe an die Seelsorgenden. In dem Schreiben ermahnten Gmür, Joseph Bonnemain und Markus Büchel die Seelsorgenden, sich an liturgische Regeln zu halten. Nebst dem ehemaligen kath.ch-Chefredaktor Raphael Rauch hatten mehrere katholische Akteurinnen und Akteure auf kath.ch den Brief und die Wortwahl kritisiert. Seinem Ärger darüber, dass hier etwas «hochgeschaukelt» wurde, machte Bischof Felix Gmür auf dem letztjährigen Apero-Podium öffentlich Luft.
Am diesjährigen Dreikönigsapero des Katholischen Medienzentrums und der Paulus-Akademie in Zürich ging es harmonischer zu. Das lag wohl auch daran, dass sich diesmal kein Schweizer Bischof angekündigt hatte. «Alle haben aus verschiedenen Gründen abgesagt», erklärte Charles Martig, Direktor und Chefredaktor des Katholischen Medienzentrums. Dafür sassen auf dem Podium andere interessante Gäste: Renata Asal-Steger, bis Ende 2023 Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), ihr Nachfolger Roland Loos und die SRF-«Sternstunden»-Journalistin Judith Hardegger. Rund 90 Gäste hörten zu.
Charles Martig übernahm die Moderation und fragte als Erstes, wie die drei Podiumsteilnehmerinnen und -Teilnehmer die Ergebnisse der Missbrauchsstudie vom 12. September verarbeitet hätten. «Noch gar nicht», gab Renata Asal-Steger zu. Die Zahlen schwarz auf Weiss zu sehen und die konkreten Fallbeispiele zu lesen, habe sie nachhaltig «tief erschüttert». «Das lässt mich nicht mehr los und liegt wie ein Schatten auf mir», so die ehemalige RKZ-Präsidentin.
Auch Roland Loos sagte offen, dass die ersten Ergebnisse schon «brutal» gewesen seien. Aber es gehe noch weiter und werde nicht besser. «Wir müssen offen zugeben, dass die Katholische Kirche Schweiz in einer grossen Krise steckt. Sie wird an Wichtigkeit verlieren und finanzielle Probleme haben», war sich der neue RKZ-Präsident sicher.
Als Reaktion auf die Ergebnisse der Missbrauchsstudie schlug die RKZ noch im September vier Massnahmen vor. Darunter auch jene, die Finanzen an die Bischofskonferenz zu kürzen, sollte diese sich nicht konstruktiv auf die geforderten Massnahmen einlassen. Diese Forderung wurde aber wieder zurückgenommen, respektive nicht zur Abstimmung in die Plenarversammlung gebracht.
Ob die RKZ hier nicht eingeknickt sei, fragte Charles Martig provokativ. «Nein, uns war es wichtig, dass die Ideen von den Mitgliedern getragen werden. Es zeichnete sich bereits im Vorfeld ab, dass die allermeisten Kantonalkirchen explizit diesen Vorschlag nicht unterstützen», berichtete Roland Loos. Und er ergänzte: «Unser forsches Auftreten hat aber etwas ins Rollen gebracht.» Judith Hardegger meinte auf die Frage, ob aus ihrer Sicht die Massnahmen greifen würden: «Das wird sich zeigen. Die Talsohle ist jedoch noch nicht erreicht, an Fällen, die öffentlich werden und an der Vielzahl der Kirchenaustritte.»
Ein weiteres Thema, das die katholische Kirche im letzten Jahr beschäftigte, war die Weltsynode in Rom. Roland Loos war der Meinung, dass die Weltsynode in der Schweiz nicht zuoberst auf dem Zettel stand, weil die Missbrauchsstudie schwerer ins Gewicht fiel und zudem hier viel auf Diözesanebene geschehe.
Judith Hardegger fand jedoch, dass das Revolutionäre der Weltsynode die Beteiligung von Frauen und Laien gewesen sei. Für Renata Asal-Steger, die in Rom zusammen mit der Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds, Simone Curau-Aepli, ein Zeichen für mehr Frauenbeteiligung in der Katholischen Kirche setzte, ging es aber immer noch zu langsam, «bis sich etwas ändert».
Im Moment beschäftigt die Katholische Kirche in der Schweiz die «Segen für alle»-Debatte. Roland Loos erklärte, dass das beispielsweise ein «europäisches Problem» sei, das in Burkina Faso gar nicht diskutiert werde. «In manchen afrikanischen Ländern ist das Thema Homosexualität immer noch ein Tabu, wenn nicht sogar die Todesstrafe darauf steht», gab er zu Bedenken. Ein Tabu-Thema bei uns sei jedoch der katholische Umgang mit Polygamie, worauf in afrikanischen Ländern nach pastoralen Antworten gesucht werde. «Es ist wichtig, dass die Weltkirche universal bleibt, aber trotzdem regionale Lösungen gefunden werden», meinte er.
Als Ausblick auf das aktuelle Jahr wünschte sich Renata Asal-Steger mehr Mut zur Vielfalt. «Ich nehme eine stärker werdende Polarisierung in der Gesellschaft wahr. Wir sollten weiterhin verschiedene Meinungen schätzen, miteinander diskutieren und damit die Gemeinschaft stärken», sagte sie. Das letzte Wort hatte Charles Martig als scheidender Chefredaktor und Direktor des Katholischen Medienzentrums. Er bedankte sich für die letzten zwölf Jahre der Zusammenarbeit und «mache sich nun auf zu neuen Herausforderungen».
Zur Begrüssung und zum Abschluss des offiziellen Teils sangen Sternsingerinnen und Sternsinger aus Näfels/St. Hilarius. Sie wünschten den Anwesenden alles Gute im neuen Jahr.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/renata-asal-steger-missbrauchsstudie-liegt-wie-ein-schatten-auf-mir/